Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1918-09-06 · 36 (6.9.1918) · p. Seite 423

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
36 (6.9.1918)
Date
1918-09-06
Page
Seite 423 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9102973-9138405--02299-9075121
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 36 Das Jiddische Echo 423 Zeichen einer besseren Zukunft dienen soll. Was noch vor wenigen Jahren ein Traum erschien, ist hier zur Wirklichkeit geworden. Was ist die Bedeutung dieser jüdischen Universität, was sollen ihre Aufgaben sein, woher wird sie ihre Studenten nehmen, und welche Sprache wird auf ihr gesprochen werden? Auf den ersten Blick erscheint es paradox, daß wir in einem Lande mit so geringer Bevölkerung, einem Lande, in dem noch alles zu tun ist, einem Lande, das nach so einfachen Dingen wie Pflügen, Straßen und Häfen ruft, mit der Schaffung eines Zentrums der spirituellen und intellektuellen Entwicklung beginnen sollen. Aber das ist kein Paradox für die, welche die jüdische Seele kennen. Wohl stehen wir noch vor großen sozialen und politischen Problemen, deren Lösung auf uns wartet. Wir Juden wissen, daß, wenn man dem Geiste den weitesten Spielraum läßt, wenn wir ein Zentrum für die Entwicklung des jüdischen Gewissens haben, wir auch zur Befriedigung unserer materiellen Bedürfnisse gelangen werden. In den dunkelsten Zeiten unseres Daseins fanden wir Schutz und Schirm innerhalb der Wände unserer Schulen und Hochschulen, und im hingebenden Studium jüdischer Wissenschaft fand der Jude Erleichterung und Trost. Inmitten all des trüben Ghettoqualmes standen Lehrstühle, an denen Scharen junger Juden zu den Füßen der Rabbiner und Lehrer saßen. Diese Schulen und Hochschulen warfen die iKräftquJeflen, in denjen sich während der langen Jahre der Verfolgung intellektuelle und spirituelle Energie ansammelte, die einerseits zur' Erhaltung unserer nationalen Existenz beitrugen, andererseits beim Fallen der Ghettowände zum Segen der Menschheit hervorströmten. Die Weisen von Babylon und Jerusalem, Maimonides und der Gaon von Wilna, der Linsenschleifer von Amtserdam und Karl Marx, Heinrich Hertz und Paul Ehrlich sind einige der Glieder in der langen, ununterbrochenen Kette geistiger Entwicklung. Die Universität soll, wie ihr Name andeutet, alles lehren, was der menschliche Geist umfaßt. Keine Lehre kann heute fruchtbar sein, wenn sie nicht durch den Geist des Forschens und Suchens gestärkt wird; und eine moderne Universität darf nicht nur hochgebildete Wissenschaftler hervorbringen, sondern muß auch jenen, die fähig und willig sind, sich wissenschaftlicher Forschung zu widmen, Gelegenheit geben, dies ungehindert und ungestört zu tun. So wird unsere Universität vielen Hunderten von begabten jungen Juden, auf die sich Jahrhundert« alter Durst nach Lernen und kritischem Forschen vererbt hat und die jetzt in der großen Mehrzahl der Fälle gezwungen sind, ihr brennendes Verlangen in einer unjüdischen, oft unfreundlichen Umgebung zu stillen, ein Heim werden. Eine jüdische Universität? Ich glaube nicht, daß irgendjemand hier sich unter einer Universität in Jerusalem etwas anderes als eine jüdische Universität vorstellen kann. Die Forderung, daß die Universität jüdisch sei, gründet sich auf Werte, welche die Juden von diesem Lande aus der Welt gegeben haben. In Anwesenheit der Anhänger dreier großer Weltreligionen, die ungeachtet vieler Unterschiede an den glauben, der sich Mose zu erkennen gab, angesichts dieser Welt, die auf jüdischem Gesetz beruht, sich vor den jüdischen