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Das jüdische Echo · 1918-11-01 · 44 (1.11.1918) · p. Seite 537

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
44 (1.11.1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 537 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 44 Das Jüdische Echo 537 Aus aller Weift. Das jüdische Schulwerk in Litauen. Das Jüdische Korrespondenzbureau in Bern berichtet: In Wilna hat sich ein Schulkomitee gebildet, dem außer dem Oberrabbiner und einer Anzahl von Mitgliedern des ständigen Rabbinatskollegiums, die Leiter sämtlicher Cheder- und Talmud-Thoraschulen angehören. Dieses Komitee hat sich die Aufgabe gestellt, zunächst das Chederschulwesen zu fördern. Es stützt seine Tätigkeit auf einen Schulfonds, der eine recht beträchtliche Höhe erreicht hat. Die Errichtung eines jüdischen Real- Gymnasiums in Wilna steht bevor. Feuilleton Der Rabbi von Rothenburg. Novelle von David Feuchtwang. (Fortsetzung.) In der Tat war Meir Vater und Berater nicht nur seiner Gemeinde, sondern aller Hilfesuchenden aus nah und fern, denen er in werktätiger Menschenliebe beistand als Helfer in der Not und Richter im Streite. Sein würdevolles und doch einfaches Auftreten flößte Ehrfurcht ein. Seine Herzensgüte erzwang die Liebe aller. Er war streng ohne Härte, gut ohne Schwäche auch in seinen religiösen Entscheidungen. Als in Rothenburg einer besonders ausgezeichneten, frommen Frau der Vater starb und kein Sohn da war, der Kadisch sagen hätte können, begab sich die einzige Tochter des Verstorbenen zum Rabbi, um Rat zu holen. Er gestattete der Frau, in der Frauenabteilung der Synagoge mit lauter Stimme Kadisch zu sagen. Alles war erstaunt, als am ersten Tage nach der Trauerwoche nach dem Schlußgebete von der eng vergitterten Frauenschule herab eine zarte Stimme ertönte, die das Kadischgebet in tiefer Andacht, oft von Tränen unterbrochen, verrichtete. Die betende Gemeinde antwortete ergriffen: Amen. Und als des frommen Süßkinds Frau, die aus vornehmer Familie stammte und einen herrlichen Fächer als Familienstück besaß, den sie gar zu gern am Sabbat und gerade am Sabbat als Zierat getragen hätte, den Rabbi darüber fragte, gestattete er es gerne und erlaubte ihr gleichzeitig den goldenen Türschlüssel und das goldene Riechfläschchen an silberner Kette zu tragen. Und er knüpfte daran die Bemerkung: „Wehe der Frau, die sich nicht für ihren Gatten schmückt; wehe aber derjenigen, die sich für andere als für ihren Gatten schmückt.“ Das blieb fortan geflügeltes Wort in Rothenburg und Umgebung. Einem begabten Jüngling erlaubte er, daß er Maler und Bildhauer werde, und knüpfte daran nur die Bedingung, daß er keine ganzen Figuren anfertigen solle wegen des biblischen Verbotes: „Du sollst dir kein Bild machen.“ Die Lehrer beschützte er in jeder Weise vor Unglimpf oder Rechtsverkürzung und sorgte für ihre anständige Besoldung. Die politischen Verhältnisse erforderten oft genug das Eingreifen des auch in dieser Richtung maßgebenden Rabbi. Er regelte die Steuerverteilung und wies, wo es anging, ungerechte Auflagen zurück, selbst wenn die Behörden sie erzwingen wollten. Er duldete keine Protektionen und trat gegen jede Art von Unehrlichkeit und Unterschleif energisch auf. Den unredlichen Handel mit minderwertiger Münze, der damals in Schwang war, belegte er mit Bann und Strafe. Die Auslösung unschuldig Gefangener bildete häufig