Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 34 (23.8.1918)
- Date
- 1918-08-23
- Page
- Seite 399 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 Das Jüdische Echo 399 Rosenzweig, ein geborener Ungar, war der erste Schüler des Berliner liberalen Rabbinerseminars. Seit 1887 wirkte er als Rabbiner in Berlin. Seine Arbeiten sind wertvolle Beiträge zur Kulturgeschichte des jüdischen Altertums, besonders bemerkenswert ist seine Studie über den politischen und religiösen Charakter des Flavius Josephus, Jerusalem und Caesarea und das Jahrhundert nach dem babylonischen Exil. Ein antisemitisches Schwindelmanöver. Die Antisemiten sind eifrig am Werke die öffentliche Meinung zu vergiften. Neuerdings versuchen sie es mit einem selbstverständlich anonymen Flug- ' blatt, das sie brieflich in Massen versenden und das den trügerischen Anschein zu erwecken versucht, als ob es sich hier um einen Rechtfertigungsversuch von Politikern jüdischen Glaubens handelt. Adressiert ist das Fllugblatt an die „Arbeiter und Genossen, Proletarier Deutschlands“. Es heißt da unter anderem: „Augen auf! Ein Flugblatt allgemeinster Sorte und von elender antisemitischer Färbung wird gegenwärtig mit Aufbietung großer Geldmittel hergestellt und zahl- und schamlos unter Euch zu verbreiten gesucht. Dazu schweigen, wäre Verbrechen. Denn man will Euch zersplittern und von uns und von Euren internationalen Brüdern trennen. Bleibet gedenk, daß Ihr Genossen seid und daß Ihr solidarisch und groß erst wurdet, als alle Proletarier der Erde sich vereinigten, um ihre Lage zu verbessern. Und wem verdankt Ihr diesen großartigen Zusammenschluß? Den Juden, die Eure besten Freunde, Eure Führer sind . . . denkt auch an Lassalle und Marx, an Singer, Cohn, Haase, Sam Gompers, an Hofrichter, Trotzki, Radek und Adler, und an jene jüdischen Nihilisten und Anarchisten, die auf der ganzen Erde ihr Leben gaben für die gemeinsame Sache der Arbeiter.... Die Juden haben kein besonderes Interesse am Untergang Deutschlands, obgleich es zum größten Teil antisemitisch und judenfeidlich ist; im Gegenteil, wir Semiten haben die Völker niemals aufeinander gehetzt, obwohl uns fast die Presse der ganzen Welt gehört. Wir madhen aus dem Frieden auch kein Geschäft.... Darum Proletarier aller Länder, vereinigt Euch, wie unser Marx gesegneten Angedenkens sagte: der Sieg wird Euer sein, das habt Ihr an Rußland gesehen, wo wir jetzt überall mit den Arbeitern an der Spitze stehen. Die Bolscliewikis sind auch gar nicht so schlimm, wie die „Deutsche Tageszeitung“ und andere gewissenlose Zeitungen behaupten; sie brachten erst die wahre Kultur und den Schwung in das von den Antisemiten absichtlich in Verblödung gehaltene Rußland. Die gerissensten Advokaten und besten Redakteure kämpfen ja nur für Euch. Darum tretet aus allen nationalen und christlichen Arbeitervereinen, in denen man Euch eingefangen hat, wieder heraus und tretet lieber als Förderer dem neuen Kampfbund bei, dem Zusammenschluß aller Juden Deutschlands, dessen Gründer und Vorsitzer unser James Simon in Berlin ist, der sich ja, wie auch unser Ballin, Leopolld Koppel, Walther Rathenau, Georg Arnliold u. a. A. zugleich einen Freund des Kaisers nennen darf.“ Als Drucker dieses Flugblattes, das unter der Maske einer Auseinandersetzung mit antisemitischen Vorwürfen die jüdischen Staatsbürger gemeinschaftlicher Machenschaften beschuldigt, ist der fingierte Name eines „Siegfried Breslauer in Hamburg 6“ angegeben. Die Perfidie dieses neuesten antisemitischen Agitationsmittels liegt darin, daß das Flugblatt nachher zweifellos den jüdischen Mitbürgern angehängt werden soll, um so ihr Verhalten im Kriege zu charakterisieren. Rußland. Protest Korolenkos gegen Pogrome. Der bekannte russische Schriftsteller Korolenko hat in einer in Poltawa erscheinenden Zeitung einen scharfen Protest gegen die an den Juden verübten Gewalttaten eingelegt, der starken Eindruck auf die Öffentlichkeit gemacht hat. Ukraine. Jüdische Erziehungsarbeit in der Ukraine. Trotz aller Schwierigkeiten schreitet das jüdische Erziehungswerk in der Ukraine erfolgreich fort. In den fünf Provinzen des alten Erziehungsdepartements Kiew gibt es zurzeit 63 jüdische Gymnasien. In den jüdischen Elementarschulen wird der Unterricht in hebräischer und jidischer Sprache erteilt. Es ist allerdings bisher noch nicht gelungen, die ‘Behörden, die Jidisch als Unterrichtssprache anerkennen, zu veranlassen, auch die Schulen mit hebräischer Unterrichtssprache als vollberechtigt anzuerkennen. Proteste gegen die Aufhebung des Jüdischen Ministeriums. Der ukrainische Ministerrat vom 8. Juli nahm, wie kürzlich berichtet wurde, laut Kiewer Zeitungen ein Gesetz an. das die nationalen polnischen, russischen und jüdischen Ministerien abschafft. Nach Aufhebung der nationalen Ministerien wurden die Angelegenheiten des kulturellen Tätigkeitsgebietes dem Ministerium für Volksbildung, alle anderen Angelegenheiten dem Ministerium des Innern überwiesen. Gegen diesen Beschluß hat nunmehr der jüdische Nationalrat in einer Sitzung in den Räumen des aufgelösten jüdischen Ministeriums Protest erhoben. Die Protestresolution lautet: „In der Überzeugung, daß a) die national-personale Autonomie die einzige Garantie für das friedliche Zusammenleben aller Völker und für die freie Entwicklung der Ukraine überhaupt und ihrer nationalen Minoritäten insbesondere bietet; b) der Beschluß vom 8. Juli über die Aufhebung des Gesetzes vom 19. Januar 1918 ein Resultat der gegenwärtigen zeitweiligen politischen Reaktion darstellt, die wichtigste Errungenschaft der großen russischen Revolution, die nationale Freiheit, vernichtet, das alte Regime der nationalen Unterdrückung zugunsten der herrschenden Gruppen wiederherstelllt und die elementaren Bürgerrechte der jüdischen Bevölkerung in der Ukraine gefährdet; c) dieser Beschluß der jüdischen Bevölkerung, die im Verein mit allen anderen Völkern der Ukraine für nationale Freiheit gekämpft hat, die Möglichkeit nimmt, die Organe ihrer nationalen Selbstverwaltung auf öffentlich-rechtlichen Grundlagen zu errichten und die demokratisch erwählte Vertretung der jüdischen Nation zu schaffen — drückt der jüdische Nationallrat, das höchste jüdische Repräsentationsorgan, seinen scharfen Protest gegen die Gewalttat der Regierung aus und erklärt, daß keine Zerstörungskräfte und keine Angriffe der Reaktion das jüdische Volk in seinem unermüdlichen Kampf für seine nationale Autonomie zurückhalten werden.“ Eine ähnliche Protestresolution gegen den Beschluß des Ministerkabinetts vom 8. Juli über die