Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 29 (19.7.1918)
- Date
- 1918-07-19
- Page
- Seite 337 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 Das Jüdisch« Echo 337 nur einen kleinen Teil des für sie bestimmten Budgets. Die Bildungsanstalten mußten ihre Bedürfnisse einschränken und sich in der Stadt um Geldmittel umschauen. Von einer Vergrößerung der Zahl der Schulen konnte nicht die Rede sein. Auch durch den ausgebrochenen Streit zwischen den Hebraisten und Jidischisten hat das jüdische Schulwesen empfindlich gelitten. Wären nicht diese Streitigkeiten gewesen, die vielfach persönlicher Natur waren und aus Taktlosigkeit und verkehrten Ehrbegriffen entstanden, so hätte die jüdische Gesellschaft für Schulbildung in Wilna einen großen Einfluß auf die Jugenderziehung nicht allein in der Stadt, sondern auch in der ganzen Gegend erhalten. Zur Zeit, da der Parteikampf noch nicht tobte, errichtete man im Laufe eines halben Jahres eine Volksuniversität, zwei neue Schulen und technische Kurse, welche sich eines zahlreichen Besuches erfreuten. Aber der Streit breitete sich in der Gesellschaft wie auch im Komitee aus, und die Schulen der „Mefize Haskalah“ wurden in Mitleidenschaft gezogen. Die Energie der jüdischen Intelligenz wurde in fruchtlosen Kämpfen vergeudet. Die Zwistigkeiten zwischen dem Komitee und einem Teile der Lehrerschaft in Bezug auf die Wahl der Lehrfächer in den Schulen und dgl. sind in allgemeinen Versammlungen und in der Presse ausgetragen worden. Es gründete sich eine Mehrheit und eine Minderheit und die Gesellschaft blieb längere Zeit ohne zentrale Führung und nutzbringende Betätigung. Dazu begegnete den Schulen ein neues Unglück. Wegen der Ausbreitung des Flecktyphus mußten sie ein halbes Jahr geschlossen bleiben. Außerdem trat im Winter eine strenge Kälte ein, und der Unterricht mußte wiederum aus Mangel an Heizmaterial eingestellt werden. Trotz aller Schwierigkeiten wurde nach Möglichkeit für den Unterricht in Chedarim und Schulen wie auch für Pflege und Beköstigung der kleineren Kinder Sorge getragen. Besonders rege haben sich dabei die Kinderversorgungsansalten beteiligt. Die Kinderheime haben seit ihrem Bestehen ca. 328 000 Mark verausgabt und ungefähr 3030 Kinder auf die eine oder andere Weise unterstützt. Das Kinderheim hat 2 Küchen, in denen 2000 Kinder Mittagessen bekommen. Für 1916/17 sind an 720 000 Mahlzeiten ausgegeben worden. Die Kinderküche auf Pohulanska war die erste, die getrennte Speiseräume für Kinder und Erwachsene einführte. Jetzt werden in allen Schulen und Heimen, einschließlich der Kinderküchen der „Mefize Haskalah“. an 5000 arme jüdische Kinder täglich gespeist. In den 3 Kinderheimen der Gesellschaft „Kinderversorgung“ werden etwa 800 Kinder verpflegt, die den ganzen Tag in den Anstalten verbleiben. Wahrscheinlich werden sich mit dieser Gesellschaft auch die 2 Kinderheime des Vereins „Hilfe durch Arbeit“ mit seinen 170 Pfleglingen vereinigen. Auch der professionelle Arbeiterverein hat für 100 Kinder seiner Mitglieder ein Kinderheim errichtet. Noch mehr hat sich auf diesem Gebiet die Gesellschaft „Achieser“ hervorgetan, indem sie Hunderten verwahrloster Straßenkinder Obdach und Pflege gewährte. Das Waisenhaus für Mädchen der Gesellschaft „Kinderversorgung“ hat sich ebenfalls vergrößert und zählt über 150 Kinder, die von der Anstalt mit allem versorgt werden. Rechnen wir hierzu die Abendheime für Mädchen derselben Gesellschaft, die Schulen der „Mefize Haskalah“. die hebräischen Schulen, die Schule „Torath Emeth“ und die übrigen Talmud-Thora-Schulen, in denen Hunderte armer jüdischer Kinder Bildung und Verpflegung erhalten, so ergibt sich eine stattliche Zahl versorgter jüdischer Kinder, die natürlich weit glücklicher sind, als viele ihrer Altersgenossen, die verwahrlost und zerlumpt auf den Straßen herumlaufen, sich mit Bettelei und dgl. beschäftigen und eine Rettung aus ihrer Not durch die jüdischen Gesellschaften sehnsüchtig erwarten. Es ist herzzerreißend genug für eine jüdische Mutter, ihre Kinder in Waisenhäuser, oder was noch schlimmer ist, sie nackt und hungrig zum Almosensammeln auf die Straßen zu schicken. Die Not hat noch einen neuen Typus von Kindern, der bislang bei den Juden unbekannt war, nämlich die Findelkinder ins Leben gerufen. Es ist begreiflich, daß die Not und das Elend der Wilnaer jüdischen Bevölkerung das Hauptaugenmerk mancher jüdischer Wohltäter, auf das Notwendigste: die Versorgung der Notleidenden mit täglichem Brot gerichtet hat. unter Ausschaltung aller kulturellen und politischen Interessen. So ist in der letzten Zeit eine ganze Reihe von „Küchen“ entstanden. In der Tat ist in der Kriegszeit die Ernährungsfrage in allen Städten und Ländern eine der wichtigsten Angelegenheiten der Gesellschaft. In Wilna aber ist diese Frage seit dem Winter 1916 von Tag zu Tag ernster geworden. (Fortsetzung folgt.) Organisation der jüdischen Journalisten. Die jüdische Presse in Deutschland umfaßt etwa 40 Organe. Ein gut Teil der kleineren Zeitschriften wird von gelegentlichen Mitarbeitern versorgt, die Zahl der jüdischen Berufsjournalisten ist nicht groß. Auch die Zahl der jüdischen Schriftsteller, die von dem Ertrag ihrer Bücher leben, ist eine recht mäßige. Dieser Zustand ist keineswegs ein idealer, weil er den Indifferentismus der weiten jüdischen Kreise anzeigt. Nur durch eine starke jüdische Presse wird das Interesse der Massen für die großen jüdischen Probleme wachgehalten, durch die weite Verbreitung jüdischer Literatur die Kenntnis jüdischen Wissens gefördert und die Entwicklung eines lebenden Judentums gewährleistet. Von Amerika geht eine Bestrebung aus, sich der europäischen jüdischen Schriftsteller anzunehmen, darunter dürften vor allem die ostjüdischen Hebraisten gemeint sein. Der geistige und wirtschaftliche Zusammenschluß der jüdischen Schriftsteller in Deutschland muß aus sich heraus erfolgen. Ich glaube, die jüdische Presse erfüllt eine Ehrenpflicht, wenn sie sich zusammenschließt und einen Fond begründet, zu dem die Zeitungen und Schrittsteiler beitragen. Zur Zeit ist im Osten Berlins eine jüdische Gartenstadt im Entstehen. Mit einigen Tausend Mark ist die Errichtung eines Hauses für ein Dutzend Insassen zu bewerkstelligen. Diese Summe ist nicht sofort im ganzen aufzubringen, vorerst handelt es sich nur darum, das Terrain sich zu sichern. Die Zeitschriften, die stetig honorarfrei ihre Artikel sich liefern lassen, erfüllen nur eine Ehrenpflicht, wenn sie mit 10. 20 oder 30 Mark einer Organisation jüdischer Schriftsteller und Journalisten beitreten, die besser situierten Zeitschriften, die ihre Mitarbeiter immer mit ordentlichen Honoraren belohnen, werden ebenso beitragen können und von den iiidischen Schriftstellern werden bestimmt manche Nachdruckshonorare oder andere Jahresbeiträge dem Fond überwiesen.