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Das jüdische Echo · 1918-11-08 · 45 (8.11.1918) · p. Seite 547

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
45 (8.11.1918)
Date
1918-11-08
Page
Seite 547 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 45 Das Jüdische Echo 547 samtheit erfüllbar“ sei (H. Sohar) ihleißt, daß er nur im Wirken auf die Gesamtheit, nur in der Wirkung gleichsam des Schwerpunkts der Volksgemeinschaft, der Staatsverwaltung, auf die Gesamtheit erfüllbar ist. Das dem jüdischen Volke durch die Jahrhunderte immanente Streben nach Zion ist das Streben nach einem idealen Gemeinschaftslebens, dessen Wesensfärbung durch die Worte Sacharjas gekennzeichnet ist (XIV. 21.): .Und es wird fortan kein Krämer sein im Hause des Ewigen der Heerscharen am selbigen Tage,“ — Anhänger Achad Haams sehen in der Forderung eines jüdischen Staates, der trotz und trotz allem Schlußstein jeglicher zionistischer Bestrebungen bleiben wird, eine Verneinung der Idee des „nationalen kulturellen Zentrums.“ Achad Haam selbst hat im zweiten Bande seiner gesammelten Aufsätze irgendwo überzeugend dargelegt, daß der Begriff des Zentrums schon als solcher ein wirtschaftliches Moment in sich schließe; welche wirtschaftlichen Unterlagen aber sollte ein Gemeinschaftswesen, bezeichnete es sich selbst als „nationales kulturelles Zentrum“, haben, wenn nicht die, die ein staatliches Gerüst gewährt? Jedenfalls muß die sozialpolitische Tendenz eines Zentrums für das jüdische Volk staatsbildend sein. Dann aber bildet der Staat als solcher kein Hindernis für die organische Entwicklung jüdischer Kultur und nationalen Geistes, sondern stellt im Gegenteil die Vorbedingung für die Entwicklung dieser die Diaspora befruchtenden Werte dar. Was aber Buber (im „Juden“, Bd. I, S. 429) von der jüdischen „Siedlung“, dem nationalen Zentrum Achad Haams schreibt, daß es nämlich, vom Getriebe der Völker unabhängig und der äußeren Politik enthoben, alle Kräfte um den inneren Ausbau und damit um die Verwirklichung des Judentums versammeln kann“ —„ diese geistige Wesensrichtung soll auch den Charakter jenes Staates ausmachen, den wir auf der Grundlage des „Zentrums“ als Endstufe einer langten Entwicklung erhlpffen. Gewiß ist eine solche Anschauung idealistisch vom Anfang bis zum Ende. Zwar wird, wenn anders der Begriff der staatlichen Autonomie und mit ihr die Möglichkeit einer „Verwirikftichung des Judentums)“ und der Menschheit nicht aufgehoben werden soll, nur in einem gewissen Grade, nämlich außerhalb des Bereiches der kulturell-sozialen Innenkultur des Staates, außerhalb der Sphäre seiner eigentlichen Innenverwaltung, ein Staatsgebilde in Palästina Spielball in den Händen der Großmächte sein dürfen. Wenn aber die Vertreter der antizionistisch-liberalen Richtung dieser Anschauung unbegründeten iDdealismus und1 Optimismus mit der Erklärung vorwerfen werden, ein Übergriff der Großmächte in das Gebiet der jüdisch-innerstaatlichenl Selbstverwaltung könne einerseits nicht verhindert werden und werde andererseits aus politischen Gründen nur allzu früh eintreten. — und hiermit sei dann die messianische Sendung Israels im Rahmen eines „Judenstaates“ zunichte gemacht, — einem solchen Einwand1 können wir nur mit dem Hinweis auf den mindestens ebenso stark ausgeprägten Optimismus begegnen, mit dem die Messiasidee der Reformrichtung geladen ist. Gerade heute an die allmähliche Veredelung der Menschheit aus sich selbst heraus zu glauben, ohne Anstoß von außen, ohne jede Beeinflussung, die unserem „Volk von Priestern“ ja verboten ist, — heißt das nicht optimistisch sein? — „Was der Zionismus bekämpft, das ist nicht die messianische Idee sondern ihre Entstellung und Verzerung, wie sie in einem beträchtlichen Teil der liberaljüdischen antizionistischen Literatur zu finden ist. Die Entstellung und Verzerrung, die unter Berufung auf den Messianismus die Zerstreuung, die Erniedrigung, die Heimlosigkeit des jüdischen Volkes als etwas absolut Wertvolles und Segensreiches verherrlicht, als etwas, das bewahrt werden müsse, weil es die messianische Menschheit vorbereite.“ (Buber im „Juden“, Bd. I, S. 286 f.). — Die Verfälschung des Messiasgedankens durch das Hineintragen des Individualismus, eines der jüdischen Lehre wesensfremden Elementes, jentei „Entstellung und) Verzerrung“, die im wesentlichen das Werk der reformerischen Schule des vorigen Jahrhunderts war, führt notwendigerweise zur Verneinung des Judentums und zum Selbstmord der jüdischen Rasse. Wir aber bejahen das jüdische Volk; — „werak im acharon hajehudi gam acharit tikwatenu“: „erst mit dem letzten Juden schwindet unsere Hoffnung“. Antisemitische Verhetzungs- Versuche. In unserer vorletzten Nummer brachten wir einen Bericht über den Münchner sozialdemokratischen Parteitag, aus dem sich ergab, daß gegegenwärtig in den Kreisen der Arbeiterschaft gefährliche {antisemitische Hetzereien Eingang zu finden suchen. Aus den Worten, mit denen der Abgeordnete Auer diesen Strömungen entgegengetreten ist, darf mit Befriedigung festgestellt werden, daß die besonnenen politischen Führer unserer Arbeiterkreise das Bedenkliche solcher Agitation wohl erkennen. Der politische Antisemitismus ist, wo immer er aufgetreten ist, stets ein Helfer der Reaktion gewesen, auch da, wo er sich in das Gewand sozialistischer Bestrebungen zu kleiden verstanden hat. Das hat schon vor vielen Jahren der kürzlich verstorbene österreichische Sozialistenführer Pernerstorfer ausgesprochen, indem er den Antisemitismus als den „Sozialismus des dummen Kerls“ charakterisierte. Durch die Ablenkung der erregten Volksinstinkte auf die Juden juchten wiederholt der Zarismus in Rußland, die Schlachzigen in Polen eine Volksbewegung, die sich gegen ein ungerechtes Regierungssystem richtete, für sich selbst unschädlich zu machen. Darüber sollte man sich auch in den Kreisen der „Unabhängigen Sozialisten“ klar sein, in denen — wenn die Nachrichten der sozialdemokratischen Mehrheitspresse zutreffen — neuerdings „Pogromstimmungen“ sich geltend machen, die sich nicht scheuen, sogar den alten Aberwitz vom Ritualmord aufzuwärmen. Wir wollen hoffen, daß diese schmachvolle Verleumdung aus den finstersten Zeiten des Mittelalters nicht in dem Augenblick Gläubige werben wird, wo das deutsche Volk sich anschickt, sich politisch freiheitlich zu organisieren. Eigenartig wirkt es demgegenüber, wenn andererseits von der rechtsstehenden Presse „die Juden“ als die „Drahtzieher der Revolution“ verschrieen und mit dieser Feststellung ein Kampfruf gegen die deutsche Judenheit verbunden wird. Gewiß, es ist nicht zu bestreiten, daß einige der führenden Personen der „Unabhängigen“ jüdischer Abstammung sind, andererseits sind Juden in weit größerer Zahl in anderen Parteien, z. T. in führenden Stellungen tätig. Das Judentum als solches hat mit der Stellungnahme seiner einzelnen

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