ein trauriges Kapitel seiner amtlichen Tätigkeit. Kein Opfer, keine Mühe war ihm zu groß, wenn es galt, Brüdern und Schwestern zu helfen. Das ganze Gemeindeleben erfüllte seine Persönlichkeit mit tiefsittlichem Geiste. Er ordnete das synagogale Leben und „Minhag Rothenburg“ war in ganz Deutschland mustergültig. Die religiöse Stimmung in der Gemeinde wurde durch Meirs Beispiel immer aufs neue geweckt und gestärkt. Seine Gattin und seine Kinder folgten seinem Vorbilde. Sein Haus war eine Versammlungsstätte der Gelehrten und allen Armen und Dürftigen weit geöffnet. Man sah in ihm nicht den besoldeten und damit befriedigten Geschäftsträger der jüdischen Sache, sondern den berufenen Vertreter einer großen geschichtlichen Erscheinung und Aufgabe, dem die gewichtigste Stimme im Rate der Gemeinde zukam, deren Leben und Streben er sorgenvoll prüfte und die mit ihm den besten Weg suchte, auf welchem die Erfüllung der Ziele und Aufgaben des Judentums lagen. Es stellt der Gemeinde das schönste Zeugnis aus, daß sie ihren verehrten Rabbi auch gesellschaftlich hoch einschätzte und seiner großen Stellung auch äußerlich den gebührenden Glanz zu verleihen bestrebt war. Eine Reihe würdiger Kaufleute und tüchtiger Gelehrter bildete nächst den zahlreichen Jüngern den stetigen Verkehr im Hause Rabbi Meirs. Da war an erster Stelle Rabbi Mose Parnes, der behäbige Vorsteher der Gemeinde, wohlerfahren im Gottesgesetze, ein gelehrter 'Talmudist. Auch dessen kluge Gattin, Bath-Schebah, war ein gerngesehener Gast bei Martha, der Rabbinersfrau. Rabbi Meir, Jekutiels Sohn, der biedere Kaufmann, mit seiner Gattin Hannah und der Tochter Jutta. Und viele andere. Ein weit und breit berühmter Arzt. Joseph öringer, zählt zu den Notabein der Gemeinde. Bei Jud und Christ ist er der vertraute Leib- und Seelenarzt. Er bringt von seinen weit ausgedehnten Fahren Kunde über Land und Leute und seine Kunst verschafft ihm freien Zutritt bei Bürger und Adel. Und erst Meister Mendel! Der wackere Lehrer! Ihn liebt groß und kein, weit und breit. Überall ist er zu Haus. Sein bewegliches Figürchen wird allenthalben gern gesehen. Er darf bei keiner Freude, keinem Leide fehlen; versteht er es doch mit Lustigen zu lachen, mit Traurigen zu weinen und allzeit einen Kernsoruch aus der jüdischen Weisheit zur Stelle zu haben, der alle Schwierigkeiten löst und jeden Zweifel hebt. Meister Mendel hat immer Audienz beim Rabbi; er weiß alles und versteht die Gemeindeleute für alles Schöne und Gute zu gewinnen, das dem verehrten Rabbi am Herzen liegt. Und im Vereine mit dem Arzte Joseph und Meister Isserlein aus Steinach übt er die Jugend im ritterlichen Waffenspiel, damit sie verstehe, sich, wenn es not täte, zu verteidigen. Ist es doch der Rabbi selbst, der es den Jünglingen gestattet, fechten zu lernen; und das war nichts Geringes in dem nicht gerade waffenfreudigen Judenviertel Rothenburgs. Die Zeit sollte lehren, daß Meister Mendel recht hatte. Nur erwies sich die Übung als ohnmächtig gegenüber der Grausamkeit und dem verzehrenden Hasse des Feindes. So floß das Leben der guten Rothenburger Juden ruhig dahin. Freilich merkte man dem stillen Gang des Gemeindelebens nicht an, daß es an Aufregungen und auch Gefahren nicht fehlte. Der wackere und treue Gemeinsinn ließ alle Plackereien leichter ertragen. Und wenn die Herzen zu verzagen drohten, dann

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