Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 38 (20.9.1918)
- Date
- 1918-09-20
- Page
- Seite 449 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Dies bedeutet: In der Beurteilung dessen, was seine Pflicht ist, ist er nicht abhängig von denen, die ihm den Gehalt zahlen, sondern vor seinem eigenen Pflichtgefühl und vor dem jüdischen Volk, von dessen Führern er einer ist. Der bayerische Rabbiner i s t Führer nicht nur der Idee nach, sondern von Rechts wegen. IV. Der jüdische Rabbiner gehört aber nicht nur seiner Gemeinde, sondern — das Amt auf die ihm innewohnenden 'Wirkungsmöglichkeiten betrachtet — der ganzen Judenheit. Das ganze Volk hat Anspruch darauf, daß er ihm diene. Dieser Dienst ist seine Pflicht, aber auch sein heiliges Recht. Wir denken hierbei an die über die Gemeindegrenzen weit hinausgreifenden sozialen und politischen Aufgaben, deren Dienst schon einzelne Verbände, sei es territoriale, sei es internationale gewidmet sind. Hier mitzuarbeiten, ist niemand berufener als der Rabbiner, der die Arbeit fürs Judentum zu seiner Lebensaufgabe macht, von Amtswegen mit Juden jeder Klasse, jeder Herkunft, jeder Richtung in Berührung kommt und die Bedürfnisse aller kennt wie niemand sonst, der zn^eich kraft seines Amts und Wissens die Autorität besitzt, die seinem Wort und seinen Handlungen Gewicht verleiht. Führend im Zentralverein, im Verband der Deutschen Juden, in der Loge und in den sonstigen jüdischen Verbänden sind aber nicht die Rabbiner. sondern zumeist — deutsche Juristen jüdischen Glaubens. Dies fällt nicht weiter auf, weil ja auch im allgemeinen politischen Leben nicht nur Deutschlands, sondern den meisten anderen Ländern, die Juristen die politischen und organisatorischen Führer sind kraft ihrer Eignung für öffentliche Rede, scharfe Auffassung und Formulierung. Aber es sollte auffalLn. Nicht alles, was den anderen Völkern recht ist. sollte dem jüdischen billig sein. Die Analogie scheint hier nicht auf Notwendigkeit, sondern auf unnützer Assimilation zu beruhen. Die iiidische Theologie ist bekanntlich größtenteils Jurisprudenz, der Rabbiner ist geschulter und professioneller Jurist und Redner. der vor den meisten heutigen deutschen Justizräten jüdischen Glaubens noch das voraus hat. daß er auch indisches Wissen hat und das Judentum seinem Herzen nahesteht. Beides sollte doch füglich von dem gefordert werden können, der in jüdischen Dingen tätig ist; leider hat man sich im öffentlichen Leben bei uns vielfach daran gewöhnt. darauf keinen besonderen Wert zu legen. Das juristische Staatsexamen gilt vielfach als Befähigungsnachweis für ein ifid'isches Fiihrertum. Gerade aber die dem Rabbiner eigene innere Verbundenheit mit dem jüdischen Lebrni verleiht ihm das Verständnis für dessen Wandlungen und wechselnde Bedürfnisse, während der Nur-Jurist gerade als Jurist stets in Gefahr ist, das Fließende gegenüber dem Starren, den wechselnden Inhalt gegenüber der bleibenden Form, die dynamische gegenüber der statischen Betrachtung der Dinge zu vernachlässigen und vermöge seiner natürlichen Neigung für das begrifflich Faßbare die Imponderabilien zu übersehen, an denen ja gerade das jüdische Leben reich genug ist. In einer früheren Zeit war der Rabbiner der Rabbi, der Führer, der Meister, der Herr, schlechthin d i e Autorität, Berater seiner Volksgenossen in deren Lebensangelegenheiten, ihr Vertreter vor den Behörden. Mit der abstrakt-begrifflichen Verflüchtigung des jüdischen Volks zur bloßen „Konfession“, des deutschen Juden zum deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens, ist auch die jüdische KehiWah zu einer rein rituellen Veranstaltung geworden, der Rabbiner zum gemeindlichen Ritualienbesorger. Die aus den abstrakt-liberalen Gedankengängen der Emanzipationszeit herausgeborene Idee der Nur-Konfessionalität des Judentums hat sich längst als eine Fiktion erwiesen, brauchbar wie jede Fiktion für ihre Zwecke, aber gefährlich, sobald sie sich anmaßt, die Wirklichkeit zu sein. Und es sind1 gerade unsere führenden deutschen Juristen jüdischen Glaubens, Geheimräte und Justizräte und die sich ihrer Führung Fügenden, die trotz der Fülle der ganz und gar nicht konfessionellen inneren jüdischen Lebensäußerungen, trotz der durchaus nicht konfessionell gerichteten Stellungnahme der Nicht-Juden zu den Juden an dieser abstrakten Fiktion krampfhaft festhalten und an ihr das ganze jüdische politische und geistige Leben1 orientieren wollen. (Dies ist zugleich ein Beweis für das oben über die Bedenklichkeit der rein juristischen Auffassung menschlicher und speziell1 jüdische Dinge Gesagte.) Daher die Ratlosigkeit unserer jüdischen Notabein gegenüber den meisten neu auftauchenden (jüdischen Fragen, die konfessionell nicht zu lösen sind, ihre schwächliche Prestigepolitik, die nur, um immer wieder eine staatliche Bestätigung für die Gleichstellung der jüdischen Konfession mit der katholischen und protestantischen zu erlangen, gesetzliche und administrative Zugeständnisse erstrebt, die für die wirklichen Interessen des jüdischen Volkes gleichgültig sind; ihre aussichtslose Polemik gegen den Antisemitismus mittels rein staatsrechtlicher und konfessioneller Argumente, ihre peinliche Verlegenheit und der Einheitlichkeit ermangelnde Stellungnahme gegenüber dem Grenzschlußnroblem, überhaupt gegenüber den nichtdeutschen Juden, den Ostjuden und vor allem gegenüber den Juden feindlicher Staaten, ihre Hilflosigkeit bei Behandlung des Palastinaproblems. Um so mehr müssen wir wünschen, daß wieder Juden mit offenem jüdischen Blick, mit jüdischem Wissen und jüdischem Herzen, Männer, deren Lebensberuf das Judentum ist, Männer, die die jüdische Frage nicht nach außerjüdischen Gesichtspunkten, sondern aus dem Wesen des Judentums heraus zu lösen versuchen, Männer, die dem Staate geben, was dem Staate gehört und dem Judentum, was diesem gehört, daß solche Männer unsere Führer oder doch Mitführer seien, deren überlegenen Einsicht sich die bisherigen Notabein — die Mitarbeit dieser ist im übrigen höchst wertvoll — beugen. Diese Männer sind unsere Rabbiner. Diese Forderung stellen heißt nicht: den Rabbiner der Religion entziehen und zum Politiker