Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 46 (15.11.1918)
- Date
- 1918-11-15
- Page
- Seite 559 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46 Das Jüdische Echo 559 Rußland!. Zwanzigtausend Juden in Sibirien in schlimmster Not. Dem „Jüdischen Preßbureau“ in Stockholm wird aus London telegraphiert: Herr Samuel Mason, der von der Hebrew Immigrant Aidsociety in New-York nach Japan und Sibirien entsendet war, um die Lage der jüdischen Heimlosen und Emigranten zu untersuchen, ist von seiner Reise zurückgekehrt. Er berichtet, daß in Sibirien allein sich 20 000 Juden befinden, die in schrecklichster Not leben. Mit den von ihm mitgebrachten Hilfsmitteln konnte er nur für einige Zeit das Elend von 2000 Personen mildern. Leider werden die amerikanischen Juden für diese Unglücklichen wie überhaupt für die zahllosen jüdischen Opfer des Weltkrieges und. des Bürgerkrieges in Rußland bis auf weiteres in Rußland nichts tun können, denn ein weiteres Londoner Telegramm meldet uns: Die amerikanische Regierung hat die Überweisung von Hilfsgeldern nach Rußland für die Kriegsopfer verboten. Dieses verhängnisvolle Verbot wird offiziell mit der in Rußland herrschenden Anarchie begründet. Wie bekannt, dürfen bereits seit Monaten keine Hilfsgelder aus Amerika nach Litauen gesendet werden. Beide Verfügungen bedeuten den empfindlichsten Schlag für große Teile des jüdischen Volkes, die zur Erhaltung ihrer nackten Existenz auf die Hilfe der amerikanischen Judenheit angewiesen sind. England. Von der jüdischen Nationalbank. Das Mitglied der britischen Regierung Sir Alfred Mond, der schon wiederholt sein Interesse für die zionistische Bewegung kundgetan hat, hat kürzlich durch den Erwerb von neuen Aktien der Jüdischen Kolonialbank in Höhe von Lst. 5000 einen weiteren Beweis für seine Sympathien für die zionistischen Zielen erbracht. Eine weitere Drahtmeldung berichtet, daß Sir Alfred Mond sich verpflichtete, dem Jüdischen Nationalfonds fünf Jahre hindurch jährlich 5000 Pfd. (= 100 000 Mark) zu spenden. Aus aller Weift. Ein jüdischer Nationairat in Prag. Aus der Mitte der bürgerlichen und sozialistischen Kreise des nationalen Judentums hat sich im neuen tschecho-slowakischen Staat ein jüdischer Nationalrat konstituiert. Das Präsidium, bestehend aus Dr. Ludwig Singer, Karl Fischei und dem bekannten Schriftsteller Max Brod, wurde am 28. Oktober vom Nationalausschuß des tschecho-slowakischen Staates empfangen, dem der jüdische Nationalrat eine umfangreiche Denkschrift über die Lage und die Forderungen des jüdischen Volkes im neuen Staatswesen überreichte. Weiter wird aus Prag berichtet: Die Staatsumwälzung hat sich mit bewunderungswürdiger Ruhe und Disziplin vollzogen. Bisher sind keine Ausschreitungen gegen Juden vorgekommen. Geringfügige Übergriffe untergeordneter Organe, die dem Jüdischen Nationalrat gemeldet wurden, konnten im Einvernehmen mit den führenden Mitgliedern des neuen Staates abgestellt werden. (So namentlich in der Behandlung der galizischen Flüchtlinge, deren Lage sich allerdings ziemlich schwierig gestaltet, da es an Transportmitteln fehlt.) Es ist zu hoffen, daß es den tschechischen Führern, die den besten Willen bekunden, auch weiterhin gelingen wird, die antisemitischen Regungen des Volkes selbst im Zaume zu halten. Der nationaljüdischen Bewegung bringen die meisten Führer viel Verständnis und Sympathie entgegen. Unter den Juden gewinnt diese Bewegung von Tag zu Tag an Einfluß. Sämtliche Kultusgemeinden Mährens haben das jüdisch-nationale Programm angenommen. Der Jüdische Nationalrat ist trotz seines kaum 14tägigen Bestehens in weitesten Kreisen des jüdischen Volkes die populärste Institution. Große Demonstrationen in Lemberg. In Lemberg hat eine Massendemonstration stattgefunden, wie sie in solcher imposanten Form noch niemals da war. Alle jüdischen und viele christlichen Geschäfte waren gesperrt. Mehr als 30 000 Menschen aller Schattierungen beteiligten sich an den Versammlungen und am Umzug und nahmen mit stürmischer Begeisterung eine Resolution an, die die jüdische Legion begrüßt, und bereits die mehrfach wiedergegebenen nationalen Forderungen enthält, sowie die Polen auffordert, dem Beispiel der Ukrainer in der Gewährung nationaler Rechte an das jüdische Volk zu folgen. Judenverfolgungen in Westgalizien. In Wien liegen Meldungen über Judenpogrome in Westgalizien vor; besonders schwer waren sie in Buczacz und Zator. Es wurden zahlreiche Juden ermordet, viele verwundet und ein Schaden von 15 bis 20 Millionen Kronen angerichtet. Vielfach beteiligten sich auch die polnischen Legionen an den Plünderungen. Antisemitische Hetze in Deutsch-Böhmen. Das „Prager Tagblatt“ vom 3. November erhält aus Karlsbad die nachstehende Zuschrift: „In Karlsbad werden mit Wissen und Zustimmung der leitenden Kreise an den Straßenecken Plakate angeklebt und Flugzettel verteilt, in welchen gegen die Fremdlinge und Juden losgezogen wird.“ Antisemitische Hetzen werden den politischen Bestrebungen der Deutschen in Böhmen im ganzen Ausland wenig Sympathien verschaffen. Jüdische Gemeinden in Japan. Eine eigenartige Erscheinung der Kriegszeit ist die Gründung von jüdischen Gemeinden in Japan, in dem Lande, in dem bisher keine solchen existierten. Diese Neugründungen wurden veranlaßt durch) den Ümstand, daß der jüdische Auswandererstrom von Rußland nach Amerika während des Weltkrieges seinen Weg über Japan nahm, wo dann nicht wenige der Emigranten zwecks Erledigung von Geschäften zeitweilig oder beständig Aufenthalt nahmen. So haben sich in einigen Hafen- und Handelsstädten, z. B. in Kobe und Yokohama angesehene jüdische Gemeinden gebildet, die bereits den durchreisenden Auswanderern Unterstützung gewähren. Stefan Zweigs Jeremias hat bei der kürzlich in Nürnberg stattgefundenen Erstaufführung starken Eindruck gemacht. Unsere R. E.-Mitarbeiterin schreibt uns hierüber: „Stefan Zweig hat das Verdienst ein ernstes jüdisches Bühnenstück geschaffen zu haben, das auch in Andersgläubigen, die bisher auf der Bühne