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Das jüdische Echo · 1918-09-20 · 38 (20.9.1918) · p. Seite 457

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
38 (20.9.1918)
Date
1918-09-20
Page
Seite 457 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 38 Das Jüdisch« Echo 457 wieder andere, die erschaudernd den Schritt des Alters nahen hörten und sich in einer letzten trotzigen Aufwallung in den Kampf stürzten. Völker sah ich. die mit steinernem Herzen im Busen in das Morden hineinblickten und kalt ihren eigenen Vorteil ausrechneten, und dazwischen spürte" ich Wellen von Begeisterung und Opferfreude durch die Atmosphäre zittern, die ganze Schar der Hassenden emporhebend und sie in eine Schar von Liebenden verwandelnd. Inmitten der ringenden Völker aber —“ seine hohe Gestalt sank zusamen und seine Stimme wurde zum Flüstern, „inmitten der um Leben und Tod Ringenden sah ich das unseligste Volk der Welt — sah meine eigenen Kinder. _“ Er versank in tiefes Sinnen. Dann begann er wieder mit einer Stimme, die aus weiter Ferne zu kommen schien. „Ich saß in der Hütte meines Sohnes in Polen. Trübe brannte die Lampe und verbarg das Elend unserer Behausung, verbarg die Lumpen an den abgezehrten Leibern der jungen Männer, die sich um mich geschart hatten. Nur ihre scharfen bleichen Gesichter traten hervor aus dem Halbdunkel und in allen diesen Gesichtern stand der gleiche Zug: Haß, Haß gegen Rußland! Auf Rache, auf Verschwörung und Vernichtung sannen sie und erfüllt von würgender Bitterkeit spornte ich sie an. riet, ermutigte — erstickend heiß ward es in der dumpfen Stube. Da schlug es ein wie ein Donnerschlag. Glocken läuteten, Menschen rannten vorbei. Trommeln, Hörner, Befehle: — der Krieg! Er riß die Jungen von meiner Seite, er preßte sie in das Kleid der russischen Soldaten, drückte ihnen die Waffe in die Hand gegen den Feind! für Rußland! für das gütige Mütterchen Rußland! Als ich sie vorbeimarschieren sah, mit schneeweißen Gesichtern, mit Zügen, darinnen ohnmächtige Wut eingegraben stand, da mußte ich laut auflachen in Entsetzen, Scham und Hilflosigkeit. Ich, der Alte blieb allein zurück, im Herzen die Lust nach Rache. Dann kam der Feind, brennend und tötend und in mir frohlockte es: gegen Rußland! Ich stahl mich durch die russischen Posten und verriet dem Feind das Geheimnis der russischen Scharen, verriet ihm den Weg zu ihrer Vernichtung. Frohlockend tat ich es! Aber als der fremde Offizier meine Kund© entgegengenommen hatte uind in tiefster Verachtung seine goldene Gabe vor mich hinwarf, sich wie im Eckel abwendend, da zuckte ich zusammen und schlich gebrochen hinaus. — Der Russe hielt ein furchtbares Strafgericht über unsere Stadt. Was lebendig blieb, ward vertrieben von Haus und Hof. Ich ging an der Spitze des jammervollen Flüchtlingszuges, ich ging und ging, über Schneefelder und vereiste Seen. Meilen, Meilen. Hinter mir war ein Ächzen und Weinen, ein Wimmern und Beten. Ich ging und ging über den Schnee und die Zeit versank: Ich wanderte wieder aus dem zerstörten Jerusalem, ich flüchtete wieder aus Spanien; ich verließ wieder Englands ungastliche Küste, floh wiederum aus Kischinews Chaos — das Stampfen der Schritte, das Ächzen und Weinen hinter mir, es war immer dasselbe gewesen. Ich ging über Schnee, Eis, Schnee, und die Stimmen hinter mir wurden leiser und leiser, verstummten, verhallten. Als ich am ersten Hause einer Stadt anlangte, sah ich mich um: — ich aHein war übrig geblieben. In der Ferne