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Das jüdische Echo · 1918-11-08 · 45 (8.11.1918) · p. Seite 546

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
45 (8.11.1918)
Date
1918-11-08
Page
Seite 546 (sequence 6)
Language
German
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I -i11111111iii111 iiiilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllUIIIIIIIlltlllllllllllllllllilllllllr- I li 546 Du JflcÜicU Echo Nr. 45 nahmen wir von unserem Gewissen ein blutiges und schmutziges Schandmal. Diese Handlung enthält nichts, was uns das Recht gäbe, auf sie stolz zu sein. Schon aus dem Grunde, weil die Juden viel ehrlicher und energischer für die politische Freiheit Rußlands gekämpft haben als viele Russen, weil sie viel weniger Renegaten und Lockspitzel geliefert haben, können und dürfen wir uns nicht als „Wohltäter der Juden“ bezeichnen, wie es gewisse „gutmütige“ und „weichherzige“ Russen in ihren Briefen an mich tun. Wie schamlos verstehen übrigens diese gutmütigen und weichherzigen Menschen zu bellen! Indem wir die Juden aus dem „Ansiedlungsrayon“ und dem für uns beschämenden „Kerker der Ausnahmegesetze“ befreit haben, gaben wir unserer Heimat nur die Möglichkeit, die Energie von Menschen auszunützen, die besser als wir zu arbeiten verstehen; es ist aber allbekannt, daß wir solche Menschen, die die Arbeit lieben, besonders gut brauchen können. Wir haben also gar keinen Grund stolz zu sein; aber wir sollten uns freuen, daß wir ein praktisch und moralisch gleich gutes Werk getan haben. Von dieser Freude ist aber nichts zu spüren: vielleicht aus dem Grunde, weil wir keine Zeit haben, uns zu freuen; wir sind ganz von dter „hohen Politik“ in Anspruch genommen, die wesentlich darin besteht, daß wir die Knochen unserer Nächsten nagen. Von Freude ist nichts zu sehen, der Antisemitismus lebt aber fort. Er hebt allmählich, vorsichtig sein garstiges Haupt, zischt, verleumdet und spritzt den giftigen Speichel des Hasses um sich. Was ist denn los? Man bedenke nur: unter den anarchistisch gesinnten Bolschewisten befinden sich zwei Juden. Ich glaube sogar, drei. Manche sprechen von sieben und sind überzeugt, daß diese sieben Simons den von 170 Millionen Menschen bewohnten Tempel Rußlands niederreißen werden. Das könnte man dumm und komisch nennen, wenn es nur nicht so gemein wäre. Der rachsüchtige Gott der Juden wollte eine ganze Stadt verschonen, weil sich in ihr unter lauter Sündern ein einziger Gerechter befand. Und Menschen, die sichi zum milden Heiland bekennen, glauben, daß für die Sünden von zwei oder sieben Juden das ganze jüdische Volk büßen muß. Dann müßte man auch sagen, daß für den reinrassigen russischen Sünder Lenin alle Bewohner des Simbirsker Gouvernements sowie der angrenzenden Gebiete aufzukomen haben. Unter den Menschewisten gibt es sehr viel mehr Juden als unter den Bolschewisten; aber meine Korrespondenten stellen sich unwissend und tun so, als ob sie überzeugt wären, daß alle Juden Anarchisten seien. Das ist eine sehr üble Verallgemeinerung: Ich bin überzeugt, ich weiß, daß die Juden in ihrer Masse — zu meinem Erstaunen — viel mehr vernünftige Liebe zu Rußland zeigen als viele Russen. Die meisten merken es nicht, obwohl es sehr in die Augen fällt, wenn man die Artikel jüdischer Journalisten liest. Die „Rjetsch“, eine Zeitung, die man auch nicht lieben darf, die aber trotzdem Achtung verdient, hat sehr viele jüdische Mitarbeiter. Auch unter den Mitarbeitern der „Novoje Wremja“ gibt es Juden, aber diese Zeitung nannte vor nicht langer Zeit die '„Rjetsch“ ein „Judenblatt“. Die Mitarbeiter der „Rietsch“ zeteen auch nicht die leiseste Spur von Sympathie für die Bolschewisten. Es gibt noch tausend andere Beweise dafür daß die Gleichung: Jude Bolschewik eine dumme Gleichung ist, die von zoologischen Instinkten gereizter Russen aufgestellt wurde. Ich werde die Beweise natürlich nicht anführen: anständige Menschen brauchen sie nicht, für die andern sind sie aber nicht überzeugend. Idiotie ist eine Krankheit, die sich durch Suggestion nicht heilen läßt. Für diejenigen, die an dieser Krankheit leiden, ist es klar: da es unter den Juden siebenundeinhalb Bolschewisten gibt, so ist das jüdische Volk an allem schuld. Folglich .... Folglich beginnt der anständige und gesunde Russe wieder Angst und qualvolle Schande für sein Rußland und für den russischen Dickschädel zu empfinden, der in schwierigen Lebenslagen seinen Widersacher immer außerhalb seiner selbst nicht im Abgrunde seiner eigenen Dummheit zu suchen pflegt. Ich hoffe, daß meine zahlreichen Korrespondenten mit dieser Antwort über die „Judenfrage“ zufriedengestellt sind. Und ich füge noch hinzu, daß es für mich diese Frage überhaupt nicht mehr gibt. Ich glaube nicht an einen Erfolg der verleumderischen Propaganda der Antisemiten. Ich glaube an die Vernunft des russischen Volkes, an sein Gewissen, an die Aufrichtigkeit seines Strebens nach Freiheit, die jede Vergewaltigung von Menschen ausschließt. Ich glaube, daß „alles vergeht und nur die Wahrheit besteht“.*) *) Weitere Artikel folgen. Zionismus und Messianismus. Von Alfred Kupferberg. (Schluß.) Vielleicht ist, unserem individualistischen Zeitbedürfnis entsprechend, die Missionslehre des heutigen Messianismus „zeitgemäßer“, jedenfalls ist sie unjüdisch. Außer der individualistischen Färbung stellt also auch die Introprojektion der Kantschen Ethik in die jüdische Messiasidee eine Verfälschung der messianischen Lehre des Judentums dar. Als Folge des prophetischen Messiasgedankens, der den Gemeinschaftsbegriff als übergeordnetes Element innerhalb seiner Sphäre betont und also die sittliche Vollkommenheit des Individuums mcht zur^ Voraussetzung seiner Erfüllung macht, ergibt sich die Staatsidee. Denn die Anschauung der Propheten, daß im Zeitalter des Messias das Menschengeschlecht die Forderungen der Gottheit verwirklichen, die Wege Gottes wandeln werda ist bei der damaligen starken Betonung des Gememschaftsgedankens nur so zu verstehen; daß eine Zeit kommen werde, in welcher S® J® Volksgemeinschaft lenkende, von Gott nlf R.eRierun2 von den Geboten des EwiwhkHpU 1-Sei?* Trde’ eine Zeit- 5n der der Staat Fr- Gott5sstaat sein werde.3) Daß der jüdische Erlosergedanke nur „im Wirken der Gepheten^WH da* Ziel iener durch die Pro- KescMechts”E"twicklung des Menschensen PunktpV‘Wfnn?Uch nur bis zu einem gewissen Punkte) , von der oben gesprochen wurde. 5^/. " #!;• > wi^: - sC sidi lenz er-- bilW;- der ke:' 1« ii* dem $fci Baten ü niml'-h filier erde: lanra F uEzi: sei:/... 'sie- VC:

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