Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 47 (22.11.1918)
- Date
- 1918-11-22
- Page
- Seite 569 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47 Das Jüdische Echo 569 Das Prinzip der Verhältniswahl muß auch für die kommenden Münchener Kultuswahlen maßgebend sein. Über den § 70 des Gemeindestatuts, der Mehrheitswahl vorschreibt, könnte man sich angesichts der veränderten Verhältnisse unschwer hinwegsetzen, man wird hierzu — ebenso wie seither zu der satzungswidrigen Verlängerung der Mandatsdauer — die Zustimmung der Staatsaufsichtsbehörden erhalten. Will man das nicht, so ist auch der ordnungsmäßige Wegder Statutenänderung unschwer gangbar. Man veranlasse schleunigst die Verstärkung des Gemeindeausschusses um 9 Mitglieder für die Zwecke der Statutenrevision (§ 16 des Gemeindestatuts) -- da die Wählerlisten abgeschlossen vorliegen, kann diese Wahl in wenigen Tagen durchgeführt werden — und beschließe die Änderung der einschlägigen Statutenbestimmungen. Es liegen in der neueren bayerischen Gesetzgebung (Gemeindewahlgesetz von 1908, Kirchengemeindewahlordnung von 1912) sehr geeignete Vorbilder vor, die ohne erhebliche Schwierigkeiten den Verhältnissen der jüdisch^i Gemeinde angepaßt werden können. Man wende nicht ein, daß dies eine zu große Verzögerung der Wahlen mit sich bringen würde! Wir haben in den Oktobertagen dieses Jahres erlebt, wie Reichstag und Bundesrat in wenigen Sitzungen grundsätzliche Änderungen der Reichsverfassung von ganz anderer Tragweite beschlossen haben. — Auch der Hinweis auf die Notwendigkeit einer allgemeinen Statutenrevision kann gegen die Vordringlichkeit einer Änderung des Wahlverfahrens nicht ins Feld geführt werden. Die allgemeine Revision mag ruhig auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Die Beschlußfassung muß auch dem nach den neuen Grundsätzen gewählten Verwaltungsausschuß Vorbehalten werden. Die Verwaltungen der israelitischen Großgemeinde München werden zeigen müssen, ob sie den Anforderungen dieser Zeit gewachsen sind. Gesamfrepräsentanz der Ostjuden in München. Im Zusammenwirken aller ostjüdischen Vereine wurde am 19. November ein repräsentativer „Gesamtausschuß der Ostjuden Münchens“ eingesetzt, der bevollmächtigt und beauftragt ist, die gemeinsamen Interessen aller in München lebenden Ostjuden wahrzunehmen. Mit Einsetzung dieser Körperschaft ist für das Leben der Ostjuden in München ein großer Fortschritt erzielt. Es ist nunmehr endlich eine Instanz geschaffen, die nach außen hin die Ostjuden vertreten wird und erwarten kann, bei Arbeiten der Gemeinde und sozialer Organisationen, an denen die Ostjuden interessiert sind, zur Mitwirkung herangezogen zu werden. Seine nächste unmittelbare Aufgabe sieht der Gesamtausschuß darin, den Verleumdungen entgegenzuwirken, die gegen die Ostjuden als Gesamtheit umlaufen. Soweit Übergriffe Einzelner geeignet sind, als Vorwand für solche Vorwürfe zu dienen, werden energische Maßnahmen gegen diese Übergriffe getroffen werden und sind teilweise schon im Gange. Eine weitere wichtige Aufgabe des Augenblicks ist die soziale Fürsorge für Heeres-Entlassene der in Rede stehenden Kreise. Über die weiterhin entstehenden mannigfaltigen Aufgaben wird der Gesamtausschuß von Fall zu Fall entschließen. Wünsche und Anregungen wird er gerne entgegennehmen. Die vorläufige Adresse ist: Gesamt-Ausschuß der Ostjuden Münchens, Ohmstr. 20/o links, , A J.R. Das Unumgängliche, längst als eine Lebensnotwendigkeit Erkannte und doch eifrigstem Bemühen bisher nicht Gelungene ist nunmehr Ereignis geworden: Eine Gesamtrepräsentanz aller ostjüdischen Vereine Münchens ist am 19. November ins Leben gerufen worden. Es bedurfte des großen Ernstes der Zeit und der erdrückenden Schwere der gegenwärtigen Situation, einer Situation, wie sie die bayerische Metropole und ihre Judenheit nie sah .oder auch nur ahnen durfte, um das erfreuliche Ergebnis zu ermöglichen. Indessen, die Rücksicht auf die besonderen Zeitumstände mochten wohl den Erfolg beschleunigt haben, geschaffen und verbürgt hat ihn die langsam heranreifende Selbsterkenntnis und das erwachende Selbstbewußtsein einer Gemeinschaft, die nahe daran war, bald keine mehr zu sein. Das Selbstbewußtsein, das zugleich Pflichtbewußtsein ist, eine Selbsterkenntnis, die Selbsterhaltung bedeutet. Die Not der Stunde ist es, die der entscheidenden Tat die Wege gebahnt, die Forderungen und Bestrebungen jedoch, denen diese Tat gilt, sind alt, so alt, wie östliches Judentum auf deutschem Boden selbst. Sie beziehen sich auf die Gesamtheit der ostjüdischen Lebensäußerungen und Lebensnotwendigkeiten in ihrer vollwertigen und vollberechtigten Eigenart. Der Erhaltung und Entfaltung der ostjüdischen Lebenswerte in Organisation und Erziehung, in gemeinschaftlicher Solidarität und völkischem Wollen in Welt- und Lebensanschauung gilt die große Tat und der Sinn der Einigung. Ihr Daseinsrecht und ihre Erfüllung. So ist es. Und daß es so ist dafür bürgen der Ernst und die Bedeutung, aber auch die Möglichkeiten der Stunde. Dafür bürgen die Männer, die von der einmütigen Willenskundgebung der Ostjudenheit Münchens am 19. November zu hoher Pflichterfüllung berufen worden sind. Zum mannhaften Entschluß beglückwünschen wir. die Wähler, zu segensreichen Werken rufen wir die Gewählten. L. R. Nalionalausschuß und Kongreß der Juden Deutschlands. Am 13. November fand in Berlin eine Versammlung der Berliner Zionisten in den Prachtsälen des Westens statt, die einen so starken Besuch hatte, daß der große Saal überfüllt war und die Zuhörer bis auf die Straße standen. Die Versammlung wurde von dem Vorsitzenden der Berliner Zionistischen Vereinigung, Herrn Dr. Egon Rose n b e r g, eröffnet. Hierauf sprachen die Herren Dr. Hantke, Dr. Klee, Kurt Blume n f e 1 d, Nahum G o 1 d m a n n. Herr K a u f f - mann und Leo Herrmann. Alle Redner erklärten, daß das Nationaljudentum in Deutschland gegenwärtig in aller Deutlichkeit seine nationalen Forderungen erhebt, daß es alle deutschen Juden zu ihrer Unterstützung auf rufe und überzeugt sei, daß diese Forderungen angesichts der demokratischen Umwälzung in Deutschland Erfüllung finden werden. Zum Schlüsse der Versammlung wurde unter stürmischem Beifall nachstehende Resolution angenommen: „Die Versammlung der Berliner Zionisten vom 13. November begrüßt den Beschluß des Zentralkomitees der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, der unter Zuziehung der Vertreter der nationaljüdischen und zionistischen Gruppen Berlins gefaßt worden ist, einen „Nationalausschuß der Juden Deutschlands“ zu schaffen, der