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Das jüdische Echo · 1918-11-29 · 48 (29.11.1918) · p. Seite 580

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
48 (29.11.1918)
Date
1918-11-29
Page
Seite 580 (sequence 4)
Language
German
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580 Das Jüdische Echo Nr. 48 Zu den Gräbern der Makkabäer. Von David Schimonowitsch. (Aus dem Hebräischen.) Im tiefen Tale, unter einem Johannisbrotbaum, sah ich den kleinen Hirsch noch. Was zieht mich ihm so nach, diesem zarten kleinen leichtfüßigen Geschöpfe? Stundenlang bin ich schon hinter ihm her, über die Berge hastend, vom Hügel: ins Tal hinab, vom Tal zur Höhe hinauf — meine Füße stoßen sich an spitzem Gestein, das Hemd klebt in Fetzen an meiner Haut und ich bin, ach, so matt und müde. Und seltsam, noch immer zuckt in mir die Lust, das Hirschlein zu haschen, bei den Hörnern zu greifen und mit ihm zu spielen: mit dem Hirsche von den Bergen Juda — dem Hirsch Israel! Auf einem steilen weißen Felsen, der wie eine Wand aufragt und über dem Tale hängt, ruhe ich aus. Vor mir, tief unten liegt das Tal — Felsblöcke liegen darüber hingestreut und, wenn ich von oben hinabschaue, wie nach einer geheimen Regel geordnet. Dazwischen auf schwankem Stengel wiegen sich blutrote, flammende Blüten. Lebendige, zitternde Schönheit sprießt aus der trauernden, sonnverbrannten Steinwüste. Und tief unten, in der Kehle des Tales, steht einsam ein uralter Johannisbrotbaum mit dichter Krone zwischen Felsblöcken. Und siehe! der Hirsch springt von Fels zu Fels, klettert über die Halde und verbirgt sich wieder hinter den schattenden Zweigen. Springe nur, mein Hirschchen, hüpfe über meine, deine Berge, durch meine, deine Täler. Hab ich dich gestört, hab ich dich aufgejagt? Ich ging einsam in die Berge, zu den Gräbern meiner Helden; und du weidest auf den Hügeln, unschuldig, fröhlich und frei. Da erblickte ich dich: wie man einen kleinen lieben Bruder erblickt: mein Herz zog mich zu dir. Aber ich bin wohl zu mühselig, zu alt und schwerfällig und mutlos, um dir ein Bruder zu sein. So springe, lieber Bruder, hüpfe über die Berge Juda — ich will einsam meinen Weg weiter gehen. Die Sonne brennt auf meinen Nacken, ich berge mich unter der Felswand, die das Tal überragt und siehe da! ein Pfad schlängelt sich v.or mir, Noch einen Abschiedsblick nach dem Hirsche und dann schlage ich den Pfad ein. Aber ich kann mich nicht bezwingen, noch einmal wende ich mich nach dem Tale um. Da schüttelt der Hirsch! sein Geweih. Will er eine lästige Mücke verjagen oder grüßt er mich? Lebwohl, leb wohl, mein Hirschchen! Ich winke mit dem Tuch, in das ich ein Stück Brot und ein Büschel Zwiebeln gebunden habe. Lebwohl, lebwohl, antwortet ein vielfaches Echo. Und ich verfolge meinen Pfad weiter. Mit Sonnenaufgang hatte ich mich auf den Weg nach Modiin gemacht, der Heimat der Hasmonäer. Ich sagte meinen Freunden kein Wort, damit niemand mich begleite; allein wollte ich den Weg machen und ganz allein dort sein. O Heimat, Heimat! Warum will ich nicht, daß mich ein fremdes Auge sieht, wenn meine herzliche Liebe ausbricht? Du verwaiste Mutter! Jugendschöne blüht in deinen Runzeln! Zu dir, du Sanfte, Wilde! Sanft wie eine Hindin über den Hügeln und wild wie eine Löwin der Wüste! 