Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1918-10-25 · 43 (25.10.1918) · p. Seite 521

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
43 (25.10.1918)
Date
1918-10-25
Page
Seite 521 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9102973-9138415--02404-9075226
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 43 Das Jfidischa Echo 521 auch nur andeutungsweise wiederzugeben, ist nicht möglich. Seine für den Kenner sehr interessanten tiefgründigen Untersuchungen waren für die versammelte Jugend nur schwer faßlich. Nach der Mittagspause las Ferdinand Ostertag sein Referat, das zu zeigen versuchte, daß es die Aufgabe jüdischer Erziehung sein muß, die Einheit von Werktag und Sabbat im jüdischen Leben wieder herzustellen. Nunmehr trat man auf Anraten des Vorsitzenden in die Diskussion ein, die Kurt Blumenfeld mit einem Hinweis auf den Wert des Geschichtlichen eröffnete. Man könne keine jüdischen Werte aus dem Nichts schaffen, sondern müsse diese übernehmen, bezw. die übernommenen umzugestalten versuchen. Er zeigte klar den Gegensatz zwischen deutscher und jüdischer Jugendbewegung. Zu seinen Ausführungen sprach Walter Moses, sein erstes Referat erläuternd, und die Verbindung mit Blumenfelds Gedankengängen herstellend. Man erkannte die ungeheuere Problematik seiner radikalen, nur scheinbar so sicheren, tatsächlich aber noch ringenden Anschauung. Moses wandte sich zum Schluß wieder gegen verschiedene Eiferer, deren Forderungen, wenn er diese auch für sich selbst anerkenne, man einer Bewegung nicht als ausschließliche Forderungen vorsetzen dürfe. Das Ausschließliche, Unbedingte dürfe lediglich das Gemeinziel und das darauf gerichtete geistige Streben sein. In ruhiger sicherer Weise legte Herr Dr. Barth- Berlin die Stellung des gesetzestreuen-nationalen Judentums dar. Seine von großer Klarheit und Wärme getragenen Ausführungen ernteten außerordentlichen Beifall. Nach Viktor Arlosoroff, der die Forderung des Hebraismus vertrat, spachen verschiedene jüngere Blau-Weiß-Führer, die den Jugendtag mit seiner Nichterfüllung der auf ihn gesetzten Erwartungen und seinem unjugendlichen Geiste heftig angriffen. Sie wandten sich scharf gegen seine Zusammensetzung, hauptsächlich aber gegen den agressiven, unfreundlichen Ton, der hier herrsche und sich hauptsächlich gegen den Bl'au-Weiß richte. Wenn auch hier einzelne revolutionär und antitraditionell gerichtete Sätze ausgesprochen wurden, deren Inhalt allein wiedergegeben, wohl abschreckend wirken könnte, so darf man doch in diesen einzelnen Aussprüchen, deren Zusammenhangslosigkeit der rhetorischen Ungeübtheit der Sprechenden zuzuschreiben war. nicht das Charakteristische dieser Jugend suchen, wie es ihnen jetzt von vielen Älteren unberechtigterweise zur Last gelegt wird. Die Diskussion nahm mit Nachum Goldmann, Karl Gläser, Ludwig Strauß und Reichert einen lebhaften Fortgang. Letzerer verlangte Anschluß an die Hechaluzgruppe. Sodann erhielten die Referenten das Schlußwort. Moses Cal’vary verteidigte den Blau-Weiß unter Hinweis auf die erst auf dessen Anregung hin geschaffenen Möglichkeiten praktischer Palästinavorbereitung. Buber sprach noch einiges über Jugenderziehung und ihre verschiedene Handhabung in Palästina und im Galuth. Der Abend schloß spät und in erregter Stimmung. Der zweite Beratungstag brachte Referate von Karl Glaser über „Die national-jüdische Schule“ und Walter Moses über „Berufsumschichtung und Palästina-Arbeit“. Beide Referate zeichneten sich durch Sachlichkeit aus. Besonders stieß natürlich das Referat von Walter Moses auf das Interesse der Jugend. Sieht sie doch in der beruflichen Vorbereitung für Palästina eine ihrer vornehmsten Aufgaben im gegenwärtigen Augenblick. Nach Moses wies Rubaschow auf die Gefahren hin, die Palästina als einem Einwanderungsland drohen könnten. Frau Dr. Meisel-Schochat erzählte mit schlichten Worten vom Leben in Erez-Israel, seinen Entbehrungen, seiner äußeren Einfachheit und seiner inneren Zufriedenheit. Isaak Feuerring versuchte unter Hinweis auf die Resolutionen der amerikanischen und russischen Zionisten die Befürchtungen bezüglich des Kapitalismus in Palästina zu beseitigen. Julius Berger bemängelte an den Ausführungen Moses’ die seiner Meinung nach allzu große Vorsicht und Behutsamkeit, obgleich man gerade bei Walter Moses doch durch alle Sachlichkeit hindurch die Palästinabegeisterung spürte und es heute ja hauptsächlich praktische Kenntnisse sind, auf die es bei der Übersiedlung ankommt. Dr. Buber sprach von der zwiefachen Erziehung z u Palästina und f ü r Palästina. Die erstere sei die Erweckung des dauernden Antriebes nach Palästina zu gehen, die zweite die Vorbereitung für das Leben und insbesondere die jüdische Kultur in Palästina. Zu vorgerückter Tageszeit schloß Felix Rosenblüth die Tagung mit der Hoffnung, daß es das nächstemal besser werde. Ein Versuch, durch den Gesang der „Hatikwah“ die aufgedeckten Gegensätze in billiger Schlußstimmung zu verwischen, ließ deutlich erkennen, wie sehr man des Einigenden bedurfte. Die am Nachmittag desselben Tages versammelten Delegierten wählten in ihrer Sitzung den folgenden engeren Arbeitsausschuß: Viktor Arlosoroff, Dr. Barth, Kurt Blumenfeld, Dr. Buchholz, Grete Eckstein, Exiner, Edmund Levy, Dr. Fritz Löwenstein, Walter Moses, Felix Rosenblüth, Salman Rubaschow, Frl. Thomaschewsky und Ger- ’trudlei Welkanoz. Zum Jugendsekretär wählte man wieder Karl Glaser. S. b. M. Zionismus und Messianismus.*) Es ist gewiß kein Zufall, daß der Begriff des Messianismus gerade von den westlichen Vertretern der „Wissenschaft des Judentums“ zum Gegenstände wiederholter und eingehender Betrachtung gemacht worden ist. Bildet doch jener Begriff einen integrierenden Bestandteil in der Ideologie der Missionstheorie. Fast seit den Tagen des Kulturvereins 1819 hatte man den Gedanken einer jüdischen Mission in Vorträgen, Predigten und Broschüren entwickelt und zunächst in die jüdische Welt hinausgetragen. Zwar hatte sich noch Gans in seinem „halbjährigen Bericht im Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden“ 1822 mit der rein formellen Erklärung begnügt: „Das (Europa), worin es (das Judentum) aufgeht, soll reicher werden um das Aufgegangene“. (Mitgeteilt bei Rubaschow „Erstlinge“ im 2. Heft des „Jüdischen Willens“.) Schon in diesen allgemein gehaltenen Worten liegt der Gedanke einer Bereicherung, die die Umwelt durch das Judentum erfahren könne, werde und! — im Laufe der historischen Entwicklung — müsse-, einbegriffen. Von der Idee aber der Möglichkeit und entwicklungsgemäßen Wahrscheinlichkeit einer Mitarbeit Israels an der geistigen und sittlichen Menschheitsentwicklung ist nur ein Schritt zum Gedanken von der Aufgabe des jüdischen Volkes, diese *) Zu einem Artikel von Dr. A. Schlesinger: „Der Zionismus und die messianische Sendung des Judentums“. („Neue Jüdische Monatshefte“, Jahrgang II, Heft 18.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.