Sehern neigt, die großen geistigen und seelischen Werte anerkannt hat, die das jüdische Volk ihr geschenkt hat, sei die Frage hier beantwortet. Die Universität soll das jüdische Volk anfeuern. nach weiterer Wahrheit zu streben. Bin ich zu kühn, wenn ich hier an diesem Ort, zwischen den Hügeln von Ephraim und Juda meine Überzeugung ausspreche, daß die Seher von Israel nicht ganz untergegangen sind, daß unter der Leitung dieser Universität die göttliche Kraft prophetischer Weisheit, die einst unser war, wiedergeboren werden wird? Die Universität wird der Brennpunkt für das Wiedererstehen unseres jüdischen Bewußtseins werden, das jetzt so gering ist, weil, es über di© ganze Welt verstreut ist. Unter dem atmosphärischen Druck dieses Berges kann unser jüdisches Bewußtsein sich verbreitern ohne geschwächt zu werden, unser Bewußtsein wird sich neu entzünden, und unsere jüdische Jugend wird aus jüdischen Quellen neue Kraft schöpfen. Da es eine jüdische Universität sein soll, kann über ihre Sprache kaum ein Zweifel bestehen. Infolge eines seltsamen Irrtums hat man Hebräisch als eine tote Sprache betrachtet, während sie in Wahrheit niemals auf den Lippen der Menschen erstorben ist. Wohl ist sie vielen von uns Juden nur eine zweite Sprache geworden, aber ifür Tausende meinesi Volkes ist und war von jeher das Hebräische eine heilige Sprache, und in den Straßen von Tel1 Awiw, in den Obstgärten von Rischon und Rechoboth, auf den Farmen von Hulda und Ben Schemen ist es bereits zur Muttersprache geworden. Hier in Palästina, inmitten des Sprachenbabels, ist Hebräisch die einzige Sprache, in der jeder Jude mit jedem Mitjuden verkehren kann. Auf die technischen Schwierigkeiten eines hebräischen Unterrichts brauche ich in diesem Augenblick nicht einzugehen. Wir sind uns ihrer bewußt, aber die Erfahrungen unserer palästinensischen Schulen haben uns bereits bewiesen, daß diese Schwierigkeiten zu überwinden sind. Das alles sind1 Einzelheiten, die sorgfältig geprüft worden sind und mit denen man sich zu geeigneter Zeit beschäftigen wird. Ich habe von der jüdischen Universität gesprochen, deren Sprache hebräisch sein wird, genau wie man Französisch an der Sorbonne und Englisch in Oxford gebraucht. Natürlich werden andere Sprachen, alte und neue, in den entsprechenden Fakultäten gelehrt werden; wir hoffen, daß unter ihnen besondere Sorgfalt auf Arabisch und andere semitische Sprachen gelegt werden wird. Die jüdische Universität soll zwar in erster Reihe für Juden da sein, aber natürlich wird sie den Mitgliedern jeder Rasse und jedes Bekenntnisses einen freundlichen Willkomm gewähren. „Mein Haus ist ein Haus des Gebets für alle Völker“. Außer den üblichen Schulen und Instituten, aus denen eine moderne Universität gebildet ist, werden verschiedene Wissenszweige aufgenommen werden, die an unserer Universität besonders am Platze sind. Archäologische Forschung, die so viel von der geheimnisvollen Vergangenheit Ägyptens und Griechenlands zutage gefördert hat, darf in Palästina auf eine reiche Ausbeute rechnen, und unsere Universität ist bestimmt, auf 'diesem Wissensgebiet eine bedeutende Rolle zu spielen. Die Frage, mit welchen Fakultäten unsere Universität ihre Lehrtätigkeit beginnen soll, findet durch praktische Erwägungen eine gewisse Begrenzung. Uns fehlen nicht durchaus die Grundlagen für unsere Universität. Wir haben in Jerusalem die Elemente eines Pasteur-Institutes und eines jüdischen Gesundheits-Bureaus, das bereits wertvolle Beiträge zu Bakteriologie und Gesund-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.