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Das jüdische Echo · 1918-11-01 · 44 (1.11.1918) · p. Seite 535

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
44 (1.11.1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 535 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 44 Das Jüdisch# Echo 535 Propheten das Reich eines Gottes, der über aller Natur thronend Strafe oder Lohn auf die Menschheit, besonders auf sein auserwähltes Volk herabsandte. Diese Lehre in Verbindung mit der oben festgestellten dominierenden Stellung des Gemeinschaftsgedankens in der altjüdischen Weltanschauung ergab als Aufgabe des deus extramundus folgqfrichtig tias Ridhterlamt zwischen den Völkern. — „Und er wird: richten zwischen den 'Völkern, und entscheiden Vielen Nationen.“ (Jesaia II. 4 Micha IV. 3). „Da werd’ ich versammeln all die Völker, und sie hinabführen in das Tal Jeihoschafat, und dort mit ihnen rechten . . .“ (Joel IV. 2.) Diese Anschauung ist nicht einmal in Bezug auf die Einzelpersönlichkeit unethisch. Denn da sie das Individuum zu den Forderungen der sittlichen Weltordnung in gar keine Beziehung setzt, kann sie auch kein negatives Verhältnis zwischen Mensch und Ethik konstruieren. Immerhin ergibt sich aus einer Anschauung. die auch die Menschheit des messianischen Zeitalters für unwürdig und unfähig erklärt, sich selbst in sittlicher Vollkommenheit ohne Gott zu lenken, die Folgerung, daß die Zeit des Messias auch ohne diese „sittliche Vollkommenheit“ hereinbrechen werde.1) Dem im Wesen objektiven Gottesbegriff der Propheten steht der subjektive Gottesbegriff Kants gegenüber. Eine Zeit, deren Anschauungen durch die Vermittlung Goethes vom Pantheismus Spinozas gespeist wurden, war der philosophischen Formulierung eines deus intramundus macrocosmi (des „gestirnten Himmels über mir“) et microcosmi (des „moralischen Empfindens in mir“) günstig. Dieser Kantsche Begriff der Göttlichkeit, die der freie Wille im Kampfe mit den Trieben bejahe, ein Begriff, dem an sich hervorragende ethische Bedeutung und sittlicher Wert zuzumessen ist, stellt sich gleichsam als Synthese dar, die der Philosoph zwischen der sich notwendigerweise in jedem Augenblick manifestierenden sittlichen Idee als solcher und der offenbaren Unvollkommenheit der Menschheit schuf. Der bewußte Kampf zwischen dem guten und dem bösen Prinzip, den nur eine nicht vollkommene, sondern sündige Menschheit auszufechten hat. wird bei Kant Maßstab des Sittlichen. Kants Ethik ist so an die Unvollkomenheit der Menschheit gebunden, sie widerstrebt als solche dem Begriff der Spencerschen Evolution. Nicht umsorfet war Spencer selbst in erkenntnistheoretischer Beziehung der größte Antagonist Kants, der dessen „Kritik der reinen Vernunft“ nicht auslas, weil die 0 Zwar machen im Talmud1 meines Wissens besonders R. Chanina und1 Rab das Kommen des Messias von guten Werken und vom Schwinden alles Dünkels aus Israel abhängig. Aber der Dünkel wird geschwunden sein, wenn der Mensch seine Kleinheit im Verhältnis zu Gott erkannt hat und sein Tun und Lassen dementsprechend von der höherstehenden Gottheit abhängig macht; und die guten Werk sind es eben, die der Mensch, wenn sein Dünkel geschwunden ist, unter der Führung des weisen Weltenherrn verrichtet. Hier steht Talmud und Bibel nicht in Widerspruch; und zuletzt fordern die Weisen mit vereinzelten sittlichen, die Messiaszeit bedingenden Eigenschaften des Menschen noch nicht die