krächzten die Raben. Tief im Herzen Rußlands trat ich ein in das Haus meiner Tochter. Dort war es still und friedlich — kaum daß ein schwacher Wiederhall des Krieges in diese Einsamkeit drang. Als gäbe es weder Not noch Tod hockten sie über den verstaubten Folianten und versanken in der übersinnlichen Welt der heiligen Gesetze. Als der Weheruf das Städtchen durchhallte, riß es die Knaben empor! Sie fühlten plötzlich das junge Blut in ihren Adern, die Kraft in ihren Gliedern, die Liebe zum Lande in ihrem Herzen. Freudig zogen sie in den Krieg. Wir Zurückgebliebenen aber begannen zu warten und zu bangen. Die Tage schlichen dahin, und keine Kunde kam, weder von den Knaben noch von dem Kriege. Die Not kam geschlichen und lagerte über der Stadt, die Sehnsucht nach Kunde von draußen wuchs. Das Volk begann zu murren, zu drohen. Da hallte eines Tages ein neuer Ruf durch die Stadt, ein Ruf, der hier nie zuvor erschallt, den nur ich kannte, weil ich ihn alle die Jahrhunderte gehört. Der Ruf ward zum Schrei, die Menge ward zu einer Bestie. Lähmendes Entsetzen war in unserem Hause — da sprang die Bestie auf. mordend und plündernd. Mit zerschmettertem Schädel lag der Säugling am Boden, die Mädchen kämpften wie Rasende gegen die wüste Umarmung der Räuber, meine Tochter rührte sich nicht mehr. Ich kann nicht sterben. Ich schlich umher in dem brennenden Trümmerhaufen, um die Leichen meiner Kinder zu bestatten. Dann nahm ich aufs neue den Stab und wanderte — über den Schnee, über die endlose Schneefläche. Ich wanderte durch viele Länder. Um mich pfiffen die Kugeln, vor und hinter mir platzten die Granaten. Ich bot den Granaten Brust und Stirn, ich rannte jauchzend mitten hinein in den Kugelregen und blieb unversehrt. Vor mir her schritt der Tod und mähte junge blühende Männer nieder wie Reihen reifer Garben — ich stellte mich seiner Sense mitten in den Weg, aber sie berührte mich nicht. Ich kann nicht sterben. Im Hafen lag ein Schiff, klar zur Fahrt nach Amerika; das bestieg ich. Im Winkel des Zwischendecks hockten wir und sahen voll unendlicher Sehnsucht der neuen Welt der besseren Zukunft entgegen. Als das Land aus den Wellen wuchs, da umarmten wir uns, lachten und weinten. Dann kam die Stunde vor den Toren des Freiheitslandes, wo man uns fragte und prüfte, streng und scharf. Die Entscheidungsansprüche fielen, hell und hart wie eiserne Kugeln: Zurück wegen Armut! Zurück wegen Krankheit! Zurück wegen Unwissenheit! Zurück wegen — ach es waren ja alles leere Vorwände. Die Wahrheit hieß: Zurück, weil ihr Kinder des Unseligen, des ewigen Juden seid! Eingepfercht in das Zwischendeck reisten wir zurück in die Hölle, und eine Ahnung beschlich uns, daß bald die Pforten des Freiheitslandes sich völlig vor den Unsrigen verschließen werden. Ich landete in England, ein gehetztes Wild, und überschritt die Schwelle eines Hauses, darin ein anderer meiner Söhne lebte. Die Schwelle war breit und das Haus hoch und hell. Die darin wohnten, stammten aus Galiziens Hungerfluren und hatten hier den Frieden gefunden. Ihre Liebe zu dein Lande, das sie frei gemacht, war groß: das erste Wort, das meine Enkel stammelten, war ein Dankeswort. Sie zitterten um das Schicksal des Landes. Aber auf Ahasvers Kindern lastet der Fluch. In das Haus meines Sohnes traten die Ankläger und bezichtigten ihn, den „Fremdling“, des Verrats am Lande; bebend vor Scham und Schmerz enttäuschter Liebe stand er vor ihnen, als einen Ge-

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