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Das jüdische Echo · 1918-07-05 · 27 (5.7.1918) · p. Seite 313

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
27 (5.7.1918)
Date
1918-07-05
Page
Seite 313 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 27 Das Jfidlsche Echo 313 noch viel weniger wurde für das Volk selbst etwas getan. Der Vertreter der russischen Regierung versprach viel, hielt aber wenig. Wie früher wurde die Bevölkerung ohne Ordnung aus den Städten und Städtchen evakuiert. Am wenigsten wurde hierbei für die Stadt Wilna selbst gesorgt. Es waren keine Züge da, um die Menschen und ihre Habe wegzuführen, ohne Bestechung konnte man überhaupt nichts bekommen, weder eine Fahrkarte, noch einen Frachtschein für Warentransporte. Einige von den Bewohnern begriffen nicht die Ursache ihrer Abreise und wußten nicht, wohin sie fahren sollten. Es ist unter diesen Umständen begreiflich, daß der größte Teil der armen jüdischen Bevölkerung, geschweige denn der aus anderen Städten Angekommenen, in Erwartung des Feindes in Wilna verblieb. Die jüdischen Wohltäter, welche die Möglichkeit hatten, Wilna zu verlassen, mußten sich fragen, ob sie die große Gemeinde ohne Schutz und Hilfe verlassen oder ob sie bei ihr bleiben sollten. In diesem Punkte war die Psychologie der Juden eine andere als die der übrigen Bevölkerung. Sie zweifelten nicht, wofür sie sich entscheiden sollten. Nachdem Warschau und Polen von den Deutschen erobert waren, fühlte sich die polnische Bevölkerung Wilnas dem Königreich Polen viel näher als Rußland. Die Litauer Bevölkerung Wilnas betrachtete die Stadt als ihr eignes Heim auch dann, wenn Aussicht bestand, daß sie von den Deutschen erobert würde. Nur die jüdische Bevölkerung trug kein Verlangen, in Wilna zu verbleiben und sich auf die Zukunft zu verlassen, da sie nicht wußte, was ihr hier noch bevorstände. So blieben nur diejenigen in der Stadt, die bleiben mußten! Die Flüchtlinge, die vom jüdischen Komitee eine Unterstützung erhielten, Kleinhandwerker, Kleinhändler und Berufslose. Mit diesen allen sind einige Gebildete und Wohltäter geblieben, die es für ihre Pflicht erachteten, mit den Hilfsbedürftigen zusammen zu bleiben. Dieser Unterschied in der Psychologie der zurückgebliebenen Juden und Christen spiegelte sich auch im weiteren Leben der Wilnaer Bevölkerung deutlich wider. Die Polen blieben wie bisher die Herren in der Stadtverwaltung und hatten auch während des ersten Jahres die Verwaltung der Nahrungsmittel in ihren Händen. Die Verwaltungsbeamten waren mit Lebensmittel, Holz, Petroleum usw. reichlich versorgt. Die übrige Bevölkerung, besonders die jüdische, mußte lange bitten, ehe sie einen Teil der in die Stadt eingeführten Warenvorräte erhielt. Auch die Bürgermiliz war in polnischen Händen. Noch vor dem Einmarsch der Deutschen in Wilna wandten sich einige polnische Demokraten an die Juden mit dem Vorschlag, zusammen mit ihnen den Bürgerschutz zu organisieren, doch die Juden lehnten den Vorschlag ab. Im Juli 1915 arbeitete die Stadtduma in geschlossenen Sitzungen alle Einzelheiten dieser Organisation nach dem Warschauer Vorbild aus, und einige Stadträte machten die jüdischen Gemeindevorsteher mit dieser Frage bekannt. Die Organisation war bereits fertig, die Kommandanten und Kommissare von den Polen gewählt, als man den Juden einige Stellen als Gehilfen und gewöhnliche Milizianten anbot. Eine solche untergeordnete Rolle im Bürgerschutz wollten die Juden nicht spielen. Allerdings gab es für die leitenden Stellen keine geeigneten Juden; aber auch für die untergeordneten Dienste wollten sich die Juden, in Anbetracht der Anwesenheit der Russen in der Stadt und aus Furcht vor der russischen Verwaltung, nicht gern hergeben. Die Beschuldigungen gegen die Juden wegen Spionage und Deutschfreundlichkeit hatten noch nicht aufgehört. So blieben die Juden ohne Einfluß auf die (nach dem Stadtrat) bedeutendste Macht der Stadt, die Bürgermiliz, und das war eine der Ursachen, daß sie in der Folgezeit manche trübe Stunden erlebt haben. Damit soll nicht gesagt sein, daß die offiziellen Beziehungen der Juden zu ihren Nachbarn schlecht gewesen seien, im Gegenteil, die Juden führten in verschiedenen Angelegenheiten Verhandlungen , bald mit den Polen, bald mit allen zusammen. Im Streit der Polen mit den Litauern und Weißrussen sind die Juden stets neutral gewesen. Gewöhnlich nahmen sie Partei für die schwächere Seite, in der Hauptsache gingen sie zusammen mit den demokratischen Elementen und betrachteten sich als eine unabhängige Nation. Nach dem Vorschlag der Polen wurden die Juden zusammen mit den Litauern und Weißrussen in das Bürgerkomitee aufgenommen, das seine Tätigkeit sofort nach dem Einmarsch der Deutschen in die Stadt begonnen hat. Die Juden erhielten vier Plätze in der Komiteeverwaltung. Das Komitee hätte eine große politische Bedeutung im ganzen Lande, sowohl in praktischer als in moralischer Hinsicht erlangt, wenn nicht — außer anderen Hindernissen — die Polen durch ihre übertriebenen nationalistischen Forderungen Schwierigkeiten bereitet hätten. Dadurch blieb seine Tätigkeit zunächst auf die Stadt Wilna beschränkt und sank aber allmählich ganz herab. Die Polen besaßen damals noch einige Macht, aber nach und nach wurde ihr Einfluß auf die Leitung der Stadtverwaltung eingeschränkt, obwohl im September 1916 Polen als ein selbständiger Staat proklamiert wurde. Unmittelbar nach der Eroberung des Landes haben die jüdischen Vorsteher vor allem für ihre nationalen Interessen zu kämpfen gehabt. Die Bekanntmachungen der Regierung sind früher in deutscher und polnischer Sprache, nachher auch in litauischer aber nicht in jüdischer Sprache gedruckt worden. Man glaubte einfach, daß die Juden in einer polnischen Stadt Polnisch und Deutsch verständen, da sie ja ein deutsches Dialekt sprechen. Die Juden mußten der Regierung klarlegen, daß Wilna keine polnische Stadt sei, wobei sie sich besonders auf die Litauer beriefen, und daß das jüdische Volk weder Deutsch noch Polnisch spreche, sondern sich seiner eigenen Sprache bediene. Dadurch bewirkte man. daß die Bekanntmachungen auch jüdisch gedruckt wurden. Im November 1915 fand die erste Volkszählung statt, um die Brotkarten einführen zu können. Die Zählung hat sich auf die Zahl der Erwachsenen und Kinder bis zu 14 Jahren beschränkt und ist unter der Aufsicht der deutschen Polizei ausgeführt worden. Jeder Einwohner bekam eine Liste zur Ausfüllung, in der alle Fragen in polnischer und litauischer aber nicht in jüdischer Sprache vorgedruckt waren. Die jüdische Intelligenz mußte die Richtigkeit der Angaben ihrer Gesinnungsgenossen verbürgen, da für falsche Angaben eine Strafe festgesetzt wurde, übrigens mußten sich alle Juden schon deshalb einschreiben. weil sie sonst Gefahr liefen, kein Brot zu bekommen. Der gewöhnliche Jude konnte ebensowenig den Sinn aller Fragen begreifen, wie sich auf der erteilten Aufklärung der Christen verlassen. Alle Bemühungen waren vergebens: auch die späteren 2 Volks-

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