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Das jüdische Echo · 1918-11-15 · 46 (15.11.1918) · p. Seite 561

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
46 (15.11.1918)
Date
1918-11-15
Page
Seite 561 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 46 Das Jüdisch« Echo 561 höheren Begriffs (Menschenhaß) mit dem Teilbegriff (Judenhaß), daß man den Verfasser, der so plump unmöglich geirrt haben kann, zu einer etwas ernsthafteren Behandlung seines Themas auffordern möchte. Glaubt er wirklich an die Ewigkeit des Judenhasses, so müßte er dafür wohl auch ernstliche Gründe haben; diese aber verschweigt er völlig. Daß — vergl. These 2 —, Judentum gleich Christentum sei, mag vielleicht philosophisch bis zu gewissem Grade richtig sein; in der Erörterung der Gegenwartsfragen aber Jude Christ zu setzen, ist doch nur da zulässig, wo an einem geistreichen Apercu allein gelegen ist, nicht aber wo eine sachliche Behandlung politischer Probleme angeblich beabsichtigt ist. Daß — drittens und viertens —■ Antisemiten und Zionisten „Narren“ seien, ist schließlich auch eine Formulierung, die aparter klingt, als sie ernstgemeint sein kann. Denn daß es unter Antisemiten und Zionisten viele ernste Männer gibt, wird — festgenagelt — Herr Brunner-Wertheimer ebenfalls kaum bestreiten. Er will in seiner geistreich-geschwollenen Redeweise nur sagen, daß die gedanklichen Grundlagen des Antisemitismus und Zionismus falsch seien. Und in den hierher bezüglichen Erörterungen sagt das sonst so schwatzhafte Buch manches Gute — obwohl nicht Neue. Auf die Antisemiten hat der Verfasser einen rechten und ehrlichen Zorn, und von hier aus durchzieht das Buch eine Wärme, die mit seinen sonstigen Fehlern fast ein wenig versöhnen könnte. In Fragen des Antisemitismus ist der Verfasser kompetent, hier hat er sich vertieft; er nimmt, wie wir sahen, den Antisemitismus so ernst, daß er eine immerwährende Erscheinung in ihm erblickt. Man sollte nun meinen, daß sich mit dieser gewichtigen Auffassung die Bezeichnung des Antisemitismus als „Narretei“ nicht vereinbaren ließe — nun, überlassen wir denen, die das Buch ernst nehmen, sich mit den Ungereimtheiten des Buches auseinander zu setzen. Die zahlreichen Ungereimtheiten des Buches erklären sich alle aus einem Punkte; Der Verfasser bestreitet die Existenz einer jüdischen Gemeinschaft (S. 108). Natürlich kann man von diesem Standpunkt aus weder dem Antisemitismus, dem doch bekanntlich auch mancher Einsichtige verfallen ist, noch den Juden gerecht werden, und man begreift nicht recht, wie der Verfasser dazu kommt, über die Juden so ein dickes Buch zu schreiben, nachdem er die jüdische Gemeinschaft leugnet. Und doch wird dieser Reiz, den das Thema auf den Verfasser ausgeübt hat, erklärlich, wenn man beobachtet, wie verschieden gewichtig er seine beiden Themahälften: „Antisemiten“ und „Juden“ behandelt. Die ersteren werden mit den allerschwersten Geschossen nachhaltig bombardiert, trotzdem die „unglücklichen Narren“ dieses Kraftaufwandes kaum wert sein könnten; die „Juden“ aber —. wie schleierhaft dieses irreale Gebilde und seine Bedürfnisse dem Verfasser erscheinen, geht aus den Schlußkapiteln seiner Ausführungen hervor, die den zweiten Teil! seines Themas.und die Juden“ behandeln. Der kuriose Schluß des Ganzen lautet auszugsweise so: „Deutsche jüdischer Abstammung, seid Männer! Desertieret nicht, wie die Täuflinge, aber verfallet auch nicht der Narretei derer, die wie die Zionisten auch noch die Existenz einer jüdischen Gemeinschaft weismachen wollen. Wisset vielmehr, daß euer Judentum die einzige, große menschliche Wahrheit ist; wenn ihr das aber nicht wißt, so macht das auch nichts, denn dann träumt ihr sicherlich von dieser Wahrheit (S. 323). Gründet die „Vaterländische Gesellschaft der Deutschen jüdischer Abstammung“ mit dem Sitze in Berlin, deren Aufgabe es ist. die Gedanken über den Staat zu erhellen und das deutsch-nationale Bewußtsein zu stärken — (als ob das das Problem wäre! Der Rezensent.) —. und legt die jüdischen Namen ab, weil diese so aufreizend wirken (S. 255); die „jüdischen Nasen“ kann man ja nicht so leicht ablegen, wiewohl auch das erwünscht wäre — das tut aber auch nicht not, nachdem die „jüdische“ Nase nachgewiesenermaßen eigentlich „arischen“ Ursprungs ist.“ So der Verfasser, dem es genügt, wenn aus einem Leo Wertheimer ein völlig unverdächtiger Constantin Brunner wird, und der — wieder merkwürdig bei einem sonst hellen Geiste — gar nicht sieht, wieviel bei dieser Methode schließlich übrig bleiben muß von der geistigen jüdischen Sonderart, die ihn selbst angeblich mit Stolz erfüllt. Der tatsächliche Erfolg dieser Mittelchen wäre nur der, daß auch die „jüdische Abstammung“, diese dürftige Reminiszenz an die angeblich erstorbene jüdische Gemeinschaft unter den Tisch fiele. Das Allerkurioseste aber ist, daß der Verfasser seine Vorschläge selbst als neu betrachtet. Ist der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ etwas anderes als des Verfassers „Vaterländische Gesellschaft“? Nein —■ bis auf den Wortsinn des Namens ist es dasselbe. Hat man auf Herrn Wertheimer gewartet, um aus dem „Moses“ erst einen „Moritz“ und später einen „Max“, schließlich wohl auch einen „Werner“, „Günther“ oder „Xaver“ werden zu lassen? Solche praktische Namensänderungen können zur tatsächlichen Bekämpfung — oder wenigstens Schadlosmachung des Antisemitismus zwar beitragen — aber in diesen Forderungen ein 426 Seiten langes, überaus anspruchvolles Buch gipfeln zu lassen, das heißt doch seinem Gegenstand und seinen auf diesen bezüglichen Fähigkeiten durchaus ahnungslos gegenüberstehen. Wenn der Rezensent dieses Buch trotz seiner tatsächlichen Unfruchtbarkeit so ausführlich behandelt hat, so hatte er dafür einen Grund. Wir kennen alle jenen jüdischen Bürgertypus, der sich selbst zu überreden sucht, von einem lebendigen Judentum erfüllt zu sein, und bei dem nichts oder doch fast nichts Jüdisches zurückbliebe in dem Augenblick, wo plötzlich der Antisemitismus, jener ständige Mahner: „Mensch, bedenke daß du ein Jude bist“ verschwände. Um lebendiges Judentum zu sehen, müssen diese Menschen 2Lh Jahrtausende zurückgreifen, und das — ihnen meist völlig unbekannte — Prophetentum des israelitischen Reiches ist ihre Verlegenheitsphrase, wenn sie ihr Bekenntnis zum Judentum ablegen sollen. Fast alle sind sie zu unkritisch, um zu erkennen, daß ihnen in Wahrheit das Judentum vielmehr ein „Unglück“ als eine „Mission“ bedeutet. Und weil es ihnen vor allem als ein persönliches Unglück, als eine Schwäche erscheint, behalten sie wenig Ruhe und Haltung gegen die Antisemiten, die mit Lust in ihrer Wunde herumstochern. Brunner bekennt sich als Geistesverwandter dieses Typus, indem er gleichfalls dem Antisemitismus ohne das vom Philosophen auch für den Gegner zu erwartende Verständnis gegenübertritt. Das Judentum, das für ihn als Gemeinschaft nicht mehr vorhanden ist, ist es nicht, das ihm die Feder für dieses Buch in die Hand gedrückt hat, sondern nur der Wunsch, den Judenhaß zu bekämpfen. Zugleich aber vermeint er doch im Antisemitismus eine Erscheinung erblicken zu dürfen,

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