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Das jüdische Echo · 1918-08-30 · 35 (30.8.1918) · p. Seite 410

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
35 (30.8.1918)
Date
1918-08-30
Page
Seite 410 (sequence 6)
Language
German
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410 Das Jüdisch« Echo Nr. 35 den die Balance zu bewahren; dies im Bündnis bald mit dem einen bald mit dem andern, bald auch in scheinbarer oder tatsächlicher Unabhängigkeit. Der Siegeszug Alexanders bedeutet in dieser politischen Entwicklung anfänglich nichts Neues (wohl aber in seinen politischen Folgen, indem unter seinen Nachfolgern die Residenz dicht an die palästinensische Grenze verlegt wurde). Er bedeutet nur ein zeitweises Überwiegen des Einflusses der nördlichen Großmacht, wie es frühere Zeiten auch schon gebracht hatten. Unter den Diadochen wird ein annäherndes Gleichgewicht wieder hergestellt, das sich indessen allmählich, infolge der Untätigkeit der Ptolemäer zugunsten der Seleuziden verschiebt. Für all diese Wandlungen ist Palästina in erster Linie mitleidender, erst in zweiter mithandelnder Zeuge. Schließlich hat der römische Adler die Kleinen mit den Großen aufgefressen. Die politische Entwicklung berechtigt nicht dazu, in Alexanders Siegeszug den Beginn des Untergangs des jüdischen Staates zu sehen. Dasselbe gilt aber von der Kulturentwicklung. Kulturelle Entwicklungen vollziehen sich den politischen nicht immer völlig parallel. Rasche, oft vom Zufall begünstigte, militärische Erfolge gestalten leicht in schnellstem Tempo eine politische Verfassung um; kulturelle Wandlungen aber brauchen Zeit. Nach den Darlegungen des Israelit-Leitartikels sind die Zusammenhänge zwischen der kulturellen und politischen Entwicklung bei den alten Juden sehr einfach; Der alte Staat war verwurzelt im „Sinaiboden“; der „Entwurzelung“ folgt politischer Untergang; die Erben der alten „Sinaikultur“ aber — also im letzten Gliede angeblich unsere Orthodoxie — nehmen den „Staatsgedanken“ hinüber in die Zeiten politischer Ohnmacht. Das ist die „Überzeugung“ des Verfassers jenes Artikels, und seine Überzeugung zu bekämpfen, besteht keinerlei Interesse. Nur daß die wissenschaftliche Begründung, die er ihr gibt, so dürftig wie unrichtig ist, sei im folgenden gezeigt. Die ganze Auffassung von einer Verwurzelung des alten Palästina im „Sinaiboden“ und1 von einer späteren Entwurzelung widerspricht durchaus den Erzählungen des jüdischen Schrifttums, ja der Bibel selbst. Kann man sich David und Salomo als Apostel des Gesetzes, als Geistesverwandte eines Esra, Jochanan ben Sakkai, eines modernen Orthodoxen denken? Ist nicht die Bibel voll von gegenteiligen Zeugnissen? So kann man hier nicht von „Verwurzelung“ in der Zeit politischer Blüte, und ebenso umgekehrt nicht von „Entwurzelung“ reden in der Zeit des Niedergangs. Denn woher kommen die Makkabäer, woher die Macht, die selbst noch einen Herodes zwang, Rücksicht auf die Gelehrten zu nehmen, woher die Tatsache, daß es den Lehrern von Jabne wirklich gelungen ist, die Lehre zu bewahren? Wäre dies ohne tiefe Ergebenheit weiter Volksschichten an die Lehre und ihre Hüter möglich gewesen? Die Dinge liegen viel eher umgekehrt als sie der „Israelit“ sieht. Das Palästina der alten Königszeit war politisch gefestigter, nicht weil die nationalen Kulturbegriffe stärker, sondern trotzdem sie schwächer entwickelt waren als später; das nachexilische Palästina geriet in Gefahr und ging schließlich