Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 40 (4.10.1918)
- Date
- 1918-10-04
- Page
- Seite 488 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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488 Das jüdische Echo Nr. 40 Zionismus und Galuth. Das Problem „Zionismus und. Galuth“, eines der zentralsten jüdischen Probleme der Gegenwart, wenn nicht überhaupt das Problem, um das sich alle anderen jüdischen Fragen gruppieren, beleuchtete in ganz eigenartiger und äußerst anregender Weise dieser Tage Nach um Goldmann in einem von der Zionistischen O-rtsgruppe München veranstalteten Vortrag. Um das Galuth-Problem richtig zu erfassen, muß man sich zunächst einmal über die aktuelle Seite desselben erheben — man kann es nicht mit den Maßstäben anderer Völker messen — und es einstellen als ein großes zentrales Problem in die ganze geschichtliche Entwicklung unseres Volkes. Das Galuth wird sich dann darstellen nicht als etwas Einmaliges sondern als ein ständig wiederkehrendes Element in unserer Geschichte. Wir leben heute bereits im dritten Galuth und haben im Galuth stärker gelebt ais in Zion. Die Geschichte anderer Völker dreht sich stets um einen Pol, unsere um zwei Pole. Unsere Geschichte ist sinnlos, wenn man uns nur als das Zionsvolk nimmt, das sich zufällig im Galuth befindet. Es hat sich bei uns stets, wenn wir in Zion lebten, ein Zug nach der Zerstreuung, und wenn wir in der Diaspora weilten, der Zug nach Zion geltend gemacht. Diese Eigentümlichkeit ist keine zufällige, sondern hängt mit der Dualität des jüdischen Geistes zusammen. Wir haben der Welt die Ethik, den Begriff vom Guten und Bösen gebracht und damit das Einfache durch die Dualität ersetzt. Die beiden Pole, „das Gute“ und „das Böse“, in unserer Ethik, entsprechen der Bedeutung von „Zion“ und „Galuth“. Zion ist schlechthin das Gute, Galuth das Schlechte. Galuth ist die Realität als solche, der Abfall von dem Grundmotiv unsrer Geschichte: irgend eine Realität zu haben und sie ganz und gar umzuformen. Für den jüdischen Geist ist das Böse die ungestaltete, unvergeistigte Wirklichkeit. Die Ursachen des Galuth sind nicht in äußeren Dingen zu suchen. Ein so starkes Volk, wie wir Juden es sind, läßt sich nicht einfach aus seinem Lande wegführen und 2000 Jahre in der Verbannung halten, wenn die Vorbedingungen hierfür nicht in ihm selbst liegen. Es kann sich nur um innere Dinge handeln und zwar sind drei Faktoren für das Galuth. in dem wir gegenwärtig leben, maßgebend, die alle auch ein Element des Schuldhaften enthalten. Das erste und wichtigste Motiv, das zum Galuth geführt hat, war der Selbsterhaltungstrieb unseres Volkes. Wir haben seinerzeit erfaßt, daß der Orient sich seinem Ende nähert und der Okzident beginnt. Wären wir nicht freiwillig ins Galuth gegangen — und freiwillig sind wir gegangen, denn erstens war bereits der größere Teil unseres Volkes in der Diaspora, als der Tempel zerstört wurde und zweitens lag doch schließlich in dem Umstande, daß man uns den Staat genommen hatte, kein Zwang für uns, deshalb das Land zu verlassen — so wären wir mit dem ganzen vorderasiatischen Kultursystem zusammengebrochen. Diese Voraussicht war eine ganz große Leistung unseres Volkes, und doch haben wir dadurch eine Art von Verrat an unserem Lande geübt. Es wäre vielleicht heroischer und treuer gewesen, wenn wir ausgeharrt hätten, selbst auf die Gefahr hin eventuell1 zu Grunde zu gehen. Das zweite Motiv ist der Trieb insWeite, der uns eigentümliche Hang zur Zerstreuung und zur Wanderung. Auch darin liegt eine stolze Wesenseigentümlichkeit und doch wieder etwas Schuldhaftes. Wir haben verlernt, uns in der Enge der eigenen Heimat zu begnügen. Das dritte Motiv ist unsere Fähigkeit zur Anpassung, die allein es uns ermöglichte. 2000 Jahre unter den Völkern zu leben, ohne von ihnen um unserer Fremdheit willen aufgerieben zu werden. Nur ganz begabte Völker können sich so anpassen, zugleich aber doch ihre eigenen Elemente bewahren So fruchtbar diese Anpassungfähigkeit an und für sich ist, so liegt doch in dem Akt selbst, in der Fähigkeit etwas Schuldhaftes. Das Galuth als solches war eben ein notwendiges, zugleich aber ein schuldhaftes Mittel zur Selbsterhaltung. Nehmen wir dem Galuth den Zionsbegriff, dann ist es nichts weiter als Schuld, mit ihm ist es zwar auch noch Schmach — aber notwendige. Nie hat es einen Juden gegeben, der sich das Galuth anders vorstellen konnte, denn als einen Übergang zu Zion. Es wird nur dann legitimiert, wenn man es als notwendiges Übel ansieht, durch das man muß, um zum Guten zu gelangen. Es gibt kaum ein größeres Phänomen in der Geschichte, als das der Galuth-Negation bei gleichzeitiger Bejahung der Galutharbeit. Und wir müssen — bei aller Verneinung des Galuth als solches — zu seinen einzelnen Faktoren, z. B. zum Jidischen, zu der Galuth-Literatur und -Vergangenheit, unbedingt bejahende Beziehung haben. Auf der anderen Seite aber muß erhalten bleiben die bedingungslose Negation dem Lande gegenüber. Der Feind der jüdischen Zukunft ist nicht so sehr die Assimilation, als der das Galuth bejahende Nationalismus im Osten. Das Böse liegt nicht so sehr in der Preisgabe des Landes als in der Aufgabe der Idee, in dem Sich-Abfinden mit der Realität. Wir dürfen nicht zu dieser Welt, so wie sie ist, Ja und Amen sagen. Galuth und Zion ist die Manifestation der Dualität der jüdischen Seele. Wir haben der Welt mit dem Begriff des Guten und Bösen das Paradies genommen —. um es ihr durch den Begriff Zion auf einer höheren, bewußten Stufe wieder zu geben. M. M. Palästina. Samaria und Untergaliläa besetzt. Nach den letzten Heeresberichten hat die in Palästina vordringende englische Armee Haifa, Akka. Nazareth und das südliche Ufer des Tiberiassees besetzt. Damit sind' die in Samaria und Untergaliläa liegenden jüdischen Kolonien von den Engländern besetzt. Über das Schicksal der Bevölkerung liegen uns Nachrichten noch nicht vor. Auch aus Obergaliläa liegen Nachrichten aus den letzten Tagen nicht vor. Rumänien. Naturalisationsgesetze. Die Kammer nahm ein Gesetz an, wodurch die rumänische Staatsbürgerschaft allen denjenigen verliehen wird, die unter den Fahnen dienend Bürgerrechte durch königliches Dekret, vorbehaltlich der Genehmigung durch das Parlament, erhielten. Anschließend daran veröffentlichen moldauische Zeitungen eine Bekanntmachung, der zufolge diejenigen Fremden, die unter den Fahnen dienend die rumänischen Bürgerrechte erwerben wollen, gehalten sind, den im kürzlich kundgemachten Naturalisationsgesetz (Juden ge setz) vorgeschriebenen Weg einzuschlagen.