Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 39 (27.9.1918)
- Date
- 1918-09-27
- Page
- Seite 466 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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466 Das Jfldlschs Ecfco Nr. 39 sagt die Hagada: Der wäre nie erlöst worden. Das ist der „Emmes“, mein verehrter Herr Gegner, dessen Feder ich wohl zu kennen meine. Endlich, mehr um den Gedankengang meines Gegners zu beleuchten als zu erwidern, möchte ich noch den Schluß seiner Rede erwähnen: Das „Im nächsten Jahr in Jerusalem“ zeigt deutlich das „zionistische Ideal“, das jeder Orthodoxe anerkennen wird. —■ Allerdings nur mit dem Unterschiede: Wenn erst einmal der Friede und die Wahrheit allgemein anerkannt sein werden, wie wir sie uns in der Hagada selber vor Augen führen — und dazu will sie ganz gelesen sein und nicht die entsprechenden passenden Auszüge, — dann, ja dann „Im nächsten Jahr nach Jerusalem.“ Wenn aber nicht, dann wollen wir verzichten und uns erst die Wahrheit erkämpfen.“ Hierzu möchten wir kurz Folgendes bemerken, indem wir gleichzeitig die Diskussion an dieser Stelle schließen: ad I. Über den talmudischen Begriff des „Min“ wollen wir mit Herrn L. hier nicht streiten. Es wäre ein Leichtes, ihn durch Zitate aus älteren Quellen zu widerlegen, als der von ihm angeführten Streitschrift Rabbiner Hirschs. Uns kam und kommt es nur darauf an, festzustellen, daß der Satz: „Nur der ist ein Jude, der die Verbindlichkeitder schriftlichen und mündlichen Lehre anerkennt“, sieht im Talmud nirgends findet und wirklich nur eine „Levingersche These“ ist. ad 2. Die von Herrn L. gebrachten Beispiele sollen dartun, daß „das orthodoxe Kind (im Blau- Weiß) geradezu darauf hingestoßen wird, jüdische Gesetze zu verletzen“. Uns scheint dieser Beweis nicht geglückt. Die von L. unterstellten Situationen dürften ebenso wohl den Schluß zulassen, daß die nicht-orthodoxen Kinder durch die gewissenhafte Pflichterfüllung ihrer orthodoxen Kameraden Respekt vor dem jüdischen Gesetze und der Treue seiner Anhänger bekommen. Wir wollen Herrn L. einen Fall erzählen, den wir jüngst bei einer Blau-Weiß-Knabengruppe — es waren 6 Jungen im Alter von 14—17 Jahren — selbst erlebt haben. Die Jungen hatten sich bei Antritt einer mehrtägigen Gebirgswanderung einen größeren Kochtopf für das gemeinsame Abkochen neu erstanden. Als sie am ersten Abend ihr Quartier bezogen, erklärte einer von ihnen —> es war der einzige Orthodoxe in dem Kreise — der Topf könne noch nicht benutzt werden, er sei noch nicht „getowelt“. Ohne Widerspruch fügten sich die anderen. Zwei Jungen begleiteten den orthodoxen Kameraden zur nächsten Quelle, wo der Topf vorschriftsmäßig getaucht wurde, und die anderen warteten ruhig ein halbes Stündchen länger mit dem Abendbrot. Hier wirkt die Praxis überzeugender als alle Theorie! Herr L. bezweifelt, ob „die Schönheit jüdischer Feste (von Orthodoxen und Nichtorthodoxen) auf gemeinsamer Grundlage empfunden werden kann“. Gewiß wird die Auffassung in mancher Hinsicht verschieden sein. Gibt das ein Recht, den. „der kommt, Pesach mit uns zu feiern“, zurückzuweisen? Warum bezeichnet der Verfasser der Hagadah den „Roschjo“ als einen „Kofer boikor“? „Weil er sich selbst aus der Gemeinschaft ausgeschlossen hat“! Wer den Anschluß an die jüdische Gemeinschaft zu erhalten un'd zu pflegen wünscht, der ist willkommen. Die Erhaltung des „K’lal“, der jüdischen Gesamtheit, muß unseren alten Weisen doch wohl mehr am Herzen gelegen haben als manchem modernen orthodoxen Politiker. Und der inbrünstige Sehnsuchtsruf nach der jüdischen Heimat — er war von den Alten buchstäblich verstanden — „im nächsten Jahr“, „bald in unseren Tagen“ — nicht unter dem Vorbehalt, daß zuerst das messianische Zeitalter herangekommen sein muß — sonst „wollen wir verzichten“. Auch wir erhoffen eine religiöse und sittliche Erneuerung des jüdischen Volkes von der Wiederaufrichtung der nationalen Heimat. Aber wir wollen dort daran arbeiten und nicht warten mit der Heimkehr, bis das ganze Volk aus „Gerechten“ besteht. Wollen wirklich die Orthodoxen sich ausschließen von diesem Werke? Werden sie so sehr den Gedanken des „K’lal“ und der sich daraus ergebenden Pflichten verkennen? Wir glauben es nicht. Dann sollte man sich aber auch hier davor hüten, die Trennungswände zu hoch zu bauen. Diese Gefahr besteht heute und! die Haltung der Agudah gegenüber dem Blau-Weiß ist ein bedauerliches Symptom dafür. Wir Juden Deutschlands erfüllen unsere Pflicht und zeichnen Kriegsanleihe! fln die Freunde des Hapoel Hazair! Freunde! Vier Jahre lang war das Band zwischen Erez Israel und dem Galuth gerissen. Vier Jahre Weltkrieg, vier Jahre der Zerstörung und Verwüstung sind über das jüdische Volk hinweggegangen, ohne daß es mit seiner lebendigen Heimat, dem Herzen des Volkes, Palästina verbunden sein konnte. Nur ab und1 zu drang aus nebelhafter Ferne Kunde zu uns aus dem Lande, nach dem unsere Seele sehnsüchtig ausschaut. Vier schwere Jahre hat das neue Geschlecht dort im Lande durchgekämpft. Ungeheueres haben unsere Pioniere erlitten: Mühsal und Bedrängnis, Hunger und schleichende Krankheit. Doch als Helden erfüllten sie ihre Pflicht, harrten unerschrocken auf ihrem Posten aus, als Schildwache der in harter Arbeit errungenen eigenen Scholle. Und jetzt, da sie die großen Ziele erkennen, die uns alle erfüllen, und1 sich der großen Verant wortung besonders bewußt werden, die auf ihnen lastet, erneuern sie ihr Werk mit vermehrter Kraft und gestärkter Hoffnung.