Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 29 (19.7.1918)
- Date
- 1918-07-19
- Page
- Seite 335 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 Das Jüdische Echo 335 Heimat des jüdischen Volkes zurückzukehren. Im Gegenteil, vom allerersten Tage an haben wir beständig und mit Nachdruck und Stärke wiederholt: Nach Palästina sollen und werden nur diejenigen Juden gehen, welche einem nationalen jüdischen Ideal leben wollen; jene Juden, die sich im Lande ihrer Geburt oder ihres gegenwärtigen Aufenthalts behaglich fühlen, sollen und werden bleiben wo sie sind. Diese Konzession sollte dem Antizionisten genügen. Sie sollte ihn entwaffnen. Sie ist jedoch weit davon entfernt, diese Wirkung hervorzubringen. Er weigert sich heftig, nach Palästina zu gehen; das ist selbstredend; aber auch die anderen Juden sollen es nicht tun. Palästina muß den Juden verschlossen bleiben. Das ist’s, wofür er eintritt, das ist’s, wofür er mit äußerster Energie kämpft. Diese mißgünstige Politik aber ist erbärmlich und unduldsam. Sicherlich hat jedermann das Recht, Antizionist zu sein, d. h., den Zionismus für sich selbst abzulehnen, seinen historischen, soziologischen und politischen Anspruch zu leugnen, selbst zu behaupten, daß er dem Judentum schädlich und ein Unglück für das jüdische Volk ist. Gegen die Ausübung dieses Rechtes könnte kein moralischer Einwand erhoben werden, solange der Antizionismus sich auf intellektuell kämpfende Angriffe beschränkt. Wir folgten ihm auf diesen Kampfplatz. Im Beginn unserer Bewegung begegneten wir ihm überall auf unserem Wege. Wir traten seinen Gedanken mit unseren Gedanken entgegen und taten unser Bestes, seine Argumente durch unsere Argumente zu vernichten, wir waren überzeugt, die Wahrheit zu besitzen, fanden es jedoch verständlich, daß unsere Gegner dieselbe Überzeugung hatten. Wir stritten hart, um das jüdische Volk für unser Ideal1 zu gewinnen. Die Antizionisten bemühten sich, unsere Propaganda zu verhindern oder zu zerstören. Sie warnten das jüdische Volk vor uns. Wir gaben uns darein; sie fuhren damit fort. Sie fälschten unsere Meinungen, entstellten unsere Ideen, verdächtigten unsere Motive, verbreiteten Lügen über unsere Wege und Ziele und schmähten unsere Leute. Das war kein ehrlicher Kampf mehr, und manche Antizionisten, die diese schlechten Methoden benutzten, verscherzten den Anspruch, als ritterliche Gegner behandelt zu werden. Wir weigerten uns, ihrem Beispiel zu folgen und wandten hur loyale Waffen an. Wir konnten es uns gestatten, edelmütig zu sein, da wir von der Wahrheit und Gerechtigkeit unserer Sache durchdrungen waren und wußten, daß wir die Stärkeren waren. Aber jetzt ist die Zeit der Wortklaubereien und theoretischen Polemiken zu Ende. Der Zionismus hat den Schauplatz der Propaganda verlassen. Seine Arbeit ist jetzt nicht mehr, das jüdische Volk oder eine so große Partei wie möglich für sein Programm zu gewinnen, sondern sein Programm zu verwirklichen. Jetzt haben wir besseres zu tun, als Worten Worte und Sophismen Beweise gegenüberzustellen. Auf all das Gerede der Antizionisten haben Tatsachen die Antwort gegeben oder werden sie geben. „Palästina wird niemals erreichbar für das jüdische Volk sein?“ Die englische Regierung hat mit Zustimmung der Verbündeten Englands offiziell das Versprechen gegeben, nach dem Kriege die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk zu begünstigen. „Die Juden sind keine Nation?“ Die Juden sind als Nation von allen Regierungen und von allen Demokratien, welche über diese Frage eine Meinung geäußert haben, anerkannt worden. Das einzige Band, das die Juden in der ganzen Welt verbindet, ist ihre Religion? Die Antizionisten, welche scheinheilig diesen Standpunkt vertreten, anerkennen und respektieren dieses Band so sehr, daß sie mit wütendem Unwillen alle Gemeinschaft mit Juden feindlicher Länder zurückweisen und patriotisch protestieren, daß niemals, weder jetzt noch in Zukunft, sie irgend etwas mit ihnen zu tun haben wollen. Alle ihre Theorien wirken in der Praxis absurd, und da sie trotzdem fortfahren, gegen starke Tatsachen zu debattieren, würden sie sich nur lächerlich machen, wenn die Sache: nicht eine so ernsthafte Seite hätte. Sie sollten durch diese Zeit gelernt haben, daß nichts was sie sagen oder tun können, den Teil des jüdischen Volkes, der sich zum Zionismus bekennt, seiner Überzeugung untreu werden läßt. Wenn sie klug wären, würden sie darum zugeben, anderer Meinung als die Zionisten zu sein. Sie finden in der jüdischen Geschichte einen Präzedenzfall, den sie mit Nutzen verwenden könnten. Die Reformbewegung tat ihr bestes, um das jüdische Volk zu sich herüberzuziehen. Es gelang ihr in kleinem Maßstab; die große Menge drehte ihr den Rücken. Sie begnügte sich mit diesem Resultat. Sie gab den Anspruch auf, das ganze jüdische Volk zu erobern. Sie gründete ihre besondere Existenz, unabhängig vom traditionellen Judentum. Andererseits hat das letztere längst darauf verzichtet, gegen die Reformbewegung zu kämpfen. Es lebt sein eigenes Leben, indem es die Reformbewegung ignoriert, wie es von dieser ignoriert wird. Die Spaltung ist vollzogen, jede Partei geht ihren eigenen Weg und sieht, wie sie mit der Trennung fertig wird. Wenn der Antizionismus so handeln würde wie die Reformer, so würden die Zionisten sicherlich wie die Orthodoxen verfahren. Aber dieses überzeugende historische Beispiel ist augenscheinlich an ihnen verloren. Niemand zwingt sie, sich als Mitglieder der jüdischen Nation zu fühlen. Wir sind zufrieden mit unserem eigenen jüdischen Nationalbewußtsein. Aber sie versteifen sich auf ihren Entschluß, uns ausdrücklich zu beweisen, daß wir keine Nation sind. Niemand zwingt sie, nach Palästina auszuwandern. Diejenigen unter uns, welche wünschen, ihrem Ideal entsprechend zu leben und nach Palästina zu gehen, werden sie dort nicht vermissen. Aber sie lassen nichts unversucht, um Palästina als unerreichbar für die Zionisten hinzustellen. Dies ist eine Anmaßung, die das Erlaubte überschreitet. (Schluß folgt.) Wilna im Kriege. Aus dem Wilnaer Sammelbuch. Von Dr. Z. S c h a b a d. (Fortsetzung.) Im Dezember 1916 war eine dritte Volkszählung nötig, welche unter der Mitwirkung der Vertreter aller Nationen stattfinden sollte. Diese arbeiteten vierzehn Tage in den Brotkarteii-Bureaus unter der Aufsicht deutscher Beamten. Beim Empfang der Brotkarten mußte jeder verschiedene Fragen bezüglich seiner Nationalität, Familienverhältnisse usw. beantworten. Die Litauer lehnten es von vornherein ab, sich an den Kommissionen zu beteiligen, da sie die Zeit zur Erörterung verschiedener sehr heikler Nationalitätsfragen durch eine Volkszählung für ungünstig hielten. Auch die