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Das jüdische Echo · 1918-09-27 · 39 (27.9.1918) · p. Seite 473

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
39 (27.9.1918)
Date
1918-09-27
Page
Seite 473 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 39 Das Jüdische Echo 473 „In der Tiefe eines jeden Menschenherzens findet sich ein Winkel zur Aufnahme der heiligen Ideale. Sind diese im Herzen, so fühlt sich der Mensch stark, glücklich und zufrieden. Ist das Winkelchen aber leer, dann schrumpft das Herz zusammen und der Mensch leidet. Unsere Herzen leiden. Unzählige Heiligkeiten haben in ihnen gewohnt und sie wieder verlassen. Zerstört ist das Heiligtum des jüdischen Herzens. Die jüdische Jugend leidet, sie schmachtet und sucht nach einem heiligen Worte, lechzt nach erquickendem Heiltrank. Da kommen die Parteiärzte und glauben mit ihrem hohlen Phrasenschwall und ihren Schekolim-Pillen die Jugend ihrer Genesung entgegenzuführen. Wir müssen die alten Wege verlassen und neue einschlagen, soll die jüdische Jugend wieder aufleben, soll sie an Leib und Seele gesunden. Wir müssen neue Gesetze schaffen, unsere Thora muß mehr innerlichen als äußerlichen Charakters, eine Lehre fürs Leben werden. Eine neue Sonne muß uns erstrahlen. Die neue Lehre kann und muß aus unserem innersten Wesen erschaffen werden. Der Born unseres Geistes ist unerschöpflich und wir brauchen uns Gott sei Dank nicht an fremde Nationen wenden. Das darf auch nicht geschehen. Unsere Wege müssen wir mit eigenen Steinen pflastern. Wie viele aber auch da sind, das alte morsche Gemäuer niederzureißen, die Zahl derer, die an diesem neuen großen Werke bauen, wird gering sein. Der Rest der Juden wird1 müßig Zusehen mit verschränkten Händen, ungläubig die Achseln zucken. Wir wollen und wir müssen bauen, unser Ziel sei die Erneuerung des Judentums! Haben doch frühere Geschlechter ihre Erneuerungsarbeit getan, und wir sollten müßig sein? Doch werden wir nicht, wie einst, den Weg der Religionsphilosophie betreten. Von dort ist keine Hilfe zu erwarten. Wir müssen radikalere Mittel anwenden, wir müssen mit dem Seziermesser eines Chirurgen das Kranke und Sieche herausschneiden und das Gesunde allein leben und sich fortentwickeln lassen. Drei Wege sind vorhanden, und sie alle führen zum Ziele. 1. Zurück zu den Propheten! Das Judentum besitzt einen Quell, aus dem es zu allen Zeiten geschöpft hat, es ist das Jungjudentum der Propheten. Zu diesem Quell müssen wir zurückkehren. Das jetzige Judentum mit seinen Gesetzen, die uns jeden Schritt vorschreiben, kann uns keine Befriedigung mehr gewähren. Wollen wir wieder Anteil haben an unserem großen Gotte, dann muß die Losung heißen: Zurück zu den Propheten! Wir nennen es zurück, und doch ist es ein Schritt nach Vorwärts, dieses Zurück in die Atmosphäre von Gefühl und Herz, wo in klaren und eindringlichen Worten von uns gefordert wird: Liebe zu den Menschen, zur Gerechtigkeit und Ehrlichkeit. Micha sagt uns dies so deutlich: „Es ist dir verkündigt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten, Liebe üben und demütig sein vor deinem Gotte.“ 2. Über dem anderen jüdischen Schrifttum, das müssen wir leider zugestehen, liegt viel Staub und Schimmel. Die Jugend aber haßt solche Dinge. Darum müssen viele d i e s e r S c h r i f - ten ins Archiv wandern. Doch auch viel Gutes ist in ihnen enthalten, und wir müssen nur verstehen, dieses Gute vom Schlechten abzusondern. Freilich wird dies nicht ohne Widerstand von seiten der Thoratreuen abgehen. Aber sie sollten zufrieden sein, wenn das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet, d. h, das gesamte Schrifttum der Vergessenheit preisgegeben wird. Die Jugend hat ihre eigenen Ziele, und je eher die Scheidung von Gutem und Minderwertigem vorgenommen wird; umso sicherer kann einer Lostrennung der Juden von ihrer eigenen Literatur vorgebeugt werden. Wir haben das Wertvolle in diesen Schriftwerken nicht nur vor der Vergessenheit zu bewahren, sondern wir wollen dort Steine für unseren Neubau gewinnen. Schon jetzt ist die Zahl derer klein, die an diese Auswahlarbeit herantreten will, wie erst werden die Verhältnisse sich später gestalten? 3. Der Chassidismus ist eine finstere Macht geworden, mit der wir ständig zu kämpfen haben. Gleichwohl finden wir auch in ihm herrliche Perlen, welche Perez, M. J. Berdyszewski, Jehudah Steinberg und) anderen Dichtern Stoff für ihre poetischen Schöpfungen lieferten. Die Sehnsucht jüdischer Seelen kann nicht durch fremde europäische Formen gestillt werden. Im alten Quell des Chassidismus, einer rein jüdischen Schöpfung, wird sie Befriedigung finden.Erscheinen doch hier in ihrer Mannigfaltigkeit der geistige Aristokratismus, der demokratisch-gesellige Ton, die Verklärtheit des Geistes und die Freude am Leben. Dieser Neu-Chassidismus, dessen Motive nicht allein der Literatur dienen sollen, sondern auch ins reale Leben übertragen werden müssen, hat schon kräftige Wurzeln in der jüdischen Jugend geschlagen. Das sind einige Steine für unseren Bau, aber bei weitem nicht alle. Die gesamte Arbeit wird das Werk eines neuen Synhedrions sein. Eine solche Versammlung von jugendlichen Kräften würde nicht allein klarlegen, was uns Juden abgeht und wie wir bauen sollen, sie würde gewiß auch selbst bauen, zum wenigsten den Grundstein zu unserem Bau legen. Eine solche Vereinigung von Juden für innere und nicht für äußere Lebensreform würde die jüdische Jugend stärken und die Fernstehenden für unsere Sache gewinnen, sie würde auch die irrenden Abtrünnigen zusammenschließen zu einem ganzen, gesunden Jungjudentum. Kommt dann aber noch die physische Erneuerung der jüdischen Jugend hinzu, sowie andere Faktoren, die hier nicht erwähnt sind, dann wird ein neues Judentum erstehen und eine gefestigte jüdische Juvend mit ganzem Herzen.“ Gemeinden* u. Vereins-Echo (Untere Leser sind zur Einsendung von Mitteilungen aus 8e* melnden und Vereinen und von Personalnaohrlohten, die In diesen Spalten gerne Aufnahme Anden, höfllohst eingeladen.) Personalien. Dr Alfred Heller wurde zum Leutnant befördert. Bat.-Feldwebel Jakob Spanier beim Gefangenenlager Puchheim erhielt das preußische Verdienstkreuz.

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