Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 48 (29.11.1918)
- Date
- 1918-11-29
- Page
- Seite 581 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 ' Das Jüdische Echo 581 Helden von Juda, Scharen und Schwärme, essen und trinken und feiern Feste. Von ihnen' hören die Männer von Modiin, was in der weiten Welt vorgeht (denn sie leben abgeschlossen inmitten ihrer Berge). Ach, die Engländer: das sind Teufel, keine Menschen. Was sie für Gewehre erfunden haben, was für Gewehre! Man kann damit drei Hyänen auf einmal erlegen. Und nun senkt sich die Sonne ins Meer. Ohne ein Wort zu sprechen, knien alle nieder, erheben ihre Blicke zu den goMumsäumten Flöhen der Berge und versinken dann in stilles Gebet. Der kleine Junge vertieft sich in Inbrunst, seine Bewegungen werden rascher, sein geschmeidiger, magerer Körper erbebt, und seine dünnen Finger spielen, ohne es zu wissen, mit den Schnüren, die meine Schuhe festhalten. Wahrscheinlich denkt er an das Paradies des Propheten und fliegt in Gedanken weit über die Berge, hört das Singen der Himmelsjungfrauen aus der Glut des Sonnenunterganges und sieht den weißen Bart des Propheten wallen in den weißen, feuergeränderten Wolken. Ich aber erhebe mich rasch, verbeuge mich vor den Betenden und gehe. Eine Reihe von Mädchen mit Krügen auf den Köpfen geht den Berg hinan. Ich will sie nach dem Weg zu den Gräbern fragen. Wie furchtbar ist dieser Ort! Gruben, Höhlen und Löcher ringsum, halb gedeckt von Felsplatten. Sicherlich, hier haben die kleinen Makkabäer einstmals ihre Spiele getrieben. Wie leicht ist es hier, sich zu verbergen. Jonathan! Simon! Jochanan! Elieser! Sucht mich! Und die Berge ringsum wiederholen: Sucht mich! Und Jonathan und Simon und Jochanan und Elieser springen wie die Hirsche von Stein zu Stein, klettern tief in Höhlen und Fellsspalten und suchen Jehndah. Jehudah, Jehudah, wo bist du? Und das Echo wiederholt: Wo bist du? Da plötzlich erscheint er, auf Händen und Füßen aus der Grube kletternd und laut lachend. Der Strahil des Abends rötet die Felsen, der Hirt kehrt heim und trägt im Bausch seines Kleides ein kleines, schwarzes, neugebornes Lämmchen. Der jüngste der Makkabäer springt mit einem Satze herzu, entreißt dem Hirten die Pfeife und läuft pfeifend vor der Herde her. Die Mutter steht in der Tür der Hütte und sucht und merkt endlich die Ursache des Lärmens. Sie ruft die Wildfänge und lacht. Blaue Schatten sinken von den Bergen. Aber nach manchen Tagen steigt Rauch' und Feuerschein aus den verborgensten Schriinden der Berge. Das Echo der Berge antwortet auf das Klopfen schwerer Hämmer, auf den Klang von Schwertern und Spießen und der Psalmen Davids. In der Tür der Hütte steht die Mutter, alt und mit faltigem Antlitz, und ihr müder, trauriger Blick müht sich, durch die Mauer der Berge zu dringen. Dorthin, wo der Tempel steht und auch der Feind. Und sie fährt zusammen und trägt auf ihrem gebeugten Haupte einen Schlauch Wasser hinüber, wo der Feuerschein loht. Ihr Hals ist wohl schon von Rauch und Müdigkeit trocken, und eilends, mit strauchelndem Tritt, hüpft die Alte von Fels zu Fels, ihnen den Trank zu bringen, und das kleine Hirschlein läuft ihr nach. Ach, wohin führen mich meine Träume! Die arabischen