Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 37 (13.9.1918)
- Date
- 1918-09-13
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. (Bezug: Durch die Postanstalten oder jden Verlag — Bezugspreis: j Viertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. M. 4. —, Einzelnummer 10 PL — Verlag des „Jüdischen Echo“ : München, Herzog Maxstr 4. — Redaktion: Helene Hanna Cohn, iwmmrnm Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 40 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 37 München / 5. Jahrgang 13. September 1918 Die Münchener Juden und der Zionismus. Ein Freund unseres Blattes, Herr Emil Cahn, München, ersucht uns um Aufnahme des folgenden Briefes: „Unter „Palästina-Handels-Informationsbureau“ wird in Nr. 33 Ihres Blattes berichtet, daß England im Okkupationsgebiet von Palästina, zunächst in Jaffa und Jerusalem, später in Kairo und Alexandrien solche Bureaus zu errichten beabsichtigt. Nach meiner Überzeugung beginnt jetzt die Pflicht für die deutschen und österreichischen Zionisten, sich zu fragen: können und dürfen wir unter solchen Umständen unsere Idee, einen jüdischen Nationalstaat in Palästina zu gründen, im jetzigen Augenblick weiter verfolgen? Jedenfalls haben die Kreise Recht gehabt, die behaupten, es sei England nicht darum zu tun, den Juden als Zionisten zu helfen. Was kümmert England das Judentum als solches? (wobei ich gerne zugebe, daß vor dem Krieg England ein verhältnismäßiges Dorado für die Juden war, im Vergleich zu anderen Ländern.) Aber im jetzigen Augenblick handelt es sich für England darum, eine Handelsbrücke zu schlagen über Syrien, Palästina nach Indien! Und da die Juden ohnehin ein Handelsvolk sind, benützt England die zionistische Idee herzlich gern, um zwei Fliegen mit einem Schlag zu treffen. Denn der Schlußsatz: „es wird erwartet, daß die jüdischen Kolonisten Muster ihrer Produkte zur Ausstellung schicken werden“ ist ein zu deutlicher Lockvogel. An die Münchner Führer des Zionismus richte ich den Appell: München hat in Kunst, Wissenschaft, Politik so oft die Führung in Deutschland übernommen, es bietet sich ihm eine prächtige Gelegenheit die Führerrolle zu übernehmen. Der Zionismus hat mehr als jede andere Partei es verstanden, die Jugend an ihr Judentum zu erinnern und zu mahnen, nicht aus dem Gedanken des jüdischen Nationalstaates heraus, sondern weil die Jugend der neuen Idee des Judentums sympathisch gegenüberstand. Der Liberalismus verstand es nicht, die Jugend an sich zu fesseln — über die Gründe zu sprechen würde zu weit führen — die Orthodoxie verstand es noch we>- niger, im Gegenteil, das alte Wort: „zu spitz sticht nicht, zu scharf schneidet nicht“, bekam gerade bei ihr volle Geltung. Ist es für die deutsche und österreichische Jugend nötig, vom jüdischen Nationalstaat zu sprechen? Gerade unter dem Druck des Antisemitismus hat die jüdische Jugend die Ideen des Zionismus in sich aufgenommen. Und dieser Jugend stehen in der nächsten Zeit noch ganz andere Kämpfe bevor. Da gilt es die Jugend scharf zu machen im Kampf gegen den drohenden scharfen Antisemitismus, da gilt es die Jugend stark zu machen für den Kampf um unser Recht, für den Kampf um das Judentum. Ihr Münchner Führer, begeistert diese Jugend als Helferin im Zionismus für die bedrückten Ostjuden, wie es die ursprüngliche Idee Herzls in seinem „Neuland“ war. Heute, wo Deutschland und Österreich im Existenzkampf stehen, heißt es für alle Kreise und nicht zum wenigsten für uns Juden, zusammenzuhalten; da dürfen wir Bestrebungen Englands nicht unterstützen! Ich weiß genau, ich schreibe gegen Ihre Ansicht, aber ich gehe noch weiter! Beginnen Sie wenigstens jetzt, während des Krieges, mit der weiteren Heranziehung der Jugend zum Zionismus nach der alten Herzischen Idee! Arbeiten Sie mit den anderen jüdischen Parteien zusammen, wie ja hier in München schon der Anfang durch die Arbeitsgemeinschaft gemacht worden ist! Aber bis jetzt hat die jüdische Öffentlichkeit noch nichts davon gehört. Es bietet sich Ihnen nun ein Weg. die ganze Münchener Judenschaft für alle diese Fragen dadurch1 zu interessieren, daß das „Eqho“, eigentlich Ihre Gründung, zu einem Blatt für alle Interessen des Münchener Judentums wird! Noch weitergehend könnte die Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde das Blatt benützen als Organ für die Interessen des Münchener Judentums, und noch weitergehend, könnte es sich ausarbeiten als Organ für die Interessen des Judentums in Bayern überhaupt. Zionismus, Liberalismus, Orthodoxie — alle haben doch nur ein gemeinsames Ziel: Erhaltung und Förderung des Judentums! Und dieses Judentum kann und muß gestärkt werden dadurch, daß die ganze jüdische Öffentlichkeit Interesse bekommt für alle Fragen, die das jüdische Leben betreffen.“ Wir geben dieser Äußerung gern Raum, möchten aber einigen der Ausführungen den Standpunkt der angegriffenen Gruppe entgegenhalten: Die Ansicht des Herrn Einsenders über die Haltung der deutschen und1 österreichischen Juden zum Zionismus erscheint uns allerdings durchaus unrichtig. In der Tat ist Englands Entgegenkommen gegenüber der zionistischen Bewegung nicht frei von Zweckmäßigkeitsgriinden — aber noch1 hat die Menschheit nicht den erstrebenswerten Grad einer Entwicklung erreicht, auf dem die Völker ihre Politik nach Gesichtspunkten der Menschlichkeit einrichten, noch ist Egoismus die Quelle jeglicher Politik, und gleichviel welche Mächtegruppe das entscheidende Wort über Pa-