Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1918-10-04 · 40 (4.10.1918) · p. Seite 482

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
40 (4.10.1918)
Date
1918-10-04
Page
Seite 482 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/9072829-9102973-9138411--02362-9075184
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

482 Das Jüdisc h« Echo Nr. 40 Verbot der Sonntagstätigkeit, obwohl die polnischen Juden bereits den Sonnabend über sich der Arbeit enthalten. Ferner soll von Staats wegen die Genossenschaftsbewegung mit allen Kräften unterstützt werden. Ganz dunkel sind die Andeutungen über das Paßwesen. Jeder, der dem polnischen Staate angehören will, erhält einen Paß* worauf er als „Nationalpole“ betrachtet wird. Hier scheinen sich wenig erfreuliche Absichten anzudeuten, deren Tragweite man noch nicht klar sieht. Die Polen selbst haben so oft und so laut übernationale Vergewaltigung geklagt — in Preußen,, im zaristischen Rußland, neuerdings in der Ukraine—, daß man kaum glauben sollte, daß sie. diejenigen Methoden andern Völkern gegenüber anwenden wollen, die sie gegen sich nicht gelten' lassen wollen. Sie selbst verlangen überall für sich? die polnische Sprache als Schulsprache; was jedoch ihnen recht ist, sollten sie billig anderen gewähren. Die Polen verlangen in der Ukraine und: in Litauen das Recht der personalen Autonomie., Nach diesem System wird in national stark gemischten Ländern für jede Nationalität ein besonderes Kataster angelegt, in das man sich nach Belieben eintragen lassen kann; die Erledigung der kulturellen Staatsbürgerpflichten, wie Schulpflichten usw., richtet sich alsdann nach der Eintragung. Dieses System ist die vollendete Anpassung der starren Staatsidee an die Mannigfaltigkeit des Nationalitätengewirrs. Der junge polnische Staat sollte von Anfang an dieses höchst entwickelte System übernehmen. Ein Jahrhundert und länger haben die Polen das Selbstbestimmungsrecht der Völker für sich geltend gemacht. Nun ist die Zeit gekommen, wo sie zeigen können, daß es ihnen mit diesem Ziel ernst ist, nicht nur für sich, sondern auch für andere. Wie si e nicht im Russen- und Preußentum, so wollen die unter ihnen lebenden Deutschen und die Millionen Juden nicht im Polentum untergehen. Nur eine verschwindend kleine Schicht unter den Juden, die wohlhabende Bourgeosie, ist für die Verschmelzung gestimmt, die ganze große Masse ist gewillt, an Sprache und Art der Vorfahren festzuhalten (sog. Nationalisten) oder bekennt sich darüber hinaus gar zum zionistischen Ideal. Was die wirtschaftlichen Bestrebungen der polnischen Regierung zur Judenfrage betrifft, so wäre zwar eine Abdrängung der im Handel überschüssigen jüdischen Existenzen in andere Berufe. etwa in die industrielle Arbeiterschaft, sehr zu wünschen. Aber dies geht nur auf dem Wege einer aufbauenden Industriepolitik, durch Schaffung einer hochwertigen Industrie, unter Errichtung eines ausreichenden Fach- und Fortbildungsschulwesens, technischer Lehranstalten aller Grade und Arten usw. Polen, ein übervölkertes Land, kann nur auf diese Weise gesunden. Gewaltsame Maßnahmen, die nur die Verdrängung der Juden aus dem Handel bezwecken, sind geeignet, das namenlose Elend; das bereits vor dem Kriege in den polnischen Städten herrschte, mit allen seinen demoralisierenden Wirkungen ins Grenzenlose zu steigern. Und der Verdacht erwacht, daß die geplanten wirtschaftlichen Maßnahmen nur verhüllte Arten der niedersten Form der Nationalitätenpolitik sind: Der Ausrottung, der Verdrängung aus dem Lande durch Nötigung zur Auswanderung. Auch der polnische Staat sollte sein vornehmstes Ziel erblicken in der wahrhaft demokratischen Lösung seines Nationalitätenproblems. Dadurch sollte er seine Daseinsberechtigung erweisen. Nicht aber sollten die Polen der Welt das jämmerliche Schauspiel des Sklaven geben, der die Ketten bricht. Die Polen sollten nicht «ergessen, daß sie die Juden einst in ihr Land gezogen haben, auf daß sie den völlig fehlenden Handels- und Handwerkerstand bildeten. Damals haben sie ihnen bereitwillig eine nationale Organisation (die „Vierländersynode“) gegeben. Inzwischen sind die polnischen Massen vorangeschritten, und man glaubt, die Juden, die man einst gern herangezogen hat, entbehren zu können. Das aber ist kein Grund, eine im Lande seit vielen Jahrhunderten lebende, heute Millionen umfassende Gruppe, wirtschaftlich und national zu vernichten. Die Zeiten Pharaos sind vorüber; heute herrschen die Gesetze der Demokratie, und nur durch ihre Übung beweist ein Volk seine Daseinsberechtigung. Die Weltdemokratie hat kein Interesse an der Schöpfung neuer Staaten, wenn diese allem modernen Empfinden ins Gesicht schlagen; und wenn sich an diesem Treiben gar Parteien beteiligen, die sich selbst den Namen Demokraten beilegen, so wird diese Schändung eines solchen Namens nicht ungerächt bleiben. Will Polen seine kleinen Nationen sich verschmelzen, dann möge es den einzigen Weg dazu wählen, den die Auffassung unserer Tage ihm gestattet: Weite freiheitliche Ausgestaltung seines Staatslebens, die alle fremden Elemente mit magischer Gewalt anzieht, auf daß sie mit brennendem Begehr nach dem Äufgehen in die polnische Nation streben lernen. Dr. Erich Mar x.“ Der jüdische Gemeindebund in Rußland. Die Moskauer Gründungskonferenz. Das Jüdische Preßbureau' in Stockhohn berichtet: Wie wir seinerzeit gemeldet, fand Anfang Juli eine Konferenz der jüdischen Gemeinden Zentralrußlands statt, die einen Bund der jüdischen Ge- •A» mmm Jttfindjner Jlcueffc Jladjrt <5röj?te,täg(.2ma( erfdjeinenbe 3eitung ©üb* unb 27fitfe(beutfd)* lanb$. tfauffräftiger£eferfrete unb über ©eutfdjtanbS ßfrensen hinauf ge^enbe Verbreitung, (Großer lauf* männ. u. getperbl.6teflenmartt Slnerfannt fef>r erfolgreich für Sinnigen ofler 2frt. Slnjeigen* Preis unb 0tacf)lag noch Serif. Eesugtyrel* monatl. 2711.2.—bei affen beutföen poftanffalfen 2<ägli#e2(uffage 2mal löooooejcmplore/ÜberVjDlJunioniefer-w RiiiiiXXXXXXiiiif k A« AAA tt ••**«*•««*(

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.