Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 37 (13.9.1918)
- Date
- 1918-09-13
- Page
- Seite 436 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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436 Das Jüdische Echo Nr. 37 lästina zu sprechen haben wird: die eine wie die andere wird den Zionismus als einen Faktor ihrer eigenen Interessen in ihre Politik einbeziehen. Das aber darf den Zionismus nicht hindern, sein Ziel unbeirrt weiter zu verfolgen, denn er steht über dem Interessenkampf der Völker, sein letztes Ziel ist die Entwicklung nicht nur der Juden, sondern der gesamten Menschheit zur Gerechtigkeit und Menschlichkeit, und gerade das hohe Ethos, das von der jüdischen Siedlung in Palästina ausgeht, soll dieses Ziel herbeiführen helfen. Daß deutsche und österreichische Juden nicht Institute in Palästina, die irgendwie geeignet sind, Englands Position im jetzigen Augenblick zu stärken, unterstützen werden, ist selbstverständlich. Aber aus der Tatsache, daß heute England vom Zionismus Nutzen zieht (morgen schon kann er der Türkei wichtige Dienste leisten — noch gehört Galiläa den Türken!), folgern zu wollen, daß man die gesamte zionistische Idee verlassen müsse, heißt doch das Kind mit dem Bade ausschiitten. Der weitere Teil der Ausführungen des Herrn Einsenders entspricht ebensowenig unserem Gefühl; wir wissen nicht, was er unter dem „Judentum“ versteht, das er gegen den Antisemitismus verteidigen will, ob reine, unverfälschte jüdische Religion, oder lediglich die Wesensart der heute in Deutschland und Österreich lebenden, dem Geiste wahrhafter Religion ach so fernen Juden. Handelt es sich um die Erhaltung der jüdischen Religion in der ganzen schwerwiegenden Bedeutung des Wortes, so meinen wir, daß sie, bedrängt durch Ghettonöte, verzerrt durch tausend Kompromisse mit der fremden Umwelt, ihrem ursprünglichen Geiste entfremdet wujrde und nur in Palästina wiedergeboren werden kann. Handelt es sich um Fortdauer der jetzigen jüdischen Art, und ihre Behauptung gegen die Umwelt, so — meinen wir, daß dieses Gebilde, das, gemessen am Maßstabe des wahren Judentums, nur ein Komplex von Halbheiten und Degenerationsmerkmalen ist, nicht fortdauern soll, sondern sich von innen heraus erneuern muß; und auch das kann nur in Palästina geschehen. Angesichts so großer sittlicher Aufgaben aber ist uns der Kampf gegen den Antisemitismus nicht Haupt- und Lebensaufgabe. Das große geistige Ideal war es, das Herzl begeisterte, und darum war ihm der Zionismus der Westjuden weit mehr als eine Hilfsaktion für die armen Ostjudem Scheiden wir uns in diesen Fragen von den Anschauungen des Einsenders, so sind wir doch mit ihm völlig einer Meinung darüber, daß der Zionismus in gewissen Fragen, wie z. B. derjenigen der Abwehr des Antisemitismus, mit anderen jüdischen Parteien Zusammengehen kann. Der Gedanke der Münchener Arbeitsgemeinschaft ist von zionistischer Seite ausgegangen, und von Zionisten wurde danach gestrebt, das einzige jüdische Organ, das München besitzt, zu einem Sprachrohr für die gemeinsamen Interessen aller jüdischen Parteien in Bayern zu machen. Wenn trotzdem bisher eine Art von Boykott gegen die zionistische Ortsgruppe, ja sogar gegen einzelne zionistische Persönlichkeiten und gegen das „Jüdische Echo“ bestand, so war dies wahrlich nicht die Schuld der Münchener Zionisten. Diese sind durchaus bereit, in München im kleinen zu erreichen was in Deutschland die V.J.O.D. im großen erstrebt: ein Zusammenarbeiten mit den anderen jüdischen Parteien in allen Bestrebungen, das Los des gesamten jüdischen Volkes zu verbessern. Sie sind auch bereit, darüber hinaus mit anderen jüdischen Parteien zusammenzugehen, wo es gilt den Kern des Judentums von der Schlacke des Unjüdischen zu reinigen. Nur darf man nicht verlangen, daß der Zionismus sich selbst aufgebe, daß die Zionisten erst Nichtzionisten werden, um mit den anderen Zusammenarbeiten zu dürfen. Noch einmal sei es gesagt: Wenn man den Nationaljuden Münchens, wenn man der Redaktion des „Jüdischen Echos“ das Recht auf die Wahrung ihres eigenen Standpunktes einräumt, so wird man sie in allen Fällen, wo es sich um die Vertretung von allgemeinen jüdischen Interessen handelt, zur Mitarbeit bereit finden. Die Münchener Wohnungsnot und die Juden. Was hat man den Juden in diesem Krieg nicht alles in die Schuhe geschoben. Nichts ist zu töricht um nicht gegen die Juden angeführt zu werden — nicht einmal die Behauptung, daß sie die Münchener Wohnungsnot wenn schon nicht verschuldet, so doch mitverschuldet hätten. Die „M. N. N.“ beschäftigen sich in ihrer Nr. 439 ausführlich mit der Wohnungsnot und besprechen neben anderen Mitteln zu ihrer Linderung die Freimachung von Wohnungen, die nicht für Wohnzwecke benützt werden. Da heißt es: „Schwierig liegt die Frage bei den Wohnungen, die für Bureauzwecke und gewerbliche Zwecke verwendet werden. Hier würde man wohl mit großer Vorsicht Vorgehen müssen, da man diese Mieter nicht einfach auf die Miete von Läden in allen Fällen verweisen kann. Immerhin macht das Wohnungsamt darauf aufmerksam, daß in zunehmender Zahl namentlich von Ausländern aus russischen, polnischen und galizischen Gebieten Wohnungen für gewerbliche Zwecke, für die Zigarettenfabrikation, den Handel mit Pelzwaren, Antiquitäten usw. benutzt werden. Gegen diese Fälle sollte eingeschritten werden können.“ Also nur gegen diese Fälle, die so auf den Münchener Wohnungsmarkt drücken, daß das Wohnungsamt auf sie und nur auf sie besonders aufmerksam zu machen sich genötigt sieht. Schade, daß nicht gleichzeitig mitgeteilt wird, wie man sich das „Einschreiten“ vorstellt. Etwa eine Verordnung, daß Ausländer aus russischen usw. Gebieten, oder der Kürze und Deutlichkeit zuliebe, gleich wie es ja eigentlich gemeint ist, daß poh nische Juden ihr Gewerbe nicht in Wohnungen ausiiben dürfen — auch nicht, wenn es so klein ist, daß es gar keine besonderen Räume beansprucht? Oder vielleicht gleich, daß polnische Juden kein! Gewerbe betreiben dürfen? Wiie wäre es mit einer Wohnungseinschränkung? Vielleicht so: Polnische Juden dürfen nicht mehr als ein Zimmer für die Familie bewohnen. Eine Wohnungsprozentnorm für polnische Juden als Ersatz für die in Rußland abgeschafften Ausnahmegesetze. Der schöne Satz „dagegen müßte eingeschritten werden können“, eröffnet die schönsten Perspektiven und läßt interessante Schlüsse auf die Denkweise des Leiters des Wohnungsamtes zu. Interessant wäre es, ob dessen Gedankengänge