Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 26 (28.6.1918)
- Date
- 1918-06-28
- Page
- Seite 303 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Das jüdische Echo 303 seuuenz, den Juden auch als Menschen nicht gleichberechtigt zu betrachten. Das ist die Ursache der Erscheinung, daß wir in Galizien trotz der bürgerlichen Gleichberechtigung, die uns das Gesetz gewährleistet, dennoch bürgerlich entrechtet sind. Diese faktische und theoretische Entrechtung der Juden als Nation hat den Boden für die Pogrome vorbereitet. Der Redner gibt dann eine Schilderung der Vorgänge in Galizien und fährt fort: „Man wird natürlich, wenn man in der polnischen Presse über diese Versammlung berichten wird, nicht unterlassen, zu sagen, daß ein russischer Jude — ich bin ein Litwak — die friedlichen Ostjuden in Holland gegen die Polen aufzuhetzen suchte. Wir litauischen Juden, erklären die Polen, sind dem polnischen Lande vollkommen fremd. Wir sind ein fremdes Element, das die polnischen Juden aufhetzt. Aber wenn es gilt, die polnischen Grenzen zu bestimmen, verlangen die Polen Litauen als Teil Polens. (Heiterkeit.) Städte mit überwiegender jüdischer Bevölkerung werden dann laut als polnisches Besitztum proklamiert. Sonst ist Litauen ein historisch verbriefter Teil Polens, aber wenn die Juden Litauens sich mit ihren Brüdern in Polen solidarisch erklären, dann sind sie Fremdlinge, die-die Atmosphäre in Polen vergiften. Wir erklären vor der ganzen Welt, daß das Judentum die jüdische Frage in Polen und Galizien als seine Sache, als die gemeinsame Sache des ganzen jüdischen Volkes betrachtet. (Stürmischer Beifall.) Das Judentum der ganzen Welt wird nicht zulassen, daß die 3 Millionen polnischer Juden auf dem Altar eines fremden Volkes aufgeopfert werden. (Stürmischer Beifail.) In der sozialistischen Welt besteht ein altes Mißtrauen gegen nationale Forderungen. Wenn man die Geschichte der nationalen Bewegungen studiert, versteht man dieses Mißtrauen. Der Nationalismus hat in der Tat Gefahren. Man muß in der Tat zwischen einem defensiven und einem offensiven, einem fortschrittlichen und einem finsteren chauvinistischen Nationalismus unterscheiden, der nach Beherrschung der Völker strebt. Wir haben einen guten Prüfstein, um den freiheitlichen Charakter einer nationalen Bewegung festzustellen: ihr Verhältnis zur Demokratie und zu den nationalen Minderheiten im Lande. Eine nationale Bewegung, die nicht bloß das Land, sondern auch die Bevölkerung befreien will, ist der Unterstützung der sozialistischen Internationale wert. Eine nationale Bewegung, die das eigene Volk in Sklaverei halten und andere Nationen des Landes entrechten will, ist rückschrittlich und. macht sich zur Dienerin der Herrschaftsgelüste einer herrschenden Kaste. Wir müssen uns weigern, die polnische Freiheitsbewegung als freiheitlich anzuerkennen, solange sie sich weigert, unser Recht anzuerkennen, als freie Gruppe in Polen zu existieren.“ Der Redner gibt dann eine ausführliche Darstellung der jüdischen Lage in Rumänien und der rumänischen Schreckensherrschaft in Beßarabien und kritisiert den Bukarester Friedensvertrag, der den Zustand verschlechtere. „Europa wird keinen Frieden haben, solange es auf nationale Unterdrückung nicht verzichtet. Das sollten sich die Völker überlegen. . Wenn die Zeit der Demütigungen für uns Juden ihr Ende erreichen wird, wenn wir in unser altes Vaterland zuriiekkehren werden, werden wir allen Völkern zeigen, wie wir unser kleines Land im Geiste der Gerechtigkeit und der nationalen Gleichheit auibauen werden. Das wird unsere Antwort sein. Wir werden in Palästina unsere alten Zusammenhänge mit den jüdischen Propheten wieder hersteilen. Die Begriffe der nationalen Freiheit sind eng verbunden mit dem alten jüdischen Gedanken der Erlösung der Menschheit im Reiche Gottes auf Erden. Dort in Palästina werden wir den Völkern Europas zeigen, wie wir die Beziehungen von Mensch zu Mensch, von Volk zu Volk einrichten.“ (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) J. K. B., Haag. Dr. ff. L. Eisenstadt. In Homburg v. d. Höhe, wo er Genesung von einer in Ausübung seines Berufes zugezogenen Krankheit suchte, ist Dr. med. H. Ludwig Eisenstadt im Alter von 46 Jahren verschieden. Mit ihm ist ein ausgezeichneter Arzt und edler Menschenfreund, ein hervorragender Wissenschaftler, ein überzeugungstreuer Jude, ein stolzer Sohn seines Volkes zu Grabe getragen worden. 1872 geboren, absolvierte er das Gymnasium in Breslau und studierte dann Medizin in Breslau, Berlin und Freiburg. Nachdem er einige Zeit in Berlin Assistenzarzt bei Professor Kuhnert war, zu dessen Lieblingsschülern er zählte, ließ er sich in Berlin als praktischer Arzt nieder. Neben ausgezeichneter ärztlicher Praxis übte H. L. