Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 46 (15.11.1918)
- Date
- 1918-11-15
- Page
- Seite 563 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46 Das Jüdische Echo 563 Rabbi Meir. Sofort benachrichtigte er den Grafen Meinhart von Görz von seiner Entdeckung. Reicher Sündenlohn war ihm sicher. Meinhart ließ Me'ir gefangennehmen und sofort in Gewahrsam bringen. Er wurde als kostbare Geisel betrachtet. Man spekulierte mit Recht, daß die deutsche Judenschaft die höchsten Lösegelder für den gefangenen, unendlich verehrten, ja vergötterten Rabbi zahlen würde. Welch ein Schicksal! Er, der die Auslösung Gefangener so oft unter großen Gefahren und mit den schwersten Opfern vollführt hatte, nun selbst Gefangener des Staates! Bestürzung befiel alle deutschen Juden, als die Kunde von Mei'rs Verhaftung zu ihnen drang. Aus der Mitte der Leidensgefährten in der Lombardei war Meir plötzlich verschwunden. Keiner ahnte den Verrat; das wachsame Auge der Getreuen konnte das Unglück nicht verhüten. Verzweifelt und wehklagend hörte Martha die Hiobsbotschaft. Der Freunde Trost und die feste Zuversicht, daß die Auslösung nicht lange auf sich warten lassen könne, das felsenfeste Gottvertrauen, richteten die schwer getroffene Gattin wieder auf. Rabbi Meir wurde auf geheimen Wegen und gut bewacht nach dem festen Städtchen Ensisheim im Elsaß gebracht und in der Burg gefangen gehalten. Die Größe des seltenen Mannes und die heiße Verehrung seiner Glaubensgemeinde waren den Staatsbehörden wohlbekannt. Man behandelte den auch Andersgläubigen ehrfurchtgebietenden Rabbi, auf dessen Antlitz ein Abglanz göttlicher Majestät gegossen war, mit einiger Milde. Die Strenge der Haft wurde aber dadurch nicht viel erträglicher. Rabbi Meir tröstete seine Umgebung. „Nur um mich zu prüfen,“ pflegte er zu sagen, „hat Gott mich hierher geschickt. Vielleicht wird meine Gefangenschaft meinen Brüdern Rettung und Erlösung bringen. Denn, was ist mein Vergehen, daß man mich gefangen hat? Es wird ein besserer Geist in die Berater der Herrscher kommen und Gott wird ihnen ein Herz von Fleisch an Stelle des Herzens von Stein geben, und sie werden sich unser erbarmen. Wir müssen wissen, daß wir wegen unseres Festhaltens am Glauben der Väter verfolgt und gehaßt werden, und uns um keinen Preis der Welt vom Glauben an den Einzigen entfernen. Das verwandelt unsere Leiden in stolzes Selbstbewußtsein, unseren Kummer in Seelengröße.“ Solche Worte wirkten. Die Gefängniswächter gestatteten, daß Rabbi Mei'r täglich in seinem Gewahrsam mit „Minjan“ bete. Und er benützte diese Gelegenheit dazu, an das Gebet Talmudvorträge zu schließen. So vergingen einige Monate; täglich wartete man auf die Freilassung des unschuldig Verhafteten. Die Regierung veranlaßte aber nichts. Es war, als hätte man des verhafteten Rabbis gänzlich vergessen. Alle Juden Deutschlands hatten jetzt nur eine Sorge, wie ihr Meister und Lehrer aus der Haft zu befreien wäre. (Fortsetzung folgt) Gemeindenu. Vereins-Echo (Unsere Leser sind zur Einsendung von Mitteilungen aus Gemeinden und Vereinen und von Personalnaohrichten, die In diesen Spalten gerne Aufnahme finden, höfliohst eingeladen.) Die Zionistische Vereinigung Frankfrut a. M. schreibt uns: Am Donnerstag, den 7. November begann in unserem Heim, Unterlindau 21, Herr Jacob W o 1 f f einen Zyklus von Vorträgen über das Thema: „In wieweit entspricht die altisraelitische Staatsverfassung modernen Grundsätzen“. In seinem einleitenden Vortrag gab der Redner einen kurzen Überblick über die gesamten Gebiete der israelitischen Staatsverfassung und räumte gründlich mit der nach seiner Vorstellung irrigen Auffassung, daß die jüdische Staatsverfassung eine rein theokratische gewesen sei, daß also der israelitische Staat einzig und allein geleitet würde von dem direkten Eingreifen Gottes, auf. Der Redner zeigte in eingehenden Ausführungen, daß die jüdische Staatsverfassung eine rein demokratische gewesen sei, daß eine Volksherrschaft im besten Sinne des Wortes bestand, und daß die Nationen heute noch viel aus dieser Verfassung lernen könnten. Eins der wichtigsten und einschneidendsten Gesetze dieser Staatsverfassung sei gewesen Chukkoh: „achas tijeh löchern welager hagor“, wie sehr habe die Judenheit gerade unter dem Fehlen eines solchen Gesetzes im Galuth gelitten! Ein seihend besprach! dann auch noch der Redner die spätere Einrichtung des Königtums und die Rechte und Pflichten des Königs, um am Schlüsse zu zeigen, wie gerade das Abweichen von der demokratischen Staatsverfassung den Verfall des Reiches einleitete. In seinem nächsten Vortrag beabsichtigt der Redner eingehend die Ehe und Priestergesetze zu behandeln. — Dem sehr instruktiven Vortrag schloß sich eine eingehende Diskussion an, in welcher sich u. a. Herr Dr. R a b i n gegen die Auffassung des Referenten über die Theokratie wandte, da er meinte, daß man bei dem jüdischen Staat nur von einer theokratischen Auffassung ausgehen könnte, worauf noch einmal der Referent in seinem Schlußwort eingehend zurückkam. Der sehr starke Besuch der Versammlung zeigte, welch ungeheueres Interesse z. Z. für dieses Thema besteht. Gründung einer Ortsgruppe der zionistischen Föderation „Misrachi“ in München. Auf Einladung eines Komitees hatten sich am 10. November im Lokal des Jüdischen Wanderbundes „Blau-Weiß“ eine größere Anzahl Herren und Damen eingefunden, welche nach einem eigehenden Referat des Herrn Privatdozenten Dr. Adolph Fraenkel die Gründung einer Münchener Ortsgruppe des „Misrachi“ beschlossen. In die aufgelegte Liste zeichnete sich sofort eine größer Zahl von Mitgliedern ein, welche die Herren Justizrat Dr. Emil Fraenkel, Jos. Adler und B. Steinlauf in den Vorstand wählten. Die Ortsgruppe „Misrachi“ wird in nächster Zeit mit einem öffentlichen Vortrag hervortreten. Es ist außerordentlich begrüßenswert, daß sich damit ein Kreis, der wohl schon immer den zionistischen Bestrebungen nahe stand, zu zionistischer Betätigung zusammengefunden hat. Nationalfondssipende. Geschwister Bohirer an-* läßlich der Heimkehr ihres Bruders Moritz: M. 5.—* Jüdischer Wanderbund ..Blau-Weiß“. München. Sonntag, den 17. ds. wegen der unsicheren Verhältnisse keine Fahrt. Alles trifft sich um 3 Uhr nachmittags im Stadtheim. Jüdischer Turn- und Sport - Verein, München. Die auf 9. d. Mts. festgesetzte Generalversammlung mußte infolge der politischen Ereignisse verschoben werden und findet nunmehr Samstag, den 23. November 1918 abends präzis 8 Uhr im Gesellschaftszimmer des Hotels Union (Barerstraße) statt Der Turnrat.