unter, trotzdem gerade in ihm die „Lehre“ herausgebildet wurde in einer so unerhört kräftigen Entwicklung, daß sie für uns Juden noch heute, nach reichlich zwei Jahrtausenden, fortwirkt, und daß von ihr die nachhaltigsten geistigen Wirkungen, die wir überhaupt kennen, auf die Menschheit ausstrahlten. Daß diese jüdische „Nationalkultur“ sich „entwickelt“ hat, d. h. erst weniger war, und darnach mehr wurde, wäre nicht nur nach allen menschlichen Begriffen und aller historischer Erfahrung natürlich, sondern ist doch aus dem gerade für die Orthodoxie bis auf die Interpunktion heiliggültigen Schrifttum klar ersichtlich. Daß aber die Nationalkultur sich mit einseitiger Wucht ins Ethische gesteigert hat, ist der stärkste und zugleich aufschlußreichste Beweis dafür, daß sie in Zeiten äußerer Verarmung des Staates und der Gesellschaft entwickelt wurde; und von hier aus erblüht uns das Verständnis für den wirklichen Zusammenhang der jüdischen Kultur und des jüdischen Staates. Im alten, vorexilischen Palästina kann man von einem ausgesprochenen jüdischen Sonderbewußtsein noch nicht reden. Der Gedanke an eine Sendung des jüdischen Volkes lebt nur in den Priestern und Propheten; im Volke aber vermag sich zunächst kaum ein gegenüber den stammverwandten Nachbarn betontes Nationalbewußtsein, geschweige denn das Bewußtsein einer Kul- Virmission zu entwickeln. Dieses Kulturbewußtsein hätte durch eine Ausgestaltung der Staats¬ und Nationalindividualität erstarken können, und auf diesem Wege hätte der Tempelbau einen großen Schritt bedeuten können, wenn nicht alsbald die Abspaltung des Reiches Israel, die Einbuße an Macht und Geltung, und der Stillstand der die Regierungen Davids und Salomons bezeichnenden Machterweiterung den vom salomonischen Jerusalem ausgehenden Glanz wieder hätte erlöschen lassen. Die sachlichen Kulturgüter des damaligen Palästina waten ägyptischen, chaldäisehen, phönizischen Urprungs, und das Eigenbewußtsein des Volkes noch zu unentwickelt und unerfahren, um aus sich heraus — wie wir dies bei der zweiten Staatsentwicklung sehen werden — eine geistige Kultur zu schaffen, die nicht an sachliche Kulturgüter gebunden war. Und doch scheint gerade der Umstand, daß die für das äußere Leben erforderlichen Kulturgüter von den Nachbarn mehr oder minder fertig übernommen werden konnten, daß keine maritime Lage (Phönizien) auf die Wege des Handels, keine kontinentale Weiträumigkeit (wie Babylonien) auf Herrschaftsgelüste, keine unerhörte Fruchtbarkeit (Ägypten) auf Reichtum und äußeren Lebensgenuß hinwies, die vorhandenen geistigen Kräfte in das Reich der freien geistigen Schöpfung zu lenken. Wie dem aber auch sei: es steht fest, daß das alte Palästina wie politisch so kulturell! aus Westen, Norden und Süden einer weitgehenden Beeinflussung unterlag, und daß dieselben Umstände, die eine politische Selbstbehauptung erschwerten, auch eine kulturelle Sonderentwicklung, oder um die orthodoxe Terminologie anzuwenden, eine „Verwurzelung im Sinaiboden“ hintanhielten. (Schluß folgt.) Österreich. Ein Opfertag. Aus Wien wird berichtet: Auf Anregung des Zionistischen Zentralvereins Sektion II, konstituierte sich ein Komitee, das in den nächsten Wochen einen allgemeinen Österreichischen Jüdischen Opfertag veranstalten wird, der folgenden Zwecken dienen soll: a) Förderung der Palästina-Hilfsaktion, b) Schaffung eines Fonds zwecks weiterer Ausbildung von jüdischen Kriegs-

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