ethische Vollkommenheit'als solche der Menschheit. — Andererseits heißt es (nach Achad Haam) im Babyl. Talmud Traktat Berachoth 346, daß diese Zeit von den Tagen des Messias sich „lediglich durch die politische Unterdrückung“ unterscheide. Lehre von der Subjektivität der Anschauungsformen Raum und Zeit ihm als fundamentaler Irrtum erschien. Zwar schließt erkenntnistheoretisch das Problem von der Möglichkeit synthetischer Urteile a priori, das nach Schopenhauer („Welt als Wille und Vorstellung“, Teil II, lib. 1, Kap. 4) „die Parole der Kantischen Philosophie“ ist, den Begriff der Spencerschen Evolution nicht aus. Aber ethisch würde im Verlaufe einer Evolution im Sinne Spencers die Kantsche, an bewußte Wahlentscheidung geknüpfte Sittlichkeit des Menschen als zwar altruistische, aber Instinkt gewordene Selbstüberwindung (welche contradictis in adiecto!) in das Reich des Unbewußten hinabsinken und auf diese Weise sich dem Begriffe nach aufheben und vernichten. — Indem die Reformer zur Zeit Mendelsohns und später dem Messiasbegriff der Propheten, der die Entwicklung des Menschengeschlechts (wenn auch nur bis zu einem gewissen Punkte), also die Evolution Kat exochen einschließt, die Lehre Kants unterschoben und die Messiaszeit von der sittlichen Vollkommenheit der Menschheit im Kantschen Sinne, also von einer Sittlichkeit, die doch an menschliche Unvollkommenheit geknüpft ist, abhängig machten, — trugen sie ein Mißverhältnis in die Messiasidee hinein, das selbst der Neokantianer Cohen nicht völlig aufzulösen vermochte.2) (Schluß folgt.) 2) Gleichsam die Quintessenz der Messianischen Ethik im Sinne Cohens faßt Klatzkin (in den „Neuen Jüdischen Monatsheften“, Jahrg. II, S. 365) in dem nicht eigentlich überzeugenden Satze zusammen: „Das Sittliche verwirklicht sich, ist jedoch keineswegs Wirklichkeit; das Sittliche ist nicht dinglich gegeben, sondern ist und bleibt immer Aufgabe.“ Die schwache Beweisführung dieses Satzes fußt auf der nicht streng belegten Behauptung: „Es besteht (im Gn^esbegriff der Propheten) eine Differenz zwischen Natur und Sittlichkeit, aber kein Widerspruch“, woraus später gefolgert wird, „es bleibt immer eine Distanz zwischen dem Sein des Sittlichen und dem Sein der Wirklichkeit, aber sie. verringert sich auch immer mehr.“ Der Kantschen Entzweiung von Natur und Sittlichkeit steht so die „Zweiheit“ Cohens gegenüber. Aber auch diese, als zum Reiche der seelischen Erlebnisse gehörig, tritt in das Bewußtsein des Menschen notwendig als Widerspruch; als „Entzweiung“. Österreich. Eine Jüdische Massenversammlung In Wien. Dem Jüdischen Korrespondenzbureau in Bern wird berichtet: Am 14. Oktober fand im Konzerthaus in Wien eine große jüdische Massenversammlung statt. Der Andrang war so groß, daß viele Tausende nicht mehr in den Saal eingelassen werden konnten. Als Redner traten auf: Rabbiner Dr. Osias Thon, Adolf Böhm, Oberingenieur Stricker, Dr. Staud und Singer (letzterer als Sprecher der Poale Zion). Es wurde einstimmig folgender Beschluß gefaßt: Das jüdische Volk verlangt seine Anerkennung als gleichberechtigte Nation in der Völkergemeinschaft und eine eigene Vertretung auf dem Friedenskongreß. Es fordert nationale Rechte überall wo Juden leben und eine nationale Heimstätte in Palästina. Die östereichischen Juden fordern sofortige Anerkennung als Nation, nationale Rechte und1 Beteiligung an der Neuordnung Österreichs,

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