Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 30 (26.7.1918)
- Date
- 1918-07-26
- Page
- Seite 347 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 Das Jüdische Echo 347 jüdischen Lande den Anstoß geben könnte, diesen „freien Menschen“ die Duldung in den freien Ländern zu entziehen. Die Nichtjuden sehen dies deutlich. Sie lesen in den Seelen der Antizionisten. Sie stellen sich ihre feige Angst vor. Sie nehmen sich die Mühe, die beklagenswerten, zitternden Dummköpfe zu beruhigen. Herr Balfour hielt es für notwendig, in seinem historischen Brief an Lord Rothschild ausdrücklich zu erwähnen, daß die Eröffnung Palästinas für die Juden in keiner Weise die Lage der Juden in ihren gegenwärtigen Wohnorten beeinflussen werde. Eine solche Versicherung sollte sie mit Scham erfüllen. Sie sollten sie als eine grobe Beleidigung empfinden. Sie sollten! Ja: wenn sie wirklich „freie Menschen“ mit dem Gefühl für ihre Würde, mit der Sicherheit ihrer festgegründeten Rechte wären. Aber sie sind arme, scheue Ghettoseelen, und sobald sie die Worte „jüdische Nation“, „jüdischer Staat“ hören, sind sie tief erschrocken und erleben in ihrer Phantasie die Szenen, die ihre Vorväter während der Zeit der Kreuzzüge in den Judenvierteln der rheinischen Städte durchgemachthaben. Wie wirklich freie Menschen sich in einer Situation verhalten können gleich der, in welcher die Antizionisten sich heute befinden, wird durch das Beispiel gewisser Polen gezeigt. Das Unglück ihres Volkes hat viele Polen aus ihrem Lande vertrieben. Drei große Wogen polnischer Emigranten haben sich nach Frankreich ergossen. Der erste setzte sich aus den Waffenbrüdern Kosciuskos zusammen, welche den Ufern der Weichsel den Rücken kehrten, als er sein „Finis Poloniae“ ausrief, und welche später, als Legion Poniatowskis, sich unter den Fahnen Napoleons mit Ruhm bedeckte. Die zweite wurde von den Soldaten Dombrowskis nach der entscheidenden Niederlage von Ostrolenko im Jahre 1831 gebildet und die dritte von den Kriegern von Langiewicz nach dem Scheitern des Aufstandes von 1863. Die Polen dieser drei Wanderungen siedelten sich in Frankreich an und wurden unbedingt Franzosen. Aber sie hörten niemals auf, sich ihres polnischen Ursprungs zu erinnern und ehrfurchtsvoll über die Geschichte des polnischen Volkes zu wachen. Ihre Nachkommen erlangten ehrenvolle Posten im nationalen und politischen Leben Frankreichs. Ich will nur ein paar Namen erwähnen: Den bedeutenden Schriftsteller Wyzewski, der seinen Namen korrekterweise in „de Wyzcova“ umänderte, den begabten Bildhauer Galezowski, den hervorragenden Diplomaten Kloburowski, den glänzenden Reisenden afrikanischen Ruhms Dybowski usw. Jetzt geht es an die Wiederherstellung des polnischen Staates. Sind diese Polen, welche Franzosen geworden sind, beunruhigt? Widersetzen sie sich der Wiedergeburt des polnischen Staates? Versuchen sie in kleinlicher Weise nachzuweisen, daß die polnische Nation zu existieren aufgehört hat? Zittern sie vor Furcht, ihre französischen Landsleute möchten ihnen bedeuten, daß sie hinfort nichts mehr in Frankreich zu suchen haben, daß sie Polen sind und nach Polen zurückkehren sollen? Sie denken nicht im Traum daran, sie freuen sich über die glückliche Wendung im Schicksal ihres alten Landes, sie sind überglücklich über jede angenehme Nachricht von den Ufern der Weichsel, und sie plagen sich niemals mit der Besorgnis, daß diese fröhlichen Bewegungen sie in einen moralischen oder Gefühlskonflikt mit ihrem französischen Patriotismus bringen könnten. So denken und fühlen wirklich freie Männer in der Fülle ihrer Bürgerwürde und in der Sicherheit ihrer gesetzlichen Rechte. Verkrüppelte Ghettoseelen können sich nicht zu dieser Natürlichkeit, dieser Aufrichtigkeit, dieser ungehemmten Leichtigkeit aufschwingen. Ich wollte die Seelen der Antizionisten beleuchten. Dies genügt. Eine Diskussion mit ihnen ist überflüssig. Diese war nützlich und vielleicht notwendig in Propagandazeiten, als der Zionismus noch eine bloße Theorie zu sein schien und das jüdische Volk von seiner Legitimität überzeugen mußte. Wir sind glücklicherweise über dieses Stadium hinaus. Die Epoche der Verwirklichung hat eingesetzt. Mögen die Antizionisten jammern und wehklagen. Wir arbeiten; sie mit Worten und Silbenstechereien zu widerlegen, würde Kraftvergeudung sein. Wir haben jetzt bessere Verwendung für unsere Energie. Wir werden die jüdische Heimstätte in Palästina aufbauen, und wenn sie unter Dach und Fach ist, werden wir lächelnd die antizionistischen Angstmeier fragen: „Nun, gibt es ein jüdisches Volk? Sieht das freie und blühende Palästina wie ein Ghetto aus? Müßt Ihr Euch unserer schämen?“ Wilna im Kriege.1) Aus dem Wilnaer Sammelbuch 1918. Von Dr. Z. Schabad. (Fortsetzung und Schluß.) Wie in ganz Deutschland war auch in Wilna der Handel mit Lebensmittel^ ohne Marken verboten. Die Ein- und Ausfuhr von einem Bezirk zum anderen war untersagt. Alle Produkte waren entweder durch den Stadthauptmann oder durch das Lebensmittelamt geliefert. Die städtischen Lebensmittel-Handlungen (etwa 15 jüdische und 15 christliche) waren gesellschaftliche Unternehmungen und bekamen die Waren vom Stadthauptmann mit festgesetzten Verkaufspreisen. Auch andere Vereinigungen hatten das Recht mit Lebensmitteln zu handeln. Aber die städtischen Läden hatten oft nichts zu verkaufen und die Angestellten waren ohne Beschäftigung. Obwohl der Schleichhandel mit Lebensmitteln verboten war, konnte man alle Nahrungsmittel zu hohen Preisen bekommen. Auch die Festsetzung der Höchstpreise hat nicht viel genützt. Die Preise waren stets von verschiedenen Umständen abhängig. Es hatte sich eine besondere Klasse von Schmugglern oder Spekulanten gebildet, denen es gelang, verschiedene Produkte in die Stadt einzuführen oder solche von zweiter Hand einzukaufen. Die gesellschaftlichen Wohltäter bemühten sich vergebens, die Geschäfte den privaten Händen zu entreißen und die nötigen Produkte von erster Hand auf legalem Wege zu bekommen. Das Stillstehen der Fabriken und des Handels, die Verkehrsstörungen und die Preissteigerung aller Lebensmittel, Gebrauchsgegenstände und Rohstoffe hatte Arbeitslosigkeit und große. Not bei der Bevölkerung, besonders bei der jüdischen hervorgerufen. Die Christen blieben meistens bei ihren Arbeiten in der Stadt, und zwar beim Straßenpflastern. bei der Kanalisation und Wasserleitung, als Fabrikarbeiter, Wächter, Gärtner u. dgl. Von den Juden konnten aber nur wenige bei ihren früheren Beschäftigungen bleiben. Der größte Teil der jüdischen Angestellten und Handwerker sowie erwachsene Kinder verarmter Eltern sind arbeitslos geblieben. Einige junge Leute bekamen An- *) Siehe Nr. 27 und 29 d. Bl.