Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 36 (6.9.1918)
- Date
- 1918-09-06
- Page
- Seite 425 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 Das Jüdische Echo 425 „Die Regierung der Republik ist glücklich, das Gefühl der Sympathie aussprechen zu können, mit dem sie die Gründung der jüdischen Universität begrüßt. Sie wünscht aufrichtig, daß von dort die großen Gedanken der Brüderlichkeit und das Ideal ausgehen mögen, dem das Judentum so fest angehangen hat in den Jahrhunderten, in deren Laufe es allen Verfolgungen widerstanden hat. und daß in einer Welt, die befreit ist von der Gewalttätigkeit, welche der Ehrgeiz der preußischen Herrschaft erzeugt hat, alle Juden, die es wünschen, in Palästina im vollen Einvernehmen mit den anderen ethnischen Gruppen eine geistige und soziale Heimstätte finden mögen.“ Der Liverpooler „Daily Courier“ schreibt in einem Leitartikel über die Grundsteinlegung: „Zu jeder Zeit hätte die Errichtung eines großen Institutes in der heiligen Stadt Interesse und Begeisterung hervorgerufen, aber zu einer Zeit, da die Welt im Kriege ist und das Land Israel ein Schlachtfeld, bedeutet die Gründung einer Lehrstätte auf demselben Boden, aus dem die Menschheit ihre Ideale von Frieden und Gerechtigkeit schöpfte, einen Abschnitt in der Geschichte der Menschheit. Es zeugt von dem Vertrauen, das die englische Herrschaft genießt, daß ein altes Volk mit unvergleichlicher Erfahrung in Bezug auf Reiche und Staaten sein ganzes Vertrauen auf die englischen Erklärungen setzt und auf den Glauben, daß die Sache der Verbündeten dank der Stärke seines Charakters siegen wird. Es ist unmöglich, sich ohne Bewegung die Wiedererrichtung eines Lehrhauses in der Davidsstadt vorzustellen, in dem die hebräische Sprache, die Sprache des heiligen Gesetzes, die großen ethischen Wahrheiten' der prophetischen r-Literatur alle Anstrengungen und Bemühungen anregen werden.“ Fröhliche Wissenschaft. Von Dr. Raphael Straus. (Fortsetzung.) Mit dem älteren Staat ist der jüngere, nache x i 1 i s c h e nicht zu vergleichen. Das neue Staatswesen erfreut sich keiner natürlich erwachsenen, unbestrittenen ökonomischen und sozialen Grundlagen mehr. Der ältere Staat war stark genug, daß er hoffen durfte, neben den Nachbarn und Feinden bestehen zu können. Der neue Staat mußte sich schon vor seiner Bildung der Eindringlinge der Exilszeit erwehren, und nirgends fand sich die Möglichkeit, in dem verelendeten Lande an die Traditionen des alten Staates anzuknüpfen. Esra und die Schriftgelehrten schaffen aus dieser kleinen Kolonie im Berglande unter Verzicht auf jede „Politik“, durch kluge Bewahrung des „zurückgekehrten Restes“ vor äußerem Unglück und durch Hebung der Selbstachtung und des nationalen Bewußtseins durch Kompilation der alten Schriften und Weiterbau an den alten Gesetzen und Bräuchen eine theokratische Bauernrepublik, demokratisch wie kaum das alte Rom, selbst genügsam, arm an allem, was der Welt als Reichtum gilt, aber stark im Bewußtsein der national - kulturellen Individualität. Von dieser Bauernrepublik aus begann jenes prinzipienstrenge Nationalbewußtsein über die damals schon in Ägypten und Babylonien bestehende jüdische Diaspora zu erstrahlen, von hier aus erbte es sich fort in die Jahrhunderte, ein Talisman der jüdischen Selbsterhaltung und ein Stein des Anstoßes für die nichtjüdische Umwelt. Die Staatsform dieser Republik änderte sich, sobald sie sich verleiten ließ, in politische Beziehungen zur Umwelt zu treten. Neben den Männern des Gesetzes entstanden in Feldherren, Kömgen, machtpolitisch orientierten Hohenpriestern, Volksführer anderer Gesinnung, — und die von neuem wieder aktueller werdende außenpolitische Balance zwischen Ägypten und dem Nordreich gewinnt ein Widerspiel im innenpolitischen Leben: in der Balance zwischen Staats- und Geistesjudentum. Nicht daß die Gelehrtenzunft staatsfeindlich gewesen wäre; im Gegenteil, der Staat war für sie Ort und Organ der Verwirklichung des Gesetzes und daher für sie fast noch unentbehrlicher als für den reinen ..Politiker“. Für die politischen Führer dagegen war die ganze ärmliche Politik des kleinen „Kirchenstaates“ überhaupt nur von Interesse, sofern sie zu höherer Entwicklung geführt werden konnte; für sie sank die Intensität ihres jüdischen Bewußtseins mit dem politischen Mißerfolg und stieg mit dem Erfolg. Ihr jüdisches Bewußtsein war an äußere Dinge gebunden, wenn auch an keine geringen; das jüdische Bewußtsein der „Männer der großen Versammlung“ aber war ein absoluter Kulturbegriff. So mußte in der judäischen Theokratie ein Geist der Zersetzung entstehen von dem Augenblicke an, wo die politischen Bewegungen der Zeit an den mühsam errichteten geistigen Schutz- Mauern des neuen Gemeinwesens zu rütteln begannen, und die Zersetzung mußte um so fühlbarer werden, je stärker der Strudel der Politik das Gemeinwesen umfaßte. Und seit Alexanders Zeiten war dies im höchsten Maße der Fall. Der „Hellenismus“, die kulturelle Folgeerscheinung der politischen Umwälzung, vernichtete die kulturelle Abgeschiedenheit, den Grundpfeiler des jüdischen Staates; er schuf nie dagewesene Gemeinsamkeiten zwischen Morgen- und Abendland und erzeugte die Möglichkeit zu weitgehenden Einwirkungen des Westens auf den Osten (Rom erobert den Orient) und des Ostens auf den Westen (das Christentum erobert das Abendland). Er lehrte das Bauernvolk der judäischen Berge eine Ahnung von den irdischen Schönheiten der Welt und wies ihnen durch die Erleichterungen des Weltverkehrs breitere Wege, über die Juden der Diaspora zu den hellenistischen Kulturgütern zu gelangen. So wurde die Trennungsschutzmauer der judäischen Republik unterspült: die „Sadducäer“ erstarkten, und, rückwirkend verschärfte sich bei den „Pharisäern“ die Feindseligkeit gegen die äuRere Welt, und in Sekten wie den „Essäern“ erwuchs das einseitige Gesetzesiudentum zu einer imposanten Größe. Aber auch die politischen Ergebnisse der Alexanderzüge rissen Judäa aus seiner Abgeschiedenheit heraus; saß die nördliche Großmacht, früher weit entfernt jenseits der Berge des Nordens, so ließ sie sich jetzt in Syrien nieder und drückte aus nächster Nachbarschaft mit voller Macht auf den kleinen Nachbarn im Süden. War früher Palästina nur ein Gegenstand mittelbaren politischen Weltinteresses als Wegbefestigung zwischen Babylon und Ägypten, so wurde es jetzt als direkter Nachbar der verkleinerten, und mit kleineren Objekten spielenden Syrermacht ein Gegenstand unmittelbaren Interesses, und dies umsomehr, als die wachsende Politisierung und Hellenisierung den Trotz des jüdischen Gemeinwesens zu einem ungeheueren Haß gegen die Syrer steigerte und dieser umgekehrt wieder verstärkte Unterdrückung hervorrief. Der früher rein