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Das jüdische Echo · 1918-10-04 · 40 (4.10.1918) · p. Seite 487

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
40 (4.10.1918)
Date
1918-10-04
Page
Seite 487 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 40 Das Jüdische Echo 487 sondern des ganzen Weltfriedens darstellen. Hier könnte durch eine praktische Förderung des zionistischen Palästinaproblems die deutsch-türkische Staatskunst dem hochpolitischen Schachzug Englands einen wirksamen Gegenzug entgegensetzen und dem Gegner ein Kriegsmittel aus der Hand winden, das nun der eigenen Politik die Freundschaft und Unterstützung des jüdischen Einflusses in der ganzen Welt zu wendet. Diese Einheitlichkeit des jüdischen Volkswillens haben weite und maßgebende Kreise bei uns. wie es scheint, noch nicht voll begriffen; sie sehen unter Zugrundelegung bloß deutscher Verhältnisse das Jüdische noch zu sehr unter dem althergebrachten Gesichtspunkt des Konfessionellen und der Religionsgemeinschaft. Sie übersehen, daß heute das Gesamtjudentum auch ein Volkstum und damit einen politischen Faktor darstellt, dessen internationale Tragweite die anglo-amerikanische Weltmacht längst erkannt und sich zunutze gemacht hat. Aber auch ganz anders eingestellte Stimmen haben sich aus rein nationalen deutschen Interessen, nicht aus grundsätzlicher Zustimmung zu den natinal-jüdischen Wünschen, für eine Förderung der zionistischen Palästinapläne durch die deutsche Reichsregierung ausgesprochen. Sie weisen darauf hin, daß die Ablenkung des Zuflußstromes a.n jüdischen Wanderern aus den besetzten Gebieten des Ostens, namentlich Polen und Litauen, nach Palästina die Gefahr einer ostjüdischen Einwanderung über die Westgrenze nach Deutschland abwenden würde. So sind es mancherlei Gründe, welche die deutsche Realpolitik veranlassen könnten, zu prüfen, welche Bedeutung dem zionistischen Problem in der Gegenwart zukommt und! welchen Rang es unter den mancherlei Interessenreihen der deutschen Außenpolitik einzunehmen hätte. Denn übersehen oder übergehen läßt sich heute die weltpolitische Bedeutung des Zionismus nicht mehr; die jüngste Wendung im Weltkriege, die Jerusalem in den Brennpunkt des östlichen Interesses rückte, und die diplomatische Stellungnahme aller Weltmächte zu der Frage der jüdischen Palästinasiedlung hat das Gewicht des Zionismus auch dem Uneinsichtigen klar gemacht. Und! die Förderung, die diese Bewegung in den letzten Monaten erfahren hat, wirdl sich inachi Wiederhemtellung des Friedens sehr bald in mehr oder weniger weitgreifende praktische Erfolge umsetzen. Durch diese Sachlage ist das Recht der Begründung von „Pro Palaestina“ aus rein deutschen, vaterländischen Interessen heraus erwiesen; es gilt nun die Aufklärung der öffentlichen Meinung in Deutschland1 über die Bedeutung des Palästinaproblems für die Mittelmächte. Zur Erklärung des Großwesirs Talaat Pascha in der Palästinafrage. Vom Präsidium der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation“ erhalten wir nachstehende Zuschrift: Die die Bildung eines jüdischen Zentrums in Palästina betreffende Erklärung, welche der türkische Großwesir anläßlich seiner Verhandlungen mit den Vertretern jüdischer Organisationen einem der Delegierten gegeben hat, hätte sicherlich sämtliche Gruppen der Judenheit befriedigt, wenn sich nicht eine durch die türkischen Verhältnisse bedingte Unklarheit in den Text eingeschlichen hätte. Diese Unklarheit hat zu unrichtigen Interpretationen und zu einer Polemik zwischen den Organen der Zionistischen Organisation und der Orthodoxie in Deutschland geführt. Die Beseitigung dieses Mißverständnisses liegt ebenso im Interesse des einträchtigen weiteren Zusammenwirkens der jüdischen Organisationen wie in dem des Erfolges der noch bevorstehenden Verhandlungen. Da S. H. der Großwesir bereits im Januar 1918 gegenüber den Vertretern der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations - Organisation“ und der „Deutsch - Israelitisch - Osmanischen Union“ über seine Absichten sich ausgesprochen hat und auch im September d. J. Mitglieder des Präsidiums der A.J.K.G. empfing, glauben wir über seine Intentionen richtig informiert zu sein. Wenn Talaat Pascha das künftige jüdische Zentrum als ein religiöses bezeichnete, so wollte er damit keineswegs sagen, daß die türkische Regierung ausschließlich die religiösen Bestrebungen der Juden in Palästina fördern würde, ohne den nationalen entsprechende Fürsorge angedeihen zu lassen. Dies ist allen Delegierten durch die Darlegungen des Großwesirs hinsichtlich der Haltung, welche die Regierung in Sachen des jüdischen Schulwerkes, der hebräischen Sprache, des jüdischen Vereinswesens usw. einzunehmen gedenkt, genügend klar geworden. Daß Talaat Pascha trotzdem in der erwähnten Erklärung nur von einem religiösen Zentrum spricht, dürfte auf zwei Gründe zurückzuführen sein. Nach der überlieferten türkischen Auffassung, die mit der Anschauung der orthodoxen und zionistischen Kreise übereinstimmt, bilden die Juden nicht nur eine religiöse, sondern auch eine nationale Gemeinschaft. Eine solche wird in der türkischen Sprache mit dem Worte „millet“ bezeichnet. In einem von den Vertretern der A.J.K.O. und der D.I.O.U. am Beginne der Verhandlungen ausgearbeiteten Entwurf, welchen der Großvezir genehmigt hatte, war auch ausdrücklich hervorgehoben worden, daß dem jüdischen „millet“ nationale Rechte ebenfalls zustehen sollen. Bei den außerordentlichen Schwierigkeiten, welche die innere Lage der Türkei mit sich bringt und mit denen die Regierung rechnen muß, fällt es ihr jedoch sehr schwer, auf das Wort „national“ besonderen Nachdruck zu legen, weil diese Bezeichnung mit den gegen die Integrität der Türkei! gerichteten Bestrebungen der Armenier und Araber zu1 sehr verquickt wurde. Man darf nicht aus den Augen lassen, daß die türkische Regierung in Sachen des Palästinaproblems zu einer vorsichtigeren Sprache gezwungen ist, als England, welches als Eroberermacht auftritt und sich auf eine liberale Öffentlichkeit stützt. Alle Kenner der türkischen Verhältnisse werden zugeben, daß es bereits ein großer Schritt nach vorwärts und eine bedeutende Errungenschaft für die jüdische Sache ist, wenn die türkische Regierung sich nunmehr zu dem Prinzip eines jüdischen Zentrums in Palästina auf dem Wege planmäßiger Kolonisation bekannt hat. Wir dürfen hoffen, daß im Verlaufe der weiteren Verhandlungen und in dem Maße als die türkischen Kreise sich an die neue Palästinapolit’k gewöhnen werden, der türkischen Regierung möglich sein wird, den Wünschen der verschiedenen jüdischen Gruppen auch nach der formellen Seite hin immer mehr Rechnung zu tragen.

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