Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 36 (6.9.1918)
- Date
- 1918-09-06
- Page
- Seite 426 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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426 Das Jüdisch« Echo Nr. 36 politische Existenzkampf der Juden «regen ihre Nachbarn gewinnt die Formen eines Kulturkampfes, eines Kampfes um Leben und Tod der jüdischen Theokratie, des Geistes, der sie erfüllte -■> das sinnfälligste Zeichen des Unterschiedes zwischen dein nach- und dem vorexilischen Staate. Im Gefolge dieser Kämpfe verloren die „politischen Führer“ des Volkes an persönlichem Interesse an der Sache und an Einfluß; das politische Gemeinwesen schien untergehen zu sollen, die „Politiker“ schienen „Unrecht“, die Gelehrten „Recht“ zu behalten. So gewann die Auffassung der letzteren noch weiter Boden im Volke; für die „Politiker“ schwand das Interesse am Judentum, nachdem dessen politische Gestalt der Vernichtung anheimgefallen schien; indem sie sich syrischen Kulturbegriffen assimilierten, bewahrten sie für ihre Personen den Zusammenhang mit der großen Welt und retteten, was ihnen allein noch rettungswert erscheinen konnte. Da schien mit dem Verfall der politischen Tatkraft des Syrerreichs eine neue Chance zu erwachsen, den jüdischen Staat zu bewahren. Die ersten Makkabäer hatten das Gelingen, das den „Politikern“ vor ihnen versagt blieb; sie schlugen den Feind, und veränderten die Staatsform in eine Monarchie, in der sie zugleich Könige und Richter waren. Eine glückliche Zeit schien angebrochen, Staats- und Kulturbegriff vom Judentum schienen als gegenseitig unerläßliche Ergänzungsstücke miteinander existieren, innere Einigkeit im Volke und damit Bestand nach außen bewirken zu können. Mit der Entartung der späteren Hasmonäer und der Herrschaft der idumäischen Fürsten sank indessen die Einheit der beiden Grundprinzipien des Gemeinwesens wieder dahin, und das wiederholte Eingreifen römischer Feldherrn zugunsten der einen oder andern Partei vertiefte die Wirkungen der Zersetzung so sehr, daß schließlich die inneren Feindschaften mächtiger werden als der Haß gegen den äußeren Feind, daß der Staat sich von innen heraus hätte auflösen müssen auch ohne äußeren Druck. Die Gelehrten jener Zeit wissen diesen Staat nur noch deshalb zu schätzen, weil ohne ihn „einer den andern lebendig auffräße“. Auch dieser Staat ist ihnen noch wert als Organ zur Verhütung des Bruches von Recht und Ordnung, kommt aber nicht mehr in Betracht als Organ der Verwirklichung des Gesetzes. So wird den Gelehrten nach dem Fall von Jerusalem der Verzicht auf diesen Staat nicht zu schwer; man muß annehmen, daß ihnen die völlige politische Verarmung sogar als eine Bereicherung des jüdischen Gemeinlebens erschienen ist, indem jetzt für die Bildung eines neuen Gemeinwesens Raum geschaffen wurde. Denn auf ein jüdisches politisches Gemeinwesen haben die Gelehrten auch nach dem Untergang des Staates nicht verzichtet, und sie konnten es auch nicht, denn der Staat war für sie als Träger und Ort des Gesetzes ein wesentlicher Teil des Gesetzes selbst. So schloß sich Rabbi Akiba dem Barkochba-Aufstand an, und wie er starben viele zugleich den Tod des Märtyrers und Revolutionärs. In dem Maße wie Palästina verödete und fremden Einflüssen überlassen werden mußte, zog auch der jüdische Geist aus Palästina aus und erwählte seinen Wohnsitz für ein Jahrtausend in Babylonien, für ein zweites in Europa. Aber so wenig der Geist des vorexilischen