Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 36 (6.9.1918)
- Date
- 1918-09-06
- Page
- Seite 421 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 Das Jüdisch* Echo 421 Der letzte Blick auf das vergangene Jahr sei seinen Toten geweiht, unter ihnen Hermann Cohen, dem jüdischen Philosophen, Jechiel Tschleno w, dem Haupt der zionistischen Organisation, Coßmann Werner, dem Führer der Münchner Gemeinde. Wir ehren ihr Andenken durch das Gelöbnis, ihr Werk der Vertiefung und, Heilung des Judentums im Jahre 5679 nach Kräften fortzuführen! Ostjüdische Selbsthilfe in Deutschland. Wenn die nach Deutschland eingewanderten Ostjuden den ansässigen Westjuden vorwerfen, daß diese ihre Pflicht der Bruderhilfe nicht ausreichend erfüllen, so kann eine Berechtigung dieses Vorwurfs nicht verkannt werden. Es ist — auch an dieser Stelle — oft genug darauf hingewiesen worden, daß für viele Schäden im Leben der Eingewanderten die Gleichgültigkeit der Westjuden mitverantwortlich ist, die es noch immer nicht genügend als ihre Pflicht erkannt haben, jenen die wirtschaftliche Eingliederung zu ermöglichen und ihnen eine Erziehung zu vermitteln, die ihnen eine gewisse Anpassung an ihr neues Wohnland gibt und doch gleichzeitig den jüdischen Kern ihres Wesens unberührt erhält. Wenn wir uns in deutschen Städten umsehen, so finden wir, daß sich in dieser Beziehung nicht einmal im Kriege viel geändert hat, obwohl sich die Zahl der Ostjuden in Deutschland während seiner Dauer an vielen Orten erheblich vermehrt hat, und obgleich das Gefühl der Verantwortlichkeit für den hilfebedürftig'en Volksgenossen in derf Kriegsjahren bei allen Völkern stark gewachsen ist. Es gibt auch heute noch eine Menge von Städten, in denen nicht ein einziges soziales Institut im Interesse der Eingewanderten besteht, und wo sich solche finden — Kindergärten, Mädchenvereine u. dergl. da sind sie häufig in einem so unjüdischen Geiste geleitet, tragen so oft den Stempel derAssimilationssucht, daß sie ihren Erziehungszweck ganz verfehlen und letzten Endes mehr Schaden als Nutzen stiften. Denn das Bestreben, die jüdischen Besonderheiten der Einwanderer so radikal wie möglich auszurotten und sie mit Gewalt zu Staatsbürgern jüdischen Glaubens aber ohne nationalen Charakter zu machen, muß notwendig scheitern und führt nur dazu, daß der Eingewanderte sich jenes Judentums allmählich schämen lernt, ohne doch das Deutschtum — das ihm ja doch nur als ein loser Anstrich aufsitzt — völlig zu erwerben. Daß es für die Veredlung des Menschen unerläßlich ist, daß er die Kultur, der er entstammt, achten und lieben lernt, daß sich Volkserziehung nicht auf Ausrottung, sondern auf Stärkung des Volkscharakters aufbaut, entgeht den Fanatikern sozialer Assimilation. Sie dürfen sich dann nicht wundern, wenn der Ostjude ihrer sozialen Wirksamkeit allzu häufig ohne die erwartete „Dankbarkeit“ gegenübersteht und nach wie vor der Meinung ist, daß dem Westjuden die wahre Bruderliebe fehlt, die dem, den sie unterstützt, deswegen die Achtung nicht versagt, die großmütig genug ist, anzuerkennen, daß auch der Beschenkte dem Schenkenden manches zu geben hat. Während die Klagen der Ostjuden über das mangelnde Interesse oder Verständnis der Westjuden als berechtigt anerkannt werden müssen, haben wir uns doch zu fragen: was tun denn die Ostjuden selbst