Mädchen sind' schon verschwunden, und ich weiß den Weg zu den Gräbern noch immer nicht. Sei nicht träge, gürte deine Lenden und springe noch ein bißchen. Und ich eile und hole sie ein. Da sind sie, rings um eine Grube, die mit einem großen Stein zugedeckt ist. Sie flüstern miteinander und lachen. Ihr könnt den Stein nicht fortwälzen? Laßt mich. Ich wälze ihn fort und decke das Becken, worin das Regenwasser gesammelt wird, auf. Habt ihr auf einen Hirten gewartet, der euch helfen wollte? Er ist wohl schöner als ich: die Söhne Modiins sind herrlich und stark. Ich will euch, nicht stören; sagt mir nur, wo der Weg zu den Gräbern ist. Ein schlankes Mädchen mit edlen Zügen, geschmeidig wie eine Dattelpalme, aber einäugig, erklärt mir den Weg. Ich höre kaum, was sie spricht, und kann den Blick nicht von ihr wenden. Ob ich trinken wolle? O, gern! Und sie hebt ihren Krug mit beiden Händen, neigt ihn zu meinem Munde, und ich trinke von der kalten Flut. „Gib mir Brot!“ Ich nehme den kleinen Laib Brot aus dem weißen Tuche, breche ihn in zwei Teile und gebe ihr die Hälfte samt dem Tuch. Von der Höhe des Hügels, über den ich steige, sehe ich noch das weiße Tuch auf ihrem rabenschwarzen Haar. Das sind sie! Neben den Gräbern steht, verfallen, halb in den Felsen gehauen, ein altes Bauwerk. Das Tor ist zerbrochen, der Fels und zwei Wände, überwuchert von wildem Gras sind allein übriggeblieben. Dem Tor gegenüber wächst ein alter Ölbaum mit dickem, hohlem Stamm. Ich sitze am Tore und aus der tiefen Stille ringsum höre ich Bruchstücke alter, verklungener Lieder. Denn hier saß die Mutter der Löwen und säugte ihre Jungen. Jehudah saß ihr im Schoß und wollte nicht schlafen, das Brausen des großen Meeres schlug an sein Ohr, das Kreischen der Adler, das Echo der Berge. Schon strahlen die Gipfel in rötlichem Feuer, schon hüllt Nebel die tiefen Täler ein. Die großen Augen des Knaben stehen aber noch weit offen und blicken starr ins Weite. Die Mutter wiegt ihn langsam im Arm und singt leise dazu: „Schlafe, mein Adler, schlaf ein. Die Welt läßt ihr Brausen jetzt sein. Im Weinberg und Garten und Haus Sind Lieder und Arbeit jetzt aus. Das Schiff schläft auf ruhiger See, Der Adler in himmlischer Höh’. Der Löwe pflegt auch seiner Ruh’ — Schlafe, mein Kindchen, auch du!“ Die Mutter reicht ihm die Brust, er trinkt aber nicht. Seine Augen sind offen, sein Ohr lauscht. Die Mutter singt: „Schlafe, mein Kindchen, schlaf ein! Die Nacht brach schon kühlend herein. Bald schwindet die Kälte der. Nacht, Der strahlende Morgen erwacht. Der Tau fällt, es regt sich die See, Der Adler in himmlischer Höh’, Der Löwe erhebt sich im Nu — Dann wachest, mein Söhnchen, auch du!“ Und der Löwe Jehudah erbebt, er schließt die Augen, schlägt sie noch einmal auf. Die Mutter senkt die Stimme noch tiefer, ihr Sang flüstert wie ein aus der Erde steigender Zauber: „Alles Erschaffne schlief ein. Nun klinget kein Lied und kein Reihn. Ein Kindlein, liegst du mir im Schoß — Ein Löwe wirst du, bist du groß; Jetzt saugst du an Mütterchens Brust, Bald teilst du die Beute mit Lust; Wirst groß, wirst ein Löwe bald sein —■ Schlafe, mein Löwe, schlaf ein!“ Der junge Löwe Jehudah ist eingeschlafen, die Mutter sitzt noch stille und sorgt, ihn durch eine