Palästinas identisch ist mit dem des nachexilischen, so wenig ist der Geit der Gaonim und der „Europäer“ identisch mit dem der „Männer der großen Versammlung" und der Tannaim. Das politische Element schwindet dahin, und aus dem „Gesetz“ wird in immer steigendem Maß eine „Religion“; das Judentum sucht Wege — und muß sie im Interesse seiner Selbsterhaltung suchen — wie es ohne Selbstaufgabe zeitweilig ohne politische, ohne körperliche Gestaltung auskommen kann. Das Bewußtsein, daß es sich dabei nur um einen „zeitweiligen Versuch“ handelt, erfährt Förderung von außen dadurch, daß die Kulturverhältnisse aller Länder, in denen die christliche Kirche herrscht, die der Krystallisationspunkt des nationalen Bewußtseins der Völker des Abendlandes bildete, eine Einbürgerung der Juden erschwert. Das Bewußtsein davon wird geschwächt, wo immer die Mauern geistiger Abgeschiedenheit der Juden an Festigkeit verlieren; andererseits erscheint es schwierig inmitten eines neuzeitlichen Hellenismus, diese Mauern, ohne natürliche Steine nur mit der Härte der Entschlossenheit zur Selbstbehauptung erbaut, unerschüttert zu erhalten, und was bliebe uns, wenn 2000 Jahre nach den den körperlichen Staat auch die den geistigen schützenden Mauern sinken würden? Der „zeitweilige Versuch“ ist 2000 Jahre lang gelungen; aber wir zweifeln an seinem weiteren Gelingen; „denn die Stunde dauert uns lang, und die bösen Tage finden kein Ende“. Was würden die Lehrer von Jabne heute tun, die doch einmal vor einer ähnlichen Entscheidung standen wie wir heute, und mit ihrem weisen Entschluß die Geschichte ihres Volkes bis in unsere Tage bestimmt haben? Sie hätten nicht vergessen, daß der Verzicht auf eine körperliche Ausgestaltung des Judentums einmal unter dem Druck des äußeren Feinde* ein notwendiges Übel war; sie würden nicht, indem sie nur eine „Lehre“ oder „Religion“ im Judentum erblicken, und auf seine körperliche Ausgestaltung „bis zu den Tagen des Messias“ in von der Lehre nirgends verlangter Indolenz warten, den umgekehrten Fehler begehen, wie die „Nur-Politiker“ des nachexilischen Staates; sondern gerade ihnen wäre die Forderung unseres Tages nach Rettung der jüdischen Gemeinschaft durch Wiedergewinnung des Heimatbodens, auch die immanente Forderung nach der Wiedergewinnung des Landes, in dem allein auch das „Gesetz“ verwirklicht werden kann. Die Wandlung des mit dem Lande verknüpften „Gesetzes“ zur absoluten „Religion“ —. dem 19. Jahrhundert sagt man gar „Menschheitsreligion“ — wäre ihnen ein überraschendes Ergebnis der von ihnen nicht erlebten historischen Entwicklung. Von dieser Entwicklung weiß die „jiidische-geschichtliche“ Betrachtung des Israelit-Leitartikels gar nichts; er meint, die moderne Orthodoxie hege denselben Begriff vom Judentum, wie die Lehrer von „Jabne, Sura und Uschah“. während in Wirklichkeit doch schon Jabne, Sura und Uschah selbst verschiedene Stadien der Entwicklung verkörpern. Die Auffassung der modernen Orthodoxie aber ist weit entfernt von der Lehrmeinung aller dieser Schulen; für sie ist nach dem. Gesetze zu leben, nur mehr eine Aufgabe ües individuellen Lebens, deren Erfüllung schließlich einmal die göttliche Gnade, den Wiederaufbau des Tempels und die Rückkehr ins heilige Land bringen werde; das Gesetz kann und muß vom Einzelnen voll erfüllt werden und bedarf des Landes zu seiner Erfüllung nicht mehr oder doch erst wieder in ferner Zukunft. In der langen Entwicklung, die seit der Blüte des Lehrhauses von