Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 29 (19.7.1918)
- Date
- 1918-07-19
- Page
- Seite 336 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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336 Da* Jfidlscbe Echo Nr 29 im JUgnuitt „Sdrttare=5föttt lüüiric Snraätnjiirag ju f trafalem Organifötion rein europäifcf) 3folierf)äufer für Anftedtenbe ij)öc&fte Anerkennung «Her ^efjörben Aufnahme untcrfdjiebslos für Alle Alan forbere bie 53ebtngungen ein. I bittet für feine ©efääftsleitung: J r a n k f u r t a. 9n. SfJoftfcbeckkonto 9Zr. 7785 Srfcft. q. sr, #ält fid) für gennffenfjafte Uebernabme non Stiftungen empfohlen! betten — 3immer — Säbelt — ©ebenktofel — Stiftungen Briefe gu richten nach Stöberbergroeg 63. Weißrussen traten nach einigen Tagen aus den Kommissionen aus. Die Juden dagegen erachteten es nicht für nötig, sich von den Kommissionen loszusagen, arbeiteten zusammen mit den Polen und sorgten besonders dafür, daß die erteilten Angaben auch richtig eingeschrieben würden. Wo irgend angängig, waren sie darauf bedacht, die Interessen der Litauer und der Weißrussen zu wahren. Auch in vielen anderen Angelegenheiten haben die Juden dahin gewirkt, daß man sie als Nation und nicht bloß als religiöse Gemeinschaft anerkenne. Als man an die Ausgabe von Pässen mit Photographien herantrat, wollte man die jüdischen Pässe nur mit polnischer oder litauischer Übersetzung versehen und die Juden als Polen oder Litauer (mosaischer Religion) eintragen. Nachdem aber einige J-uden die Annahme solcher Pässe verweigerten, ließ man besondere Pässe mit jüdischer Übersetzung für die Juden drucken. Die jüdischen Vorsteher verstanden es, überall wo sich hiefür die Gelegenheit bot, jüdische national-kulturelle Forderungen zu stellen und sie zu verteidigen. Hierbei herrschte Einigkeit unter den Juden der verschiedensten Parteirichtungen. Das jüdische Komitee befürwortete die an die Regierung gerichteten Gesuche betreffs Herausgabe einer jüdischen Zeitung und Errichtung eines jüdischen Theaters. Zwar spiegelte die Zeitung „Die letzte Neis“ die politischen Anschauungen der Wilnaer Juden nicht wieder, da sie von Privatleuten gegründet wurde, die ihre eigene Richtung vertreten. Dennoch hat die Zeitung stets nach Möglichkeit die jüdischen national-kulturellen Interessen gewahrt. Man muß auch in Betracht ziehen, daß sie seit der Okkupation die einzige jüdische Zeitung im Lande war. Mehr als eine Zeitung für jede Nation herauszugeben, war nicht erlaubt. Die Wilnaer jüdisch-dramatische Truppe, obwohl meistens aus Dilettanten bebestehend, hat viel zur jüdisch-kulturellen Entwicklung beigetragen, da sie das Volk in künstlerischen Aufführungen mit besten Werken der jüdisch-dramatisch'en Dichtkunst vertraut machte. Die schwere sorgenvolle Zeit hat es mit sich gebracht, daß die Truppe, obwohl sie nur zweimal wöchentlich spielte, sich keines besonders guten Besuches erfreute und daher in Wilna nicht lange existieren konnte. In anderen Städten, wo diese Truppe gastierte, wie z. B. in Suwalki, Grodno, Bjalostok und nachher in Warschau, wurde sie sehr beifällig aufgenommen und erwarb sich in jüdischen Kreisen einen sehr guten Ruf. Es versteht sich von selbst, daß die Truppe ihren Erfolg dem national-kulturellen Gedanken zu verdanken hat, von dem ihre Aufführungen durchdrungen waren. Sie war nicht gewillt, den unkultivierten Instinkten der großen Massen entgegenzukommen und strich aus ihrem Repertoir den ganzen Wust der jüdischen Schundliteratur. Die außergewöhnlich schwere Zeit macht sich besonders in der mangelhaften Erziehung und Bildung der jüdischen Jugend bemerkbar. Anfänglich, als die Regierung die Erlaubnis zur Eröffnung von Schulen mit jüdischer Unterrichtssprache erteilt hatte, lebte die Tätigkeit der Juden auf dem Gebiet des Schulbaues zeitweise auf. Die Gesellschaft für Schulbildung und die Kinderversorgungsanstalten eröffneten ihre alten Schulen und errichteten auch neue. Gleichzeitig errichteten die Zionisten hebräische Schulen. Durch private Unternehmungen wurden jüdische und hebräische Schulen und Kindergärten für kleine und Bildungskurse und Gymnasien für ältere Kinder ins Leben gerufen. Nicht alles ging aber glatt von statten. Die privaten Schulen, die eigentlich für Kinder vermögender Eltern bestimmt und nach dem Muster der früheren russischen Mittelschulen eiligrichtet v aren, konnten nichts weniger als jüdisch-nationale Schulen genannt werden. Die Eltern schickten ihre Kinder dorthin, weil sie keine Wahl hatten und glaubten, durch diese Schulbildung ihrer Kinder irgend einem Lebensziele zuzuführen. Gleichzeitig mit den weltlichen Schulen wurden private und gesellschaftliche Chedarim für reichere und Talmud-Thora-Schulen für ärmere Kinder eröffnet. Der letzte Schultypus war noch vom alten Schlage; man unterrichtete die Kinder nach den überkommenen rückständigen Methoden und dachte wenig daran, sie durch neue fortschrittlichere zu ersetzen. Einige erfolgreiche retormatorische Versuche in dieser Hinsicht sind als erfreuliche Ausnahmen zu verzeichnen. Eine der wichtigsten Ursachen des tiefen Standes der Volksbildung der Juden war selbstverständlich die schwierige materielle Lage, in der sich die Schulverwaltungen befanden. Der Gehalt der Lehrer (15 Rubel für jede Wochenstunde im Halbjahr) war besonders bei der zunehmenden Teuerung außerordentlich gering, und auch diesen Lohn erhielten sie nicht immer regelmäßig. Die Kinder blieben oft mit dem Schulgeld im Rückstand und die Ausgaben waren beträchtlich. Das Zentralkomitee, welches das von Amerika eingelauiene Geld austeilte, betrachtete die Schule als einen Luxus und gab hauptsächlich Geld für die Versorgung mit Lebensmitteln aus. Die Schulen bekamen