für die neu Einwandernden? Es ist ja keineswegs so, daß der Ostjude in Deutschland etwa immer der Belitzlose und vom materiell bessergestellten Westjuden Abhängige wäre, sondern wir haben nun schon vielerorts eine oder sogar zwei Generationen von Ostjuden, die es in Deutschland zu Wohlstand, deren Kinder es zu einer guten Bildung gebracht haben. Was tun sie für ihre Brüder aus dem Osten? Gewiß, sie lassen es — in der Mehrzahl der Fälle — an privater Wohltätigkeit nicht fehlen, haben oft genug offene Taschen und offenen Tisch für die Ankömmlinge aus ihrer oder ihrer Eltern Heimat. Aber damit glauben sie auch ihre Pflicht erfüllt und halten es — sofern sie sich überhaupt das Wohl der jüdischen Gesamtheit noch nahe gehen lasen — für die selbstverständliche Pflicht der Westjuden, für alles übrige zu sorgen. Das hat insofern einen Schein von Berechtigung, als der Westjude mit den Verhältnissen des Landes besser vertraut ist und — als Schüler einer Generationen hindurch wirkenden Schule deutscher Disziplin ■— im allgemeinen mehr Organisationstalent besitzt, aber diese Erklärung genügt nicht, um die Indolenz ostjüdischer Kreise gegenüber aller sozialen Arbeit völlig zu entschuldigen. Warum gelingt es in England und Amerika den jüdischen Einwanderern in einem von Jahr zu Jahr steigenden Maße sich zu organisieren, sich nationale Institute und ein System nationaler Kultur zu schaffen? und warum sollte das in Deutschland unmöglich sein? Wenn die Ostjuden wirklich beweisen wollten, daß ihnen die jüdische Erziehung ihrer Kinder, die Stärkung jüdischer Kenntnisse und jüdischen Gefühls in ihren Heranwachsenden, die Schaffung jüdischgesellschaftlicher Zentren für die Erwachsenen ein tiefinnerliches Bedürfnis ist, so würden sie finden, daß eine ganze Schar von Westjuden bereit wäre, dieses Werk mit ihren Mitteln und ihrer Kraft zu unterstützen. Nicht umsonst hat man in der westjüdischen Jugend seit Jahrzehnten das Nationalgefühl zu stärken gesucht, und wenn einmal ein ernstlicher Versuch unternommen würde, so ständen viele junge Westjuden bereit, deren heißer Wunsch es ist, eine Brücke zur Gemeinschaft mit dem Ostjuden zu schlagen. Es geht doch nicht an, daß die Kinder der Eingewanderten die Sprache, die Poesie, die Geschichte ihres Volkes vergessen, sich den jüdischen Gebräuchen täglich mehr entfremden und das innige jüdische Gemeinschaftsgefühl — das Beste in uns — verlieren. Aber wer ist da, der ihnen das zu erhalten strebt? Wohl haben sich hier und da junge Ostjuden zu Kultur- und Bildungsvereinen zusammengeschlossen — haben sie jemals, gleichviel bei der west- oder der ostjüdischen älteren Generationl — Verständnis und Förderung gefunden? Sie brauchten Lehrer des Hebräischen und der jüdischen Disziplinen —■ niemand gab ihnen die Mittel dazu. Sie entbehrten jüdische Bücher und Zeitungen — niemand verschaffte sie ihnen. Man ließ sogar ihre Vereine von einem Lokal zum anderen ziehen, um ihre Versammlungen zu halten, ohne ihnen die Mittel zur Miete eines kleinen Heimes zu gewähren. Und doch könnte ein regelmäßiges Studium der Sprache, Geschichte, Literatur des eigenen Volkes, eine Bibliothek mit guter Lektüre, ein eigner Versammlungsort, der für Alt und Jung ein geselliges Zentrum bilden würde, so viel zur Bildung und Erziehung der Jugend, zu ihrer Erhaltung für das Judentum tun!