0 Heimat, Heimat — was für ein Zauber knüpfte die Fäden, womit ich an dich gebunden bin? Ist es die Trauer deiner Wüste, was mich zu dir zieht, oder der Traum deiner Zukunft, den ich in tausend Nächten gewoben, oder ist es der Nachhall deiner Vergangenheit, der aus vergessenen Abgründen meiner Seele empordringt? Er steigt empor von rauschenden Wasserfällen, aus grausen Felsspalten, vom Nabel der Berge und aus der Tiefe der Gräber Meine Seele, verzehrt von Liebe, dürstet nach Liebe. Wo soll ich all die Liebe enthüllen, die die Tage und Jahre in meiner Seele wachsen Jießen, wem soll ich die rastlose Sehnsucht und die dunklen Träume vererben? Da offenbarst du dich mir, zart und wild wie meine Seele, dürstend nach Liebe und fast verschmachtend — o Heimat, meine Heimat! Ich verfolge meinen Pfad,. Schluchten öffnen sich, Felswände hängen über mir. Meine Schuhe sind nur mehr Fetzen aus Leder, mit Schnüren notdürftig festgebunden. Wenn ich mich bücke, die Knoten fester zu schürzen, und dann den Kopf wieder hebe, ist die Landschaft ringsum wie neu. Drüben im Tale bewegen sich kleine Gestalten: was ist es? Ich spähe angestrengt hinüber. Pflüger sind es, die langsam ihre Furchen ziehen. Einer schlägt auf seinen Esel ein, der, miide von der Arbeit und dem heißen Tage, nicht mehr vorwärts will. Und nahe, da, am Hange des Berges drüben, steht ein junger Hirt, ein Schaffell mit der Wolle nach außen um die Schultern, auf den Stab gelehnt, und schaut nach mir herüber. Ein Schafpelz bei dieser Sonnenglut! Fühlt er noch immer die Kälte der Nacht in den Gliedern? Oder fröstelt ihn auch unter Tags im Schatten der Berge? Wie wohlig wäre es drüben im kühlen Schatten! Aber nein, der Tag ist kurz, wer weiß, ob ich noch vor Sonnenuntergang nach Modiin komme. Weiter, weiter — wenngleich ich nicht weiß, welcher der richtige Weg ist. Ist es mein Pfad? Es schlängeln sich ja Dutzende von Pfaden durch diese Wirrnis von Gesträuch und Felsen. Da plötzlich blitzt es von fern wie ein geschliffener schwarzer Spiegel, und nun bin ich ruhig. Man hat mir gesagt: Wenn du das Meer erblickst, dann wisse, daß du vor Modiin bist. Modiin ist der höchste Ort, und von dort aus sieht man das Meer in der Ferne liegen, weit, weit. Noch ein kleiner Anstieg, und ich sehe die Lehmhütten, hingekauert zwischen den Bergen, und die in den Fels gehauenen Gelasse. Und noch mehr als eine Stunde bis zum Sonnenuntergang! Gott hat mir geholfen, ich bin im Dorfe. In einem tiefen steinernen Tor, auf Fliesen von Fels, sitzen die Alten des Dorfes in langen schwarzen Abajes und halten einen ernsten Rat über die Steuern und über das neue Gewehr, das die Engländer erfunden haben, und über die Hyäne, die sich in den Bergen gezeigt und ein Lämmlein und einen Widder geraubt hat. Ich grüßte,, sie erwiderten und machten mir Platz. Ein kleiner Junge saß zu meinen Füßen und untersuchte, mit Eifer die Reste meiner Schuhe. Woher und wohin? Ah, zu den Gräbern der jüdischen Helden. Backschisch! Bringt dem Gaste Wasser! Und der kleine Junge schleppt eilends einen Krug Wasser herbei. Was gibt’s denn neues drüben, jenseits der Berge? Ich betrachte sie: sie sind wie rersblöcke von den Bergen von Modiin, und der Glanz des großen Meeres leuchtet in ihren Augen. Und wie Hirsche so leicht sind sie in jeder ewegung. Es kommen viele hierher, zu den

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