Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 34 (23.8.1918)
- Date
- 1918-08-23
- Page
- Seite 401 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 Das Jüdisch« Echo 401 sehr unbequeme Konkurrenz empfunden wurde, glaubt man durch eine teilweise obligatorische Sonntagsruhe wenigstens am Vormittage, in den Stunden von 9 bis 12 Uhr einschränken zu können. Letzten Endes läuft diese Politik auf einen Versuch hinaus, die Juden allmählich zu assimilieren. Wieweit das gelingen wird, ist heute natürlich noch nicht mit einiger Bestimmtheit zu sagen. Generationen werden darüber hinsterben, ehe sich der Erfolg oder der Mißerfolg dieser Bestrebungen wirklich übersehen läßt. Aber schließlich kann man einen Staat nicht mit kleinen politischen Mitteln aufbauen, sondern muß ihn auf Ideen und Leitsätze gründen, die weit über den Tag hinaus in die Zukunft weisen. Freilich wird alles darauf ankommen, in welchem Geiste die polnische Regierung diese Reformpolitik durchführen wird, und wie die untergeordneten Organe den Instruktionen folgen werden. Die Behandlung der Juden wird jedenfalls ein Wertmesser für die kulturelle Einschätzung des polnischen Volkes, durch das jetzt eine starke nationale Welle geht, im Leben der Nationen sein. Das sollte man an der Weichsel nicht vergessen.“ England. Ausschluß von Geld Verleihern aus dem englischen Board of Deputies. Der Board of Deputies hat in einer Ende Juli stattgehabten Sitzung beschlossen, daß Geldverleiher von der Mitgliedschaft ausgeschlossen sein sollen. Die medizinische Kommission der amerikanischen Zionisten bei Minister Balfour. Kurz vor ihrer Abreise von England' wurde eine Deputation der medizinischen Kommission der amerikanischen Zionisten von Minister Balfour emp. fangen. Die Deputation, die aus den Herren Lewin-Epstein, Dr. Satenstein, Druskin, Hilkovitch, Keller und Krimsky und den Damen Seligsberg und Klombers bestand, wurde durch Herrn Sokolow dem Minister vorgestellt. Nach einigen erklärenden Äußerungen von Miß Seligsberg und Herrn Lewin-Epstein über die Aufgaben der Kommission erwiderte Balfour, es freue ihn sehr, die Deputation auf ihrem Wege nach Palästina begrüßen zu können, wo sie ihr Teil zum Beginn eines großen nationalen Unternehmens beitragen solle. Die weitreichende Bedeutung der zionistischen Idee werde nach (nicht genügend gewürdigt; der Einfluß dieser großen nationalen Wiedergeburt würde sich nicht nur für die Juden geltend machen, die sich in Palästina ansiedeln wollen, sondern für die Juden aller Länder Welt und sogar für alle anderen Völker der Erde, denn obgleich Palästina nur ein kleines Land sei, hätte es der Menschheit unermeßliche Dienste erwiesen. Die Zerstörung des jüdischen Reiches vor 19 Jahrhunderten sei einer der größten Frevel gewesen, den die verbündeten Mächte nun wieder gutzumachen trachteten. Die Zerstörung war eine nationale Tragödie. Sie raubte den Juden die allen anderen Völkern gegebene Gelegenheit ihren Volkscharakter und Volksgeist zur vollen Blüte zu entwickeln. Die Juden nähmen eine einzigartige Stellung unter den Völkern von heutzutage ein, da sie etwas, das für ein vollkommenes Volksleben unerläßlich erscheine, nämlich ein nationales Heim, entbehrten. Die Gegenwart sei Zeuge des Eintrittes großer und wichtiger nationaler Faktoren in die Weltgeschichte, und er sei sicher, daß unter ihnen der zionistische Gedanke, der schon so viel; in Palästina erreicht habe, eine große und edle Rolle spielen werde. Er wünsche den Mitgliedern der Kommission Glück zu ihrer großen menschlichen Aufgabe, zu der sie durch eine große Idee und keinerlei selbstsüchtige Zwecke veranlaßt würden. Nichts in der Welt könne anders erreicht werden als unter dem Zwange eines großen Ideals. Er wünsche ihnen jeglichen Erfolg. Aus aller Welt. Die schwedischen Sozialdemokraten über den jüdischen Nationalismus. Die in Stockholm erscheinende Zeitung „Sozialdemokraten“ hat kürzlich einen Aufsatz veröffentlicht, in dem sich die veränderte Haltung der Internationale gegenüber der Judenfrage deutlich ausspricht. Der Aufsatz ist überschrieben „Ein vergessenes Volk“. In diesem Aufsatz heißt es u. a.: „Wir sprechen von dem jüdischen Volk; nicht von den Juden, sondern von dem jüdischen Volk. Die europäische Kulturwelt kennt nur Deutsche, Franzosen, Engländer jüdischen Glaubens. Das jüdische Volk wurde vergessen. Aber das jüdische Voltk erinnert den Westen an seine Existenz, wenn auch nur in geringem Maße, da es eigentlich im Osten lebt. In Rußland gab und gibt es so viele Judenj, wie die Zahl der Schweden beträgt. Und sie leben dort als eine Nation. Natürlich sind sie über alle Distrikte verstreut, aber allenthalben leben sie in jüdischen Gemeinden mit eigner Sprache, eigner Kultur und eignen Sitten. Sie bilden ein Volk, das sozial in Proletariat und Bourgeoisie geschieden ist. Das jüdische Proletariat bildet eine Masse von 600 000 Menschen, und die gesamte Arbeiterklasse über 2 Millionen Seelen. Daraus erklärt sich auch das Bestehen einer jüdischen Arbeiterfrage. Es fällt uns wohl schwer, uns die Juden als ein Volk vorzustellen, da wir hiermit den Gedanken an ein Land, ein Territorium verknüpfen, das die Juden nicht besitzen.“ Im weiteren Verlauf des Artikels wird dargelegt, daß die Juden bei einer möglichst ungestörten Entwicklung des russischen Reiches sich sicherlich zu einer Nation innerhalb desselben zusamenschließen würden. Zionistische Arbeit in Persien. Aus Petersburg wird berichtet, daß seit dem Ausbruch der russischen Revolution die zionistische Tätigkeit in den russischen Teilen Asiens bedeutend zugenommen hat. Die erfolgreichen Konferenzen der grusinischen und kaukasischen Juden haben auf die antizionistischen Kreise tiefen Eindruck gemacht. Die Bewegung erstreckt sich auch auf Persien, wo Konferenzen zwischen den Rabbinern und Gemeindevertretern stattfanden. Die jüdische Bevölkerung von Persien, deren Zahl etwa 100 000 ist, hat seit dem Ausbruch des Krieges furchtbar gelitten, und viele jüdische Gemeinden, auch die in Hamiadan, sind vollständig vernichtet. Trotzdem hat der nationale Gedanke viele Anhänger gefunden, und die persischen Juden stehen jetzt mit der zionistischen Organisation in Baku in ständiger Verbindung, die verschiedene Flugschriften in persischer und! tatarischer Sprache herausgegeben hat; auch hat sie eine persische zionistische Föderation mit dem Sitze in Teheran gebildet, die Zweigbureaus in allen großen Gemeinden unterhält. Im Mai fand die erste Konferenz statt; es wurde beschlossen, eine großzügige Propaganda