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Das jüdische Echo · 1918-10-25 · 43 (25.10.1918) · p. Seite 524

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
43 (25.10.1918)
Date
1918-10-25
Page
Seite 524 (sequence 8)
Language
German
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524 Das Jüdische Echo Nr. 34 deihliche Entwicklung dieser Gemeinschaft ist jedoch, daß alle das Judentum erhaltenden Kräfte in ihr zu Wort kommen, ihr ihren Stempel aufdrücken — nicht sich gegenseitig: befehdend, sondern sich fördernd in dem Suchen nach dem rechten Wege. Unser künftiges Gemeinwesen muß, wenn es Bestand haben soll, sich vor allem vor Einseitigkeit hüten. Es kann also, meiner Meinung nach, weder auf Grund einer bloßen Religionsgemeinschaft noch auf reinem Nationalismus, politischem oder kulturellem Zionismus allein aufgebaut sein. Es werden vielmehr alle diese Strömungen Zusammenwirken müssen, um jüdische Werte zu schaffen. Und1 wenn wir auch heute, da wir im Galuth leben, und1 unsere ganzen Lebensäußerungen aus dem Exil heraus entstanden und für das Exil berechnet sind, nicht mehr, bezw. noch nicht sagen können, was gut jüdisch ist, — das eine steht fest, daß wir auf den Einfluß und die Mitarbeit der das alte Nationalgesetz bewahrenden Orthodoxie nicht werden verzichten können. Und1 hier setzt die Kritik ein, die ich im Namen des Münchner Bundes am Blau-Weiß üben muß. Während das nationale Moment, dessen überaus große Wichtigkeit ich absolut nicht leugnen will, immer und immer wieder betont wird, gewissermaßen das Mindestprogramm für die Erziehung der uns anvertrauten Jugend bildet, wird doch die sonstige jüdische Ausbildung sehr wenig gepflegt. Gewiß, wir lernen zusammen hebräisch, beschäftigen uns mit der modernen jüdischen Literatur, erzählen uns wohl auch mal was von unseren Helden oder von der nationalen Bedeutung unserer Feste. Was in unserer Erziehung aber fehlt, das ist das Forschen nach den uralten Wahrheiten und ewigen Schönheiten, die in unserem alten Schrifttum enthalten sind, und ^die Pflege des religiösen Sinnes, der in den meislen Kindern steckt. Das sind Dinge, die bei den unserem Kreise angehörenden Kindern in den meisten Fällen im Elternhaus nicht gepflegt und die ihnen von unseren Führern, denen mitunter selbst sehr viel Jüdisches fremd ist, nicht vermittelt werden können. Die Kinder aus orthodoxen Häusern bringen da weit günstigere Vorbedingungen mit. Die werden schon verhältnismäßig früh mit unserem Schrifttum vertraut gemacht und wenn ihr religöses Gefühl zunächst oft nur durch zum Teil unverstandene Gebete befriedigt wird, so haben sie doch von frühester Kindheit an jüdische Werte vor Augen gesehen. Daß ihnen diese vielfach nur Form ohne begriffenen Inhalt sind, ist eben ein Erziehungsfehler, der sich in unserem Kreise und unter dem Einfluß von Führern, d. h. von Führern, wie ich sie mir denke, sicher rasch verlieren wird. Wir dürfen nicht vergessen, daß wir Kinder zu erziehen und nicht Erwachsene z^ belehren haben. Daß da in der Methode ein gewaltiger Unterschied sein muß, liegt doch wohl klar auf der Hand. Bei einem reiferen Menschen ist der Inhalt das Primäre, für den sich dann schon die richtige Form finden wird. Umgekehrt beim Kinde. Ein Kind1 sieht und hört und sucht dann erst den Zusammenhang. Ihm muß man zuerst die Form geben und sie dann erst mit Inhalt füllen. Was nützt es, wenn ich den Kleinen von der Schönheit des Seders, von der tiefinneren Gemütlichkeit eines Chanukka-Abends oder von der weihevollen Stimmung eines im Scheine der Kerzen strahlenden Freitag - Abends erzähle? Wenn Sie es nicht selbst gesehen und empfunden haben, wird ihnen meine Botschaft leerer Schall sein, umsomehr als ich, wenn ich nicht selbst das Glück gehabt habe, diese Dinge zu erleben, sie Ihnen gar nicht mit der unbedingt nötigen inneren Überzeugung werde schildern können. Es werden mir nun verschiedene von Euch mit dem Einwurf kommen, daß sie ja gar nicht die alten stark verknöcherten Formen, die die Zeit unserer Zerstreuung zum Teil aus unseren ehemals so lebensfrischen Gesetzen gemacht hat, erhalten wissen wollen, daß sie nach neuen suchen, die lebendig auf sie einwirken. Denjenigen möchte ich erwidern, daß die neuen Formen, wenn sie von jüdischem Geist beseelt sein sollen, sich unbedingt auf den alten hergebrachten Formen aufbauen müssen, daß wir also die Tradition zum mindesten kennen müssen, da sie doch das einzig Positive ist, was uns aus den Zeiten, da wir noch in unserem Lande lebten, erhalten ist. Und da ist nun wieder das Beispiel von unschätzbarem Wert. Es nützt nichts oder doch nicht viel, wenn die Kinder nur lernen und lesen; sie müssen diejenigen, die nach der Tradition leben, sehen und sie verstehen lernen. Das Gesetz muß ihnen gewissermaßen lebendig vorgeführt werden und zwar durch seine Vertreter, wie ihnen die Idee des Nationalismus durch die ihn vertretenden Führer verkörpert wird. Aus der gegenseitigen engeren Fühlungnahme der Vertreter der beiden Hauptrichtungen im Judentume, der Volksgemeinschaft und der Religionsgemeinschaft, wird sicher nur Vorteilhaftes für den Blau-Weiß entspringen. Sie wird dazu beitragen, daß diejenigen, die die Form haben, auch neue Inhalte erhalten und wird denjenigen, die nach einer neuen Form für den vorwärts strebenden Geist suchen, ihre Arbeit erleichtern. Aber nicht nur die Form werden die Letzteren finden, ihr neuer Geist wird sich an den alten Weisheiten, die ihm wieder zugänglich1 werden, zu leuchtender Flamme entzünden. Natürlich darf es aber nicht den Thoratreuen schon von vornherein unmöglich gemacht werden, sich in unseren Kreis einzuleben, indem man sie ständig in ihren jüdischen Gefühlen kränkt. Es sollte eigentlich nicht möglich sein, daß in einem jüdischen Wanderbund häufig, sei es offiziell oder inoffiziell, der Sabbat entheiligt, ja bei manchen sogar als auserwählter Tag, als Ruhetag, gar nicht gekannt wird. Auch auf anscheinend nebensächlichere Dinge ist dabei Wert zu legen. So ist z. B. ein geringschätziges, mitleidiges Lächeln gegenüber jenen, die sich auf der Fahrt zum Beten absondern, oder die ihre Mahlzeiten mit bedecktem Haupte einnehmen, sehr wenig am Platze. Ferner sollte in Zügen, in denen gemeinsames Kochen eingeführt ist, und in denen orthodoxe Kinder mitwandern, die Mahlzeiten stets nach den rituellen Vorschriften hergestellt sein. Am besten wird der Hordenkochtopf und das Kochen überhaupt .den Orthodoxen übertragen werden. Ich bin etwas ins Detail gegangen, um einem sich mitunter unangenehm fühlbaren Mißstande abzuhelfen. Dadurch, daß die gesetzestreuen Kinder vielfach an den gemeinsamen Mahlzeiten nicht teilnehmen können, werden sie sich, je nach Charakterveranlagung, entweder als ausgeschlossen oder als etwas Besonderes fühlen. Ich halte die eine Meinung für so schädlich wie die andere, auf keinen Fall aber sind diese Zustände der Stärkung des Gemeinschaftsgefühls förderlich. Die orthodoxen Kinder sollen nicht auf den Gedanken kommen, daß unbedingtes Festhalten an der Tradition allein schon genüge, um das von uns

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