Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1918-07-12 · 28 (12.7.1918) · p. Seite 323

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
28 (12.7.1918)
Date
1918-07-12
Page
Seite 323 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9102973-9138380--02191-9075013
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 28 Das Jüdisch« Echo 323 kommen Leute aus Deutschland und versuchen die Förderer dieses Rechtes unmöglich zu machen. Und inzwischen verharren die jüdischen Gemeinden in ihrem Zustande völliger Ohnmacht und Untätigkeit, verharrt der jüdische Geist in seiner Totenstarre und wartet, wartet auf seine Erweckung. Es war sicherlich ein hohes Verdienst der jungjüdischen Bewegung, daß sie bald daranging, wenigstens für die Einheit der heranwachsenden Generation etwas zu tun, daß sie eine Organisation schuf, in der Kinder und junge Leute aller jüdischen Kreise und Richtungen sich auf der Basis jihrer gemleinsamen Abstammung und ihrer gemeinsamen Sehnsucht nach jüdischem Gemeinschaftssinn vereinigen konnten. Ohne jedes Parteiprogramm trat der B 1 a u - W e i ß auf den Plan; nur jung sollten seine Mitglieder sein, nur jüdisch und nur menschlich wertvoll. Den jüdischen Körper sollte er kräftigen und durch Beschäftigung mit jüdischer Geschichte, jüdischer Kunst und Literatur, durch Erweckung der Freude an allem Lebendigen die jüdische Seele wecken. Keine politische Richtung, keine religiöse Sonderbestrebung wollte er bevorzugen — nur wollte er jedem Knaben und Mädchen Gelegenheit geben, im Kreise jüdischer Gefährten wieder jüdisch fühlen zu lernen und sich selbst eine Anschauung über Ziele und Aufgaben des Judentums zu bilden. Und wer die Buben und Mädchen beobachtet hat, wie ihre Körper sich mit Kraft und ihre Herzen mit Freude und Wärme erfüllen, wie in ihnen eine tiefe Liebe zu dem Stamme, dem sie entsprossen sind und eine heiße Sehnsucht, an der Erhaltung dieses Stammes mitzuwirken, erwacht ist — der wird die Einrichtung des Blau-Weiß als eine der glücklichsten Schöpfungen des modernen Judentums betrachten. Gerade durch den Kontakt der verschiedensten, bisher durch religiöse Gruppenbildung oder soziale Unterschiede getrennten Kreise hat der Blau- Weiß am meisten für die Belebung des Judentums getan: von den Kindern aus gesetzestreuen Häusern lernten die andren den Sinn und die Schönheit jüdischer Gebräuche, von denen aus zionistischem Kreise wurde der Gefährtensinn auf die alte Volksheimat gelenkt. Diese Berührung der bisher getrennten Kreise schien die beste Gewähr für ein künftiges einiges und darum zur Abwehr der Gefahr und zur Belebung des Geistes fähiges Judentum zu sein. Es ist schade, daß dieses Streben nach Einigkeit nun wieder durchkreuzt wird. Bisher waren es nur assimilatorische Kreise, die durch boshafte und gelegentliche Denunziationen dem Blau-Weiß ans Leben wollten; jetzt haben sich auch orthodoxe Kreise gegen ihn verschworen und ein Mittel, das ihnen noch wirksamer dünkt, gegen ihn bereitet: ein Konkurrenzunternehmen. Der Blau- Weiß hat niemals den Kindern gesetzestreuer Häuser die Erfüllung ihrer religiösen Pflichten erschwert; er hat vorsorglich alles vermieden, was ihr religöses Empfinden verletzen konnte, und er hat ihnen sogar gerade durch das Zusammensein mit Andren Gelegenheit gegeben, ihren Einfluß geltend zu machen. Aber das genügt nicht: man geht hin und gründet einen separaten, einen separatistischen Wanderbund. Wozu? Werden die Körper der Kinder kräftiger werden, wenn sie nur in orthodoxer Gesellschaft wandern? wird die Freude an der Natur, das Verständnis für die Stimmen des Lebens in Wald und Flur größer sein, wenn sie nur von orthodoxen Herzen aufgenommen werden? oder wird der Gemeinschaftssinn der jüdischen Jugend gestärkt werden, wenn man versucht, sie ihren bisherigen Gefährten abspenstig zu machen und ■— das ist bei einer Konkurrenz-Propaganda nicht zu vermeiden — den Bund jener andren zu kritisieren und herabzusetzen? Wiarum will man künstliche Scheidewände zwischen jüdischen Kindern errichten, warum will man sie lehren, sich besser zu fühlen als andre und endlich: warum will man ihnen die Gelegenheit rauben, von jenen zu lernen was zu lernen ist und ihnen zu geben was man zu geben hat? Es genügt doch, wenn die alte Generation vor lauter Parteispaltungen zu keiner gemeinsamen Tat kommt; weshalb auch die Jugend in Gruppen spalten und damit zu fortdauernder Ohnmacht verurteilen? Seien wir offen: was die orthodoxen Kreise vor allem zu diesem Konkurrenzunternehmen veranlaßt, ist die Furcht vor der Berührung der Kinder mit den Zionisten, die in den Blau-Weiß-Bünden so viel gelten. Glaubt man wirklich, durch die Schaffung eigner Bünde die orthodoxe Jugend gegen die Gefahr des Zionismus gefeit? Der Zionismus ist eine Jugendbewegung, ist das lebens- und hoffnungsvolle Ideal, das sich das Judentum seit langer Zeit erschuf. Jugend aber will sich nicht genug sein lassen an der Pflege des Alten — Jugend will Neues, sie will nicht die Wiederkehr, sondern Erneuerung. Und wo sich ein Kreis junger Juden vereinigt, um die Welt und das Leben im Gemeinsamkeit zu erleben, da stellt dieses Ideal sich ganz von selbst. Was wird die Orthodoxie sagen, wenn sie findet — und sie wird es eines Tages finden —. daß ihre Konkurrenz-Wanderbiinde von zionistischem Geiste infiziert sind? Was wird aus den Kriegswaisen? Im „American Jewish Chronicle“ weist Dr. Max Rai sin auf das schwierige Problem der Fürsorge für die im Krige verwaisten jüdischen Kinder hin. Wir entnehmen seinen Ausführungen das Folgende: Über 100 000 jüdische Kinder sind während der Schreckensjahre des Krieges Halb- oder Ganzwaisen geworden. Ihre Zukunft ist ein Problem, das die Vereinigung der Energie und Überlegung der gesamten Judenheit erfordert. Hier handelt es sich nicht allein um materielle Hilfe, um die Abhilfe physischen Elends, sondern auch um die Erziehung mit aller ihrer großen Bedeutung für uns Juden. Diese Kinder werden aufwachsen und eines Tages ein Aktiv- oder ein Passivposten der Judenheit sein, und diese hat Sorge zu tragen, daß sie das erstere und nicht das letztere werden. Außer für die Körper muß auch für die Seelen gesorgt werden. Sie müssen als Juden erzogen werden und neben der allgemeinen Schulbildung jüdischen Unterricht erhalten, damit sie uns nicht verloren gehen und künftige Geschlechter uns für diesen Verlust verantwortlich machen. Hier liegt ein besonders wichtiges und dringendes Gebiet der Hilfsarbeit vor, das keinen Aufschub duldet, sondern in der allernächsten Zukunft in Angriff genommen werden muß. Wir müssen uns klarmachen, daß diese Kinder, um richtig erzogen werden zu können, nicht in ihrer jetzigen Umgebung bleiben dürfen. Die jüdischen Gemeinden in Polen und Rußland, und zwar sowohl die von den Deutschen okkupierten, sowie djie 'unter bolschewistischer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.