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Das jüdische Echo · 1918-09-20 · 38 (20.9.1918) · p. Seite 456

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
38 (20.9.1918)
Date
1918-09-20
Page
Seite 456 (sequence 12)
Language
German
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456 Das Jüdisch« Echo Nr. 38 auch mit manchem, was er über Palästina säst, nicht übereinstimmen wird (besonders da nicht, wo er aus der Tatsache, daß sich ganz junge Experimente noch nicht zu rentablen Unternehmungen ausgewachsen haben, auf deren prinzipielle Falschheit schließt, oder wenn er behauptet, die Landwirtschaft in ihrer jetzigen — den Körnerbau begünstigenden — Form entspräche nur „stumpfsinnigen Personen“, oder wenn er übersieht, daß auch zur Düngung der Obstgärten Viehzucht notwendig ist), so wird man doch zugeben müssen, daß er die Sache des Vegetarismus mit Eifer und Geschick vertritt. Sicher gibt es eine Reihe anderer jüdischer Vegetarier, die froh wären, sich die Lebensbedingungen verschaffen zu können, die gleichzeitig ihrem Judentum und ihrem Vegetarismus eine ungehinderte Entfaltung zusichern. Ihnen — und anderen Anhängern bestimmter Anschauungen über physische, soziale oder allgemein-ethische Fragen wird man sicherlich bei ihrem Bestreben, sich in Palästina zu einer besonderen Gemeinschaft zu verbinden, entgegenkommen. Denn je enger die Verbundenheit der Individuen in den einzelnen Siedlungen, desto mehr Aussicht besteht auf ein in seiner Gesamtheit brüderliches Palästina. Feuilleton Der ewige Jude. Der Tag verrann. Das Geläute der hundert Glocken von Jerusalem verhallte hoch über den Türmen der Stadt. Die Gluten des Abendhimmels erloschen, und dunkle Schatten huschten durch die Gassen. Ziellos, planlos schweifte ich umher; unbewußter Wille wies mir den Weg. Am Jaffator drängte sich das Gewimmel der Beduinen, Priester, Nonnen, Kaftanjuden, der Wagen und Esel und, alle strebten heimwärts. In der Via Dolorosa verschwanden einsame Mönche hinter hohen, dunklen Steinpforten und am Fenster eines altertümlichen Hauses saß ein Pope und starrte brennenden Auges einer Verschleierten mit nackter Brust nach. In den Ecken und Winkeln der Bazargassen lauerte die Nacht, und beim Flackerschein der Fackel verrammelte der Händler seinen Laden. Mitten auf dem Wege stieß ich auf einen Esel mit einem triefenden Schlauch auf dem Rücken; sein Geschrei hallte die enge Straße entlang. Auf den uralten, glattgetretenen Steinen des marokkanischen Judenquartiers lag der Unrat fußhoch. Die Bettler waren in ihre Steinhöhlen gekrochen, nichts regte sich. Nur im Schacht eines Torbogens stand eine Dirne, hatte die Arme hinter dem Kopfe verschränkt und sang ein eintönig näselndes Lied. Als ich um die letzte scharfe Straßenecke bog, leuchtete in allen Farben schillernd, die Venus am Himmel. Vor mir die Klagemauer des zerstörten Tempels. Verödet lag sie da, verschwunden der Bettlerschwarm, verhallt das Beten der Pilger, nur das Flämmchen der verlassenen Seelenlampe zuckte und neigte sich, wenn der Abendwind darüber strich. Ich schmiegte mich in die tiefste Mauernische, lehnte die Stirn an den zerklüfteten Stein und träumte. Träumte von den Wundern, dem rätselhaften, erhabenen und lasterhaften Wesen der heiligen Stadt. Träumte von den Königen, deren Gräber im Tale unten liegen, von den Hohepriestern, die den Tempel gehütet und von dem Kreuz auf Golgatha. Träumte von römischen Statthaltern und blondbärtigen Kreuzrittern und von den Blutströmen der Sarazenenkämpfe. Träumte von dem Kriege der Völker Europas und fühlte, wie er seine Krallen bis hierher ausstreckte. Ich träumte, bis ich gewahr ward, daß ein Laut meinen Traum begleitete, ein regelmäßig klatschender Laut — wie das Fallen von Regentropfen. Als ich erwachend aufblickte, stand die Mondscheibe voll am Himmel. Weiße glitzernde Sternstraßen taten sich auf und führten hinein in den Weltenraum, in diel Ewigkeit. Und neben mir stand ein anderer, mußte schon lange hier gestanden haben. Riesengroß erschien er mir. Er war in einen weichen dunklen Mantel gehüllt, und sein breitrandiger Hut lag am Boden. Seine fleischlosen Hände hatten sich in den Stein eingekrallt, und unaufhörlich, in grausiger Regelmäßigkeit, schlug der Fremdling die Stirn gegen das Gestein der Klagemauer. Mitten in diese Stirn hatte der Stein schon eine kleine Wunde gegraben, aus der ein kleiner stetiger Blutstrom sickerte und das Gestein entlang floß. Aus seinen Augen strömten Tränen, und wo diese niederfielen entstand der Laut, den ich gehört, bildeten sich zwei enge Höhlen im Gestein. Mein Schreckensruf ließ ihn auffahren. Er wendete mir ein Antlitz zu, das von Qual verzerrt war. Da erkannte ich ihn, und durch die Stille sprang ein Schrei, der sich von meinen eigenen Lippen gelöst hatte: „Ahasver!“ Er vergrub das Gesicht und sank zusammen in einem Ächzen. „Ahasver!“ schrie ich noch einmal, und unsäglicher Jammer schnitt mir durch das Herz. Langsam hob er den Kopf; eine mattschwebende Glut in seinen Augen verglimmte. „Du kennst mich?“ „Ob ich dich kenne?“ rief ich, und meine Hände krampften sich in sein Gewand; „ich habe dich gesucht auf der ganzen Erde, ich bin dir gefolgt von Land zu Land, habe dein ganzes Leid mitgelitten. Ahasver, wann endlich wird dir Erlösung?“ Da zog er mich an sich und seine Qual floß dahin in schmerzlichem Weinen. Ich ließ ihn gewähren, bis er nur leise noch schluchzte. 'Dann wagte ich meine Frage: „Sprich, ewiger Wanderer, weshalb ist dein uralter Schmerz heute so frisch und heiß?“ Er stand jetzt mit dem Rücken gegen die Klagemauer gelehnt, wie ein düsterer Schatten, und blickte mit Augen, die keine Tränen mehr hatten, zu dem Gewölbe des Sternenhimmels empor. Seine Lippen bewegten sich mehrmals lautlos, bevor er antworten konnte: „Ich komme wieder einmal von einer langen Wanderfahrt über die Erde, wie ich sie im Laufe der Jahrtausende unzählige Male vollendet habe, und auf meinem Wege bin ich dem Krieg begegnet. Mit einer lodernden Fackel stand er auf dem höchsten Berggipfel der Welt und blickte herab auf alle Länder und Meere, die von der Fackelglut taghell erleuchtet waren. Ich sah Ströme roten Blutes fließen und zu Seen anschwellen, ich hörte das Tosen der Geschütze, sah verwüstete Länder und zertrümmerte Städte. Völker traf ich, die blind waren von Haß und Rachegier und nur noch einen Wunsch hatten: zu töten; und andere traf ich, die vernichtet, zertreten am Boden lagen und sich wanden unter der Faust des Siegers. Völker traf ich, die eben erwachend sich schon auf den Nebenbuhler stürzten, um ihn zu vernichten und ihrer jungen Kraft weiten Raum zu geben, und

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