Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 43 (25.10.1918)
- Date
- 1918-10-25
- Page
- Seite 522 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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522 Das Jüdisch« Echo Nr. 43 Pas Ärinrittr lüiiildit üranlirnlrane £dl(i(irc--Mtr ju frmfalm ff örganifatton rein europäifcf) 3foIieri)ä«fer für Anftedtettbe #öd)fte Anerkennung aller SSdjürbett Aufnahme unterfcbtebslos für Alle Alan forbere bie $5ebingungen ein. bittet für feine (Sefdjäftslettung: S'rankfurta. Al ^oftfcbeckkonto Ar. 7785 Srbft. a. Al. $ä(t ficb für gewiffenbafte Uebernabtne oon Stiftungen empfohlen! betten - 3immer - Soweit - ©cbenktafel — Stiftungen «Briefe m richten nach Aöberberamea 63. Entwicklung: herbeizuführen, zur Anschauung: von jener „Mission“ Israels, die zuerst vielleicht Steinheim 1835 in seiner „Offenbarung:“ verkündete. Hier baut sich der Messiasbegriff der modernen jüdischen Religionsphilosophie in engstem Zusammenhänge mit der Missionstheorie als ihr verinnerlichendes Moment auf. Auf der denkbar höchsten Stufe der „geistigen und sittlichen Menschheitsentwicklung:“ bricht das messianische Zeitalter heran —; das jüdische Volk aber trug sein redlichstes Teil, nämlich sich selbst als Opfer, zu dieser „Verwirklichung“ der Menschheit bei und hat seiner Mission genügt. In welchem Verhältnis steht der moderne Messianismus zu dem Begriff des messianischen Zeitalters, der von den Propheten geprägt wurde und dem jüdischen Volke in langen Jahrhunderten des Leidens Kraft verlieh? Hält der Messiasbegriff der Reformer einer historischen Betrachtung stand? Es ist festzustellen, daß die Wesensrichtung dieses liberaljüdischen Messiasbegriffes durchaus individuell ist, indem sie jeden organischen Gemeinschaftsbegriff, heiße er Volk, heiße er selbst Staat, überspringt und sich sofort an den allgemeinen Begriff „Menschheit“ wendet. Es ist bezeichnend, daß die Verkünder der unbedingten und unmittelbaren „neuen Menschheit“ heute hauptsächlich Literaten sind. Solange der Menschheitsbegriff selbst ein wesenloser Schemen, bestenfalls ein Postulat de s„moralischen Empfindens“ in einigen wenigen aufgeklärten Geistern, schlimmstenfalls eben — Literatur ist, ergibt es sich mit naturgemäßer Notwendigkeit, daß seine Vertreter Persönlichkeiten sind, die ihren Wirkungsradius, ihre Entwicklungsmöglichkeiten irgendwie durch eine Gemeinschaft eingeschränkt glauben und die nun eine das Individuum in geringerem Maße einzwängende Gemeinschaftsform, d. h. aber eigentlich: den weiteren, minder abgegrenzten, verschwommenen Begriff einer solchen Form proklamieren. In unseren Tagen leistet jede am Nur-Menschlichen orientierte Bewegung oder Anschauung dem Individualismus Vorschub, wenn diese ihre Tendenz nicht gar selbst Deckmantel des Individualismus ist. So ist vor allem festzuhalten, daß die Messiasidee der modernen jüdischen Theologie mindestens ein stark individualisierendes Moment in sich schließt. Diese Färbung des westlichen Messianismus wird erklärlich, wenn man bedenkt, daß die Rabbiner des liberalen und des Reformjudentums auch außerhalb ihrer Missionsidee, gleichsam als Menschen, die Existenz oder wenigstens die Existenzberechtigung des jüdischen Volkes als eines solchen verneinen. Sonderbar ist dann übrigens nur die durchaus positive Einstellung derselben Vertreter einer im Grunde avölkischen Idee zu ihrem jedesmaligen Wirtsvolk. Die überaus starke Betonung, die die Einzelpersönlichkeit im Rahmen der Reformidee und der mit ihr zusammenhängenden modern-jüdischenMessias-Idee erfährt, zieht als wichtigste Folge den Kantschen Gedanken von der sittlichen Bestimmung des Menschen und den ethischen Postulaten in ihren Bereich. Der Kantsche Begriff der Gottheit ist durchaus subjektiv. Gott ist von seinem Weltenthrone herabgestiegen und hat sich in der Brust des Menschen wenn nicht als „Willen“ (Schiller), so doch als „moralisches Empfinden in mir“ verdichtet. — Da das Zeitalter Mendelsohns nicht umsonst das Zeitalter Kants war, so wird im Laufe der Entwicklung des Messiasbegriffs im vorigen Jahrhundert in seine Sphäre die Idee von der sittlichen Vollkommenheit der Menschheit (besser: der Menschen) als der Vorbedingung des messianischen Zeitalters hineingetragen. Zusammenfassend kann betont werden, daß die moderne Idee von der messianischen Mission des Judentums, die im Zeitalter Mendelsohns ihren Ausgangspunkt hat, individuell gerichtet ist und glaubt, durch größtmögliche Zerstreuung der Juden unter die Völker die sittliche Vollkommenheit der Menschheit und die messianische Zeit herbeiführen zu können, in der der Einzelne in ungestörter Glückseligkeit leben werde. Welche Berührungspunkte hat nun diese "Form des jüdischen Messianismus mit dem historischen, von den Propheten vertretenen messianischen Erlösergedanken? — Nach Achad Haam („Am Scheidewege“, Bd. II, S. 237, „Die Schwankenden“) sieht „die Lehre des Judentums ihren Zweck nicht in der Erlösung des Individuums, sondern in der Glückseligkeit und der Vervollkommnung der Volksgemeinschaft und — am Ende der Zeiten — der ganzen Menschheit“. — „Und auch in späterer Zeit . . . blieb . . . der oberste Zweck des Judentums das Glück der Allgemeinheit“. In welchem Grade das Judentum sich über die Einzelpersönlichkeit als solche hinaus an der Gemeinschaft orientiert, beweist die untergeordnete Bedeutung des Problems von der Unsterblichkeit der Seele in der alten jüdischen Lehre. Aus der Tatsache, daß die Bibel dieses Zentralproblem, welches mehr als jedes andere die denkenden Individuen beschäftigt, kaum berührt, schloß Weininger aüf die Seelenlosigkeit der Juden; ich sehe hierin nur einen Beweis für die dominierende Stellung des Gemeinschaftsgedankens in der altjüdischen Weltanschauung, im religiösen Denken