Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 43 (25.10.1918)
- Date
- 1918-10-25
- Page
- Seite 523 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43 Das Jüdisch* Echo 523 und Fühlen des jüdischen Volkes zur Zeit des selbständigen Staatswesens. — Entprechend dieser Tendenz der jüdischen Lehre trägt auch der messianische Gedanke der Propheten einen ausgesprochenen überindividuellen Charakter. Weder Jesaia (II. 2—4) noch Micha (IV. 2—3) sprechen, wenn sie das bekannte Bild vom messianischen Zeitalter malen, irgendwie vom Einzelnen, der „in ungestörter Glückseligkeit leben werde“. Nein, die vielen Völker sind es. — die sich nicht in ihren eigenen Ländern von der zerstreuten mosaischen Religionsgemeinschaft irgendwie beglücken lassen, — sondern die sprechen: „Wohlan, lasset uns hinaufgeben zum Berge des Ewigen, zum Hause des Gottes Jacobs, — denn von Zion wird au-gehen die Lehre und das Wort des Ewigen von Jerusalem“. Die Völker sind es, zwischen denen der Ewige richten wird, die ihre Schwerter stumpf machen, ihre Lanzen zu Rebenmessern umschmieden.und nicht lernen sie fürder den Krieg“. Das Volk und: nicht der Einzelne steht im Zentrum der Betrachtung. Und höchstens Joel (IV. 1) spricht einmal von den „Gefangenen Jehudas und Jerusalems“, die der Herr in jenen Tagen zurückführen werde. ^-~ Alles in allem kann man sich der Feststellung anschließen, die H. Sahar in einem Aufsatz „Die religiöse Forderung des jüdischen Nationalgedankens“ macht („Der Jude“. Bd. I, S. 808): „Der jüdische Erlösergedanke ist nur im Wirken der Gesamtheit erfüllbar“: — wenn man nur den Messianismus der Propheten zu dem „jüdischen Erlösergedanken“ an sich in Beziehung setzt. Denn aus dieser Betrachtung ergibt sich, daß die messianischie Idee des modernen Reformjudentums vom prophetischen Messianismus wenigtens in diesem einen Punkte wesentlich abweicht. Ob der Individualismus des neujüdischen Messiasgedankens sich, wie Achad Haam behauptet, infolge einer Assimilation an das Christentum mit seinem ausgeprägteren Persönlichkeitskult entwickelt hat, — ob die Reformen des vergangenen Jahrhunderts in völkischer Wurzellosigkeit ihn als allgemein-menschlichen Deckmantel ihrer Lehre von der Mission des Judentums umhingen — einerlei: er hat den Missianismus der Propheten, und mit dem Missianismus den Charakter der jüdischen Lehre verfälscht. Den einzigen Versuch zur Vermeidung der Vertiefung sowohl jener, „Assimilation“ als auch dieser „avölkischen Wurzellosigkeit“, den einzigen Versuch zur Reinigung und Wiederherstellung der jüdischen Messiasidee, macht der Zionismus, der durch die Schaffung einer organischen jüdischen Gemeinschaft den Nährboden bietet, auf dem ein reiner, zwar überindividueller, aber nicht verschwommen allgemein-menschlicher Messianismus sich allein entfalten kann. „Gerade der ,messianische Beruf des Judentums ist es demnach, der als Vorbedingung seiner Erfüllung wengistens eine partielle Konzentration der Judenheit, die Schaffung eines .nationalen Zentrums1, einer .Heimstätte* für das jüdische Volk verlangt.“ (Dr. A. Schlesinger in den „Neuen Jüdischen Monatsheften“. Jahrgang II. S. 420.) (Fortsetzung folgt.) Ein jüdischer Nationalrat in Oesterreich. Am 20. Oktober hat, wie uns gemeldet wird, in Wien eine Reichskonferenz der zionistischen Organisationen stattgefunden, die von Vertrauensmännern aus dem ganzen Gebiet der österreichischen zionistischen Organisationen beschickt war, Die Reichskonferenz hat beschlössen, einen jüdischen Nationalrat einzusetzen, welcher aus den jüdisch-nationalen Reichsrats- und Landtagsabgeordneten und Delegierten aller nationalen Parteien besteht. Dieser jüdische Nationalrat hat die jüdische Nationalversammlung vorzubereiten, deren Wahl auf demokratischer Grundlage stattzufinden hat. Bis zum Zusammentritt der Nationalversammlung ist der jüdische Nationalst die einzig legitimierte Vertretung der jüdischen Nation. Das Exekutivkomitee der österreichischen Zionisten wurde als vorbereitender Auschuß für die Durchführung der Beschlüsse bestellt. Die Reichsratsabgeordneten Straucher und Reizes wurden aufgefordert, den parlamentarischen Nationalrat zu konstituieren. Schließlich fordert die Reichskonferenz das Selbstbestimmungsrecht für die untrennbare Einheit des jüdischen 14-Millionenvolkes, fordert die Errichtung der nationalen Heimstätte fii das jüdische Volk in Palästina, die nationale und bürgerliche Gleichberechtigung für die jüdische Bevölkerung in allen ihren Wohnländern und die Vertretung des jüdischen Volkes auf dem Friedenskongreß. Sprechsaal (Die unter dieser Rubrik erscheinenden Arbeiten geben die Anschauungen der Eii sender wieder, die sich nicht 1 inner mit denen der Redaktion zu decken brauchen.) BlatuWeiß und die gesetzestreue Jugend. Die Bundesieitung des „Blau-Weiß“. Bund für jüdisches Jugendwandern, stellt uns den Wortlaut eines Referates zur Verfügung, das von der Münchner Blau-Weiß-Führerin Metai Moch auf dem Bundestag in Berlichingen gehalten wurde. „Wenn ich, die ich der Orthodoxie zwar nahestehe, aber doch zu viele ihrer Lebensäußerungen negiere, als daß ich mich unbedingt thoratreu nennen könnte, euch heute einige Worte über das Thema „Blau-Weiß und die gesetzestreue Jugend“ sage, so geschieht das lediglich1 auf Grund der Wahrnehmungen, die wir im Münchner Blau- Weiß machen konnten. Ich möchte euch daher bitten, meine Ausführungen und eventuellen Forderungen nicht etwa als von der neu aufkommenden Wanderbewegung in der Agudah beeinflußt zu betrachten, sondern sie anzusehen als hervorgegangen aus der Entwicklung der Münchner Gruppe, die die von ihr erkannten Notwendigkeiten gerne dem Gesamtbund vermitteln möchte. Wohl die meisten von uns betrachten den Blau- Weiß als die jüdische Jugendbewegung und hoffe" und wünschen von ihm, daß er nicht nur einen Teil unserer Jugend umfasse und in sich zu einer Gemeinschaft vereinige, sondern, daß er allmählich die gesamte jüdische Jugend ergreife, um in ihr die Erneuerung des jüdischen Volkes vorzubereiten. Wenn die Jugend ohne Unterschied der sozialen Stellung der Eltern, ohne Trennung nach religiösen Schattierungen und Richtungen zusammenkommt, um sich gegenseitig kennen, schätzen und dulden zu lernen, um eine Gemeinschaft zu bilden, in der sie sich als Menschi und als Jude ausleben kann, so wird sie, meiner Ansicht nach, aus dieser selbstgewählten Lebensgemeinschaft heraus fähig sein, jeden schöpferischen Gedanken zu fassen und auch durchzusetzen. Grundbedingung für die organische und eben nur dadurch ge-