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Das jüdische Echo · 1918-11-15 · 46 (15.11.1918) · p. Seite 562

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
46 (15.11.1918)
Date
1918-11-15
Page
Seite 562 (sequence 10)
Language
German
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562 Das jfidfsclia Echo Nr. 46 die man nicht gar zu tragisch nehmen muß — weil Menschenhaß immerdar werde getragen werden müssen; und wieder trifft er sich hier mit jenem gedankenlosen Judentypus, der bei gegenteiliger Begründung den Judenhaß als „vorübergehende Erscheinung“ betrachtend, zu derselben Folgerung gelangt, daß man ihn vernachlässigen könne. Im Worte ihn kurzerhand als „Narretei“ oder „vorübergehende Erscheinung“ abtun — im Leben aber sich innerlich nicht über ihn erheben zu können, das kennzeichnet Brunner ebenso wie jenen „liberalen“ Judentypus. Und schließlich die letzte, tiefste Ähnlichkeit: beider Rat lautet: „Man überwindet den Antisemitismus, indem man sein Deutschtum stärkt.“ Man könntte darüber des langen und breiten sprechen; hier aber sei nur die gegenteilige Meinung eines, dem die jüdische Gemeinschaft noch) heute lebendig ist, niedergelegt: „Man überwindet den Antisemitismus, indem man sein Judentum stärkt“. Man überwindet ihn nicht, indem man wie die „Vaterländische Gesellschaft“ des Herrn Brunner oder wie mancher führende Geist des „Zentralvereins“ immer wieder zum Hohn der Feinde und ohne absonderliche Würde versichert, man sei kein schlechterer Deutscher als der christlich Geborene; wohl aber überwindet man ihn, indem man das Schild des Judentums so blank leuchten läßt, daß trübe Erscheinungen davor verblassen. So lautet unsere Devise: Wirket nach innen und stärket das jüdische Leben, und unsere Kinder vornehmlich und in erster Linie zum Vergnügen an alt-fritzischen Soldatenspielen und Hingabe an Luther zu erziehen, daß das unsere ersten jüdischen Pflichten wären, das lassen wir uns von der größten Geistreichigkeit nicht aufschwatzen. Dr. R. Straus. Feuilleton Der Rabbi von Rothenbmrg. Novelle von David Feuchtwang. (Fortsetzung.) Die Rothenburger konnten den Schlag nie mehr überwinden. Nie erholte sich das einst so blühende Gemeinwesen. Die unauslöschliche Liebe zur heimatlichen Scholle führte allerdings bald wieder Hunderte in die altehrwürdige Gemeinde zurück und bald blühte neues Leben auf. Es kamen ruhigere Tage, aber immer wieder brachen aus den glimmenden Funken des stets geschürten Hasses verzehrende Flammen hervor, welche das kaum wiedererbaute Judenviertel einäscherten. Ausweisungsbefehle hielten die schwer heimgesuchte Bevölkerung beständig in Atem; die gesammelte Ruhe war für immer dahin. So zitterten und zagten Rothenburgs Juden durch Jahrhunderte, bis das Jahr 1520 die endgültige Austreibung aller Juden brachte. Ein Hetzkaplan, Dr. Teuschlein von Friedenhausen, ehemaliger Professor an der Universität Wittenberg, hielt in Rothenburg aufstachelnde Reden und verkündete, daß alles Unheil der Bauernkriege von den Juden käme; die Stadt müsse von dieser Plage befreit werden. Der weise Rat sah die Richtigkeit dieser Behauptungen ein und setzte den Ausweisungsbefehl durch. So verließen die armen Juden, die als treue Bürger und fleißige Kaufleute der Stadt nur zum Segen gewesen und ihren harten Verpflichtungen immer nachgekommen waren, die liebgewonnene Stadt, um sie nie wieder zu betreten. Trauernd zogen sie durch die Tore und zerstreuten sich in die umliegenden Dörfer und Flecken. Volkslieder aus dieser Zeit besingen mit Spott und Hohn dieses traurige Judenschicksal. Rothenburg wurde nicht mehr von Juden besiedelt und bis zu den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts von Juden gemieden. In Mainz, der alten großen Judengemeinde, saß Rabbi Mei’r aus Rothenburg in höchsten Ehren auf dem berühmten Rabbinerstuhle. Seine Kraft war ungebrochen. Hunderte Schüler besuchten sein weltberühmtes Lehrhaus. Seine Talmuderklärungen wurden niedergeschrieben und gesammelt und sollten in Zukunft als letzte Tosaphot den klassischen Bemerkungen der Talmudisten Frankreichs einverleibt werden. Mei’r _ verwuchs mit seiner Gemeinde. Auch sein häusliches Glück mehrte sich. Wackere Söhne und Töchter wuchsen ihm auf, die er würdigen Frauen und Männern vermählte. Doch die Vorsehung hatte ihn zum Märtyrer auserkoren. Im Jahre 1283 zog Gerbaldus Ring aus Ulm mit einer Kindesleiche auf dem Rücken von Ort zu Ort und hetzte den Pöbel gegen die Juden, die angeblichen Kindesmörder. Der Knabe war der später heilig gesprochene Werner. Die Verfolgungswut steigerte sich bis zur Raserei. Überall wurden die Juden gemordet und geplündert. Die blühendsten Gemeinden wurden gebrandschatzt, so daß es ihnen unmöglich wurde, die ungeheuere Steuerlast zu tragen. Am ganzen Rhein traf die Juden das gleiche, traurige Geschick. Waisen- und Stiftungsgelder mußten angegriffen werden, um die Gier der blutsaugerischen Behörden zu stillen. Trotz der Zeiten Not erhob Mei'r dagegen seine mächtige Stimme. Und man hörte auf den verehrten Lehrer und ließ die heiligen Gelder unangetastet. Es drohte allgemeine Verarmung. Hunderte griffen gramgebeugt zum Wanderstabe. Züge von Auswanderern sammelten sich, um in die Fremde oder in das Land der Väter, das Heilige Land zu ziehen. * Auch Rabbi Me'ir faßte mit den Seinen den Entschluß nach hartem Seelenkampfe. Haus und Heimat zu verlassen und nach Palästina zu ziehen, wo sich unter der Herrschaft des Großkhans Argun und seines jüdischen Ministers die Lage der Juden günstig gestaltet hatte. Das Beispiel des beißgeliebten Rabbi veranlaßte Hunderte zur Nachahmung. In geheimer Beratung wurde der Reiseplan besprochen und rasch vollführt. Eine bejammernswerte Karawane tiefgebeugter Auswanderer setzte sich nach dem Süden in Bewegung. Nur Eingeweihten war es bekannt, daß auch der große Meister sich unter den Flüchtlingen befand. Tag und Nacht ging es über Berg und Tal unter Not und allerlei Gefahr. Aber auch auf diesem Leidenswege erwies sich die Seelengröße Me'irs und seiner edlen Gattin. Er tröstete und stärkte die Verzweifelten. Martha sprach den Müttern und Kindern Mut zu und verlor keinen Augenblick das Gottvertrauen. So gelangte man in die Lombardei. Mit scheelem Auge hatten Fürsten und Herren den Fortzug so vieler Hunderte von Juden mitangesehen, die ihnen zu jeder Zeit ergiebiger Saugboden für ihre unstillbare Geldgier gewesen waren. Man sann nach Mitteln, der Auswanderung ein zuel zu setzen. Zunächst beschuldigte man die Juden, daß sie es mit dem in Neuß aufgetretenen falschen Kaiser Friedrich hielten, um Rudolfs Sturz zu fördern. Späher und Häscher wurden ausgeschickt. Ein getaufter Jude, Knippe mit Namen. erkannte in einem lombardischen Dorfe

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