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Das jüdische Echo · 1918-11-15 · 46 (15.11.1918) · p. Seite 556

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
46 (15.11.1918)
Date
1918-11-15
Page
Seite 556 (sequence 4)
Language
German
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556 Das Jüdisch« Echo Nr. 46 gas JUIsrmeiur iiiiittöif firanltcttliaue *' „S'dimff=5fi)tr;u letufnlttti Organtfation rein europäifd) 3folierf)äufer für 2lnftechenbe #öd)fte 2lnerfeenmutg aller 25eprben Aufnahme unterfctytebslos für 21 Ile 3ttait forbere bie 23ei>ingmtgen ein. bittet für feine ©efcfjäftsleitung: Frankfurt a. 501 ^oftfcbecüfeonto 9tr. 7785 Urfeft. a. 2)t. #ält ficb für geroiffenbafte Uebernabme non Stiftungen empfohlen! betten — 3immer — Soweit — ©cbcnktafel — Stiftungen Briefe au richten nach 5tbberbergroeg 63. Autonomie in der Ukraine und den Widerständen gegen die Verwirklichung des neuen Judengesetzes in Rumänien erscheint die Forderung auf internationale Sicherung der bürgerlichen und nationalen Grundrechte der Volksminderheiten unumgänglich. Diese ursprünglich dem Haager Schiedsgerichtshof zugedachte Aufgabe wird nunmehr dem kommenden Völkerbund zufallen, der die großen und die kleinen Völker vereinigen wird und in dem auch die Vertreter des alten, um Freiheit und Zukunft ringenden jüdischen Volkes Platz finden werden. L. R. Das absterbende jüdische Saloniki. Daß dieser Weltkrieg das Schicksal der Juden besonders unheilvoll beeinflussen würde war schon bei seinem Ausbruch mit Bestimmtheit vorherzusehen. Ein Krieg zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Rußland konnte ia nur in Gebieten ausgefochten werden, welche massenhaft von Juden bewohnt sind. Die Entwicklung der Ereignisse hat es nun mit sich gebracht, daß auch die jüdischen Zentren des Balkans, unter ihnen an erster Stelle Saloniki, die einzige jüdische Großstadt der Erde, in die verhängnisvollen Folgen des Krieges hineingezogen wurde. Vom Leben und vom Charakter dieser jüdischen Großstadt ist uns nicht viel bekannt. Was die jüdische Presse bisher über Saloniki brachte, war mehr oder weniger feuilletonhaft und oberflächlich: Zur Bereicherung der jüdischen Forschung, speziell ihrer neueren Zweige, der Demographie, Soziologie und Statistik bot Saloniki eine einzigartige Gelegenheit, die nun für immer verloren ist. In dieser Stadt sind die Verhältnisse durch den Krieg so gewaltig verändert, daß es kaum möglich sein wird, das Versäumte an Forschungen in Bezug auf das Leben der jüdischen Gemeinde nachzuholen. Gleichwohl wird zu hoffen sein, daß Saloniki, das jetzt seinen Charakter als einzige jüdische Großstadt mit kultureller Autonomie und gesundem sozialem Aufbau eingebüßt hat, auch späterhin noch eine reiche Quelle für jüdische Forscher bilden wird. Saloniki war der kräftigste Beweis gegen die „Notwendigkeit“ von Anomalien im jüdischen Leben von Europa. Alle die Galuth-Ercheinungen, an welchen das jüdische Leben auch unter den günstigsten Bedingungen krankt, waren dort unbekannt. Die Ursache hievon ist nicht darin zu suchen, daß die jüdische Bevölkerung Salonikis zwei Drittel aller Bewohner ausmachte und der Rest sich auf so viel verschiedene Nationalitäten verteilte, daß ein Streben der einen oder andern Partei nach überwiegendem Einflüsse ausgeschlossen war. — Im Gegenteil, man muß es als eine besondere Charakteristik der jüdisch-politischen Denkart betrachten, d'aß eine überwiegende Mehrheit von Juden sich so tolerant gegenüber den Forderungen anderer Nationalitäten zeigte, wie es in Saloniki geschah. Griechenland hat besonders Grund zur Anerkennung dieser entgegenkommenden Gesinnung der Juden, denn nirgendwo stieß die griechische Propaganda auf weniger Widerstand als bei den Juden in Saloniki. Für die Frage der Beziehung zwischen einer kulturellen Autonomie und Königtum war Saloniki das beste Beispiel, besonders zur Zeit der türkischen Herrschaft. Die Zweifel, ob nicht durch ein kulturell-nationales Eigenleben der Zusammenhang mit dem türkischen Reiche gefährdet worden sei, werden bei einem Rückblick auf die jüngste Epoche der türkischen Geschichte verschwinden. Die Revolution von 1908, Envers Marsch nach Konstantinopel und der Sieg der Jungtürken wären nicht möglich gewesen ohne die moralische und materielle Unterstützung von seiten der einflußreichen Kreise Salonikis. Wem diese Tatsachen noch immer ein Rätsel bleiben, dem können sie auf ganz einfache Weise klar gemacht werden. Saloniki ist das einzige jüdische Zentrum, welches sich nicht aus dem Ghetto herausgebildet hat. Dem Saloniker Juden blieb der historische Leidensweg von der Knechtschaft zur Emanzipation, zum gleichberechtigten Staatsbürger jüdischen Glaubens, erspart. Vom Herrscher Konstantinopels als Schutzort für die tausend von dem „aller christlichsten“ Volke aus Spanien vertriebenen Juden bestimmt, genoß Saloniki bis in die letzten Tage der türkischen Regierung ein solches Maß von Freiheit, wie es auch sehr moderne europäische Königreiche sich zum Vorbild nehmen könnten. Die Türkei hat sich durch diese Tat die Dankbarkeit des ganzen jüdischen Volkes gesichert. Wenn man die den Entwicklungsgeist des europäischen Judentums unterbindende Kraft des Ghettos recht erkennen will, muß man einige Zeit das Leben in Saloniki betrachten. Ein Schamgefühl ergreift den europäischen Juden, den sein Schicksal zufällig dorthin verweht hat, ein Gefühl, ähnlich wie es der Schwache dem Starken gegenüber empfindet. Leider haben nur wenige Juden einen solchen historischen Anschauungsunterricht genossen. 999999^

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