Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 28 (12.7.1918)
- Date
- 1918-07-12
- Page
- Seite 326 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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326 Das Jüdische Echo Nr. 28 Waren nun schon zwei schwere Unterlassungssünden begangen, so sollte doch gewiß wenigstens der Brandschaden so rasch als möglich wettgemacht werden! Der Tempel bildete das Hauptzentrum des synagogalen Lebens in Wien. Jeder Gottesdienst war von Tausenden besucht. Jede Feier größeren Stils, auch bei patriotischen Anlässen, die alljährliche Herzl-Gedenkfeier usw., konnte schon mit Rücksicht auf den großen Fassungsraum, nur in diesem Gotteshause stattfinden. Obwohl nämlich die Wiener Gemeinde sich in dieser Zeit verdoppelte und andere Großgemeinden einen Prachttempel nach dem anderen errichteten, begnügte sich der Vorstand seit 60 Jahren mit diesem einen größeren Gemeindetempel, Die Fürsorge für Bethäuser überließ man Tempelvereinen, freiwilligen Spenden und Sammlungen. Sollte somit die Wiener Gemeinde nicht mit einem weiteren Makel behaftet werden und durch das Entbehren eines einigermaßen entsprechenden Gotteshauses religiös und moralisch zu neuem Schaden kommen, so war die Instandsetzung dieses Haupttempels eine unabweisbare Forderung der Stunde. Die Gutachten der Sachverständigen sprachen sich klar und bestimmt zugunsten einer unverzüglichen Inangriffnahme, einer wenigstens provisorischen Wiederherstellung des Baues aus. Der Vorstand hatte dafür kein ■— Geld. In begründeter Voraussicht solchen Verhaltens war sogleich nach dem Brande eine private Sammlung für den Wiederaufbau des Tempels eingeleitet worden, die bereits nahezu eine Million erzielt hat. Der Vorstand gab auch die strikteste Zusicherung, es solle mit dem Bau sogleich begonnen werden. Seitdem sind wieder Monate ins Land gezogen. Es bleibt alles beim Alten. Ja, nicht einmal zum Wegräumen des Schuttes konnte man sich entschließen. Da alles ohne Aufsicht blieb, wurde alles gestohlen, was nicht niet- und nagelfest war. Edelmetall, Pultdeckel1, Gebetbücher usw. wurden ohne Scheu am hellichten Tage fortgetragen. Gebetbuchblätter lagen, vom Winde entführt, in der weitesten Umgebung des Tempels im Gassenkot derart, daß von vielen Seiten Beschwerden einliefen. Durch das offene Dach hatten Regen und Schnee freien Zugang, um alles in Grund und Boden zu zerstören, was dem Feuer standgehalten hatte. Ein halbes Jahr brauchte man, um an die Beseitigung des Schuttes zu schreiten. Das Holz liegt auf dem Tempelhof als willkommene Beute für allerhand Ungeziefer, das auch den Nachbarhäusern Besuche abstattet. So verfährt eine Judengemeinde mit ihrem Gotteshause, während eine um dieselbe Zeit von einer Feuersbrunst heimgesuchte Wiener Kirche nach wenigen Wochen wieder vollständig ihrem Zwecke diente! Und nun das Ärgste. Eine Gemeinde ist obdachlos, und zwar gerade der Teil der Wiener Judenheit, der den Hauptträger des Wiener jüdischen Gemeindelebens bildete. Die Mitglieder suchen notgedrungen in privaten und Vereins-Tempeln Unterkunft. Die Beute aus dem Brande wird unter diese aufgeteilt. Die Leopoldstadt hat aufgehört zu sein. Dem Vorstand beliebt es so und die Gemeinde — schweigt. Wien bleibt gemütlich. Alldeutsche und Antisemiten. Die „Deutsche Zeitung“ vrröffentlicht folgende begeisterte Zustimmung eines Herrn v. Bodelschwingh zu antisemitischen Ausführungen ihres Mitarbeiters v. Gebsattel: „Während der Wahlrechtsdebatte im Abgeordnetenhause habe ich gewartet und gewartet, ob nicht wenigstens dort einmal das Kind beim rechten Namen genannt werden würde.“ Aber vom Judentum, dem Hauptschuldigen an unserem ganzen innerpolitischen Elend, ist, von dem leider zurückgezogenen Antrag Heins, abgesehen, nicht die Rede gewesen. Es ist und bleibt eben, trotz der furchtbaren inner- und außerpolitischen Zersetzungsarbeit des Judentums während des Krieges, so, wie es vorher war, Vom Umlernen ist bei denen, denen die parlamentarische Vertretung unseres Volkes anvertraut ist, nichts zu spüren. Berührt man in einem Privatgespräch die Judenfrage, so heißt es: „Sie haben ja vollkommen recht, aber . . . .“ Von einem „Ja also!“ wie es unser Kaiser einmal empfohlen hat, ist in bezug auf die Judenfrage nichts zu erkennen und doch ist ein entschiednes „Ja! wir wollen den Kampf gegen diesen Verräter und Verderber unseres Volkes offen und mannhaft aufnehmen“, eine der höchsten Pflichten gegen Fürst und Volk. T?auThallmcrier fiofUeferant München Thßaänevfcr.tö. (rm^losor ffynzUkme Sä