Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 40 (4.10.1918)
- Date
- 1918-10-04
- Page
- Seite 481 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40 481 Das Jüdische Echo Die polnische Nationalitätenfrage. Die „Berliner Volkszeitung“ vom 20. September schreibt: „Die polnische Regierung: hat, wie auch an dieser Stelle mitgeteilt, durch den Prinzen Radziwill erklären lassen, daß sie die Judenfrage in tolerantester Weise lösen wolle. Dadurch wollte sie anscheinend den Eindruck verwischen, den die kürzlichen Erklärungen eines anderen Regierungsmitgliedes gegenüber einem Vertreter des „Berliner Tageblatts“ hervorgerufen hatten. Jene Erklärungen hatten mit dürren Worten besagt, daß die polnische Regierung entschlossen sei, die Juden Polens gewaltsam zu polonisieren und wirtschaftlich weitmöglichst zu verdrängen. Diese Auffas- Nun kann man es verstehen, wenn der polnische Staat gern ein einheitliches Volkstum haben möchte. In jedem Nationalitätenstaat strebt das herrschende Volk nach Aufsaugung der übrigen Nationen. Es fragt sich nur, welche Mittel angewandt werden dürfen, um dieses Ziel zu erreichen. Das primitivste Mittel ist die Ausrottung der anderen Nationen, oder, was auf dasselbe hinauskommt, die Verjagung, der offene und versteckte Zwäng zur Auswanderung. Ein milderes Mittel ist schon die zwangsweise Assimilierung, die gewaltsame Vernichtung der nationalen Eigenheiten, wie Sprache und Schule. Das fortgeschrittenste Mittel ist die Ausgestaltung des eigenen Nationallebens in so großzügiger, freiheitlicher, liberaler Weise, daß die anderen Nationen, von der Großzügigkeit dieser Freiheit hingerissen, sich frei- J 3umZeichnen uon ftrieQsanleihe ÄDEr 500. OltarP farm jeder seichnert. Thete OTTLIlionen OTtarf ergeben öiefe ftunderftaufenöe Feiner 5eicl> minien unö betoeilen öen Tein* öen,t5afr auch bei öer.^eunten" das öeutfche T3olf getchlollensu öen 3eichnunQ3fctTaltern geeilt ift 1 sung des schwierigsten Problems, das dem jungen Staat gestellt ist, hatte überall lebhafte Verwunderung erregt. Polen ist kein einheitlicher Nationalstaat. Auf dem Territorium Russisch-Polens leben durcheinander Polen, Deutsche, Weißrussen und Juden; kommt ganz Galizien zu dem neuen Staat, dann hat er auch noch einen großen Prozentsatz Ukrainer. In Russisch-Polen sind neben den Polen selbst die zweitstärkste Nation die Juden; es gibt ihrer etwa 2 Millionen neben 9 Millionen Polen. Galizien hat gleichfalls etwa 2 Millionen Juden. Die polnisch-galizischen Juden stellen unbestritten eine besondere Nationalität dar. Während die Juden Westeuropas überwiegend die eigene Nationalität eingebüßt haben und zum größten Teil in den umgebenden Nationen aufgegangen sind, haben die Juden des Ostens die nationalen Besonderheiten bis heute bewahrt. willig der herrschenden Nation anschließen. Dieses letzte Mittel ist namentlich von den Angelsachsen, Engländern und1 Amerikanern, auf dem ganzen Erdenrund1 mit beispiellosem Erfolge angewandt worden. Die Polen denken jedoch bei ihrem Versuche, die Juden zu polonisieren, an dieses einer modernen Kulturnation allein würdige Mittel am allerwenigsten. Ihre Mittel sind die üblichen der jungen osteuropäischen. Völker. Brutale Gewalt ist ihre Losung. So haben sie es durch den Mund jenes Berliner Pressevertreters andeuten lassen. Das eigene jüdische Schulwesen, das auf der von Juden benutzten jidischen Sprache beruht, sollte nach1 einer Übergangsfrist zugunsten des polnischen nationalen Schulwerks aufgehoben werden, das natürlich auf der polnischen Sprache beruhen wird. Die Erwerbsmöglichkeit der Juden sollte weiter eingeschränkt werden durch teilweises