Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 42 (18.10.1918)
- Date
- 1918-10-18
- Page
- Seite 513 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 Das Jüdisch« Echo 513 Schimon in dem Willnaer Wochenblatt „Unser Ossid“: Eines der größten Kriegsleiden, die ^iber dasi ilitauischle Judentum 'heireingelbrochen felind. ist die Verringerung seiner! jungen Intelligenz. Große jüdische Zentren sind von der Gefahr einer kulturellen Degeneration bedroht. Gleich nach Beginn der Okkupation sind viele junge Leute nach Deutschland ausgewandert, viele hat die Suche nach Arbeit in alle Windrichtungen zerstreut, eine bedeutende Zahl von Studenten und Abiturienten wurden Bremser bei der Bahn. Als endlich die Erlaubnis zur Auswanderung nach Amerika gegeben wurde, ergriff diese Möglichkeit die Jugend wie eine Massenpsychose. Eine ganze Arinee jugendlicher Intelligenz ging auf diese Weise dem Lande verloren. Noch gefährlicher aber wurde für die Zukunft des litauischen Judentums der Drang nach Rußland. Die Jugend drängt zu den russischen Hochschulen, die Lehrer werden angezogen durch das breite Arbeitsfeld und die besseren Lebensbedingungen, viele gehen nach Rußland, weil sie dort für sich eine größere Bewegungsfreiheit in der gesellschaftlichen Bewegung erhoffen. Dafür spüren die litauischen Juden einen empfindlichen Mangel an Lehrern, so daß Schulen geschlossen werden mußten. Ben Schimon spricht geradezu von einer großen nationalen Gefahr, welche durch die gekennzeichnete (Entwicklung iftifr dasf litauische Judentum heraufbeschworen wird. Das jüdische Vereinshaus. Eine traurige, aber wahre Geschichte. In München gibt es eine große Anzahl jüdischer Vereine, vom denen jeder seinem besonderen Zwecke dienen soll und alle müssen regelmäßig oder von Fall zu Fall irgendwo mehr oder minder (meist minder) geeignete Unterkunft suchen. Einsichtige haben diesen Zustand seit langem bedauert und das einzige Mittel der Abhilfe, ein würdiges jüdisches Vereinshaus erstrebt, wobei oft genug berechnet wurde, daß damit dem jüdischen Leben Münchens nicht nur eine würdige Stätte bereitet würde, sondern, daß damit sogar eine Menge Geld gegenüber dem jetzigen Zustand erspart würde, der dazu zwingt, für jede Veranstaltung teuere Säle zu mieten. Aber kein Verein ist für sich stark genug, um ein Unternehmen, wie die Schaffung eines jüdischen Vereinshauses allein wagen zu können und ein Zusammenschluß zu diesem Zweck schien unmöglich zu sein — bis sich vor Kurzem ein Weg zeigte, wenigstens einen Teil der Aufgabe zu lösen und die ostjüdischen Vereine für diese Aufgabe zusammenzuschließen, und der Appell zur Schaffung eines gemeinsamen Heims für alle ostjüdischen Vereine weckte größte Begeisterung, die in einer einzigen Zusammenkunft über 40 000 Mark für diesen Zweck brachte und Aussicht auf Beibringung sämtlicher erforderlichen Mittel1 gab. Das geistige und gesellige Leben der Ostjuden Münchens sollte einen Mittelpunkt erhalten, der Gewähr bot, es in bisher unbekannter Weise zu heben und zu bereichern. Jeder der beteiligten Vereine hatte das Zusammengehen zur Schaffung des Vereinshauses beschlossen — und als die Vorstände am Donnerstag zusammenkamen um die Einzelheiten festzusetzen, brachten sie einander und dem Willen und der Kraft der ostjüdischen Gemeinschaft so viel Mißtrauen entgegen, daß sie das Zusammengehen vereitelten und aus kleinlichen Bedenken die Ostjuden Münchens um ihr Vereinshaus brachten. Von einer Seite verstieg man sich sogar so weit, zu verlangen, daß alle für den einen Verein Talmud Thora-Schule Geld sammeln müßten, von dem dann ein großer Teil den gemeinsamen anderweitigen Aufgaben zu dienen hätte und als dies abgelehnt wurde, zu erklären, daß die finanzielle Basis fehle. So wurde im Wesentlichen von der gleichen Seite das Zusammengehen vereitelt, die es im Rahmen des Talmud Thora-Vereins dadurch unmöglich gemacht hatte, daß sie denselben in unbegreiflicher Weise einer unbedingten Vormundschaft unterstellte. Die Ostjuden Münchens werden sicherlich von ihren Beauftragten dafür Rechenschaft fordern, daß sie ihnen die Hoffnung auf ein jüdisches Haus, das allen dienen und gehören sollte, nahmen. Die Führer des nationaljüdischen Teils aber, die bisher mit unendlicher Geduld und vollkommener Hintansetzung ihrer Person dem Versuche des Zusammenschlusses dienten, werden von jetzt an alle Energie ihrer eigentlichen Aufgabe, der nationalen Erziehung der ostjüdischen Jugend und der nationalen Bereicherung des gesamten ostjüdischen Lebens in München, mit einem Wort: dem jüdischen Volks heim zuwenden und sie rufen alle auf, die mit ihnen hierin übereinstimmen, ihnen mit allen Kräften zu helfen. Reich. Feuilleton Der Rabbi von Rothenburg. Novelle von David Feucht ,v a n g. (Fortsetzung.) Die Hochzeit war für Freitag festgesetzt, wie es damals Sitte war. In aller Frühe rief der Synagogendiener zum Gebete und lud die ganze Gemeinde zum „Mayen“ d. h. zur Feier ein. Die Vornehmsten mit dem Rabbiner an der Spitze der ganzen Gemeinde in festlichem Gefolge führten den glücklichen Bräutigam in den Vorhof der Synagoge. Brennende, geflochtene Wachskerzen wurden vorangetragen und klingendes Musikspiel begleitete den Zug. Die Kerzenträger und. Musikanten holten dann die Braut mit ihren Freundinnen ab. Wieder bewegt sich der Zug zur Synagoge. Der Bräutigam geht der Braut mit den Honoratioren entgegen, erfaßt die Hand der Braut, während die Frauen beide mit Weizenkörnern bewerfen und dabei spechen: „Er umhege dein Gebiet mit Frieden, sättige dich mit dem Mark des Weizens.“ Goldmünzen, in den Weizen gestreut, sollten die Armen sammeln. Hand in Hand schritt das Brautpaar bis zur Synagogentür. Hier läßt es sich ein wenig auf einer Bank nieder. Schmuckvoll sehen sie aus. Die Braut trägt einen goldgestickten, seidenen Überwurf mit langen, weiten Ärmeln, der weich mit Pel'zwerk verbrämt und gefüttert ist; darunter wird das schneeweiße „Sargenes“, das Sterbekleid, sichtbar, ein spinnwebenfeiner Schleier wallt vom Haupte nieder und verhüllt das Antlitz. Auch der Bräutigam ist in festlichem Schmuck. Er trägt ein schwarzes Seidengewand mit otffenen Halbärmeln, Kragen! und Kapuze; darunter ebenfalls das Sterbekleid; er zieht aber, bevor er in die Synagoge schreitet, die Mitra oder „Gugel“ über das Haupt, wie ein Trauernder. Denn am Tage ihrer höchsten Freude müssen Braut und Bräutigam der Trauer um Zion Ausdruck verleihen. Nun erfolgt der Einzug in die Synagoge unter feierlichen Musikklängen. Der Bräutigam sitzt am Ehrenplätze neben der