Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 46 (15.11.1918)
- Date
- 1918-11-15
- Page
- Seite 557 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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So sind die Chamalen (jüdische Lastträger im Hafen von Saloniki) durch ihre fast unglaublichen Kraftleistungen im ganzen Orient bekannt. Auch die meisten Fischerschiffe sind in jüdischen Händen. Die Holzsattel- und Karrenverfertiger sind zumeist Juden. Ebenso das Trambahnpersonal und die Führer der Motorboote. An den übrigen Beschäftigungen nehmen die Juden den größten Anteil. Die Industrie ist in Saloniki schwach entwickelt, dennoch ist es charakteristisch, daß in der einzigen Manufakturenfabrik und in den Lagern der Ottomanischen Tabakregie „Monopol“ tausende jüdische Mädchen beschäftigt waren. Über dieser proletarischen Unterschicht steht die Handelswelt von Saloniki mit all ihren Ämtern, vom einfachen Handelskommissionär bis zum Großkaufmann. Wie sich in dieser Stadt ein richtiger Handwerker- und Arbeiterstand entwickelt hat, so existiert dort auch eine echte Handelsaristokratie. Namen wie Errera Modjano Allatini, in dessen Villa der gewesene Sultan Abdul Hamid gefangen saß, haben in der mittelmeerländischen Handelswelt einen ebenso großen Klang wie bei uns die bekanntesten Bremer und Hamburger Firmen. Eine äußerst interessante Erscheinung ist die, daß die Juden Salonikis, ungeachtet ihrer freiheitlichen Entwicklung und den besonderen Eigenschaften der Hafenstadt ein moralisches Leben von solcher Reinheit führen, wie man es nirgends in der Welt antreffen wird. In der Stadt befindet sich, wie in jedem mittelländischen Hafen, ein sog. „Bara“, ein Fremdenviertel, das aber ausschließlich von Fremden und Matrosen bewohnt wird. Ein Jude, der in diesem Fremdenquartier angetroffen wird, verliert in der Stadt seinen Ruf als ordentliches Mitglied der Judengemeinde. Auch das Familienleben, die Beziehungen der Eltern zu den Kindern sind musterhaft zu nennen. Laut altjüdischer Anschauung werden die Kinder für einen Segen Gottes erachtet und tatsächlich herrscht dort eine biblische Fruchtbarkeit. Daß Saloniki nicht mehr lange in seinem früheren Zustande bleiben würde, war vorauszusehen. Der Europäismus, der im Sturmesschritte in die nahen Ostländer eingedrungen war, machte natürlich nicht Halt vor der jüdischen Tradition. Wenn das ältere Geschlecht noch vor fünf Jahren altspanische Kleidung trug, so hat sich das junge Geschlecht schon längst nach Pariser und Wiener Mode gekleidet. Hand in Hand mit dieser äußerlichen Assimilation geht die geistige, welche besonders die „Alliance Israelite“ durch ihre Schulen auszubreiten sich bemüht, und die dem jungen jüdischen Geschlecht europäische, hauptsächlich französische Gesittung einimpft. Unter dem Einfluß dieser verderblichen Assimilation hat sich auch in letzter Zeit ein Geist in die _ sephardische Jugend eingeschlichen, der große Ähnlichkeit mit dem amerikanischen Ideal „Money at all“ zeigt. Gleichzeitig machen sich die Schattenseiten des sephardischen Judens bemerkbar: seine Neigung zur Absonderung von der jüdischen Allgemeinheit, zu der er nur sehr schwache Beziehungen hat. Gerade vor Ausbruch des Krieges versuchte ein Teil der Saloniker Jugend sich in Palästina niederzulassen, um sich dort mit dem übrigen Judentum zu vereinigen. Einen großen Anteil an dieser Bewegung hat der Hilfsverein der deutschen Juden genommen, der durch Erteilung von hebräischem Unterricht den Gedanken an ein Selbstbestimmungsrecht der Juden erweckte. Hier liegen nun neue Möglichkeiten zur Arbeit nach dem Kriege vor. Das alte Saloniki ist fast gänzlich verschwunden. Aber das Saloniker Judentum, welches jetzt so schreckliche Zeiten durchlebt, müssen wir mit dem Gesamtjudentum zu vereinigen suchen auf dem Boden des heiligen Landes. „Damit gesammelt werden die zerstreuten Kinder Israels aus allen Enden der Welt“. „Das jüdische Wort“. Die kranke Kaiserin.*) Von Marim Gorkij. In einem der schmutzigen Straßenblätter veröffentlichte jemand seine Eindrücke über seinen Besuch in Zarskoje Sjelo. In diesem schlecht geschriebenen Artikel, der zur Ergötzung der Menge bestimmt ist, wird berichtet, wie Nikolai Romanow Holz sägt und1 wie seine Töchter im Gemüsegarten arbeiten. Unter anderem kommt darin folgende Stelle vor: „Ein Matrose schiebt einen Krankenfahrstuhl, in dem die ehemalige Zarin A'fexandra Fjodorowna sitzt. Sie ist abgemagert und ganz schwarz gekleidet. Langsam, mit Hilfe der Töchter steigt sie aus dem Stuhl und geht, stark auf dem linken Fuße hinkend . . . .Schau nur, wie krank sie ist,1 bemerkt jemand in der Menge: .ganz lahm ist sie . . .‘ ,Den Grischka (Rasputin) sollte man holen,* kichert ein anderer, .dann wird sie schnell gesund werden!* Es erhebt sich ein schallendes Gelächter.“ Über einen kranken und unglücklichen Menschen zu lachen, wer er auch sei, ist eine knechtische und gemeine Beschäftigung. Es lachen die gleichen Russen, die vor fünf Monaten vor den Romanows Angst und Respekt hatten, obwohl sie auch dunkel ihre Bedeutung für Rußland ahnten. Es handelt sich aber nicht darum, daß lustige Menschen über eine unglückliche Frau lachen, sondern darum, daß der Aufsatz mit dem jüdischen Namen Josef Chejssin gezeichnet ist. Ichi halte es für nötig, Herrn Chejssin folgende Stelle aus dem Artikel des Professors Baudouiinde-Courtenays im Sammelbuch „Schild“ in Erinnerung zu rufen: „Im Eisenbahnwagen wurde ein Koffer gestohlen. Der Dieb war Pole. Man sagte aber nicht, daß ein ,Pole‘, sondern daß ein ,Dieb* den Koffer gestohlen habe. *) Aus „Ein Jahr russische Revolution“, Oktoberheft der „Süddeutschen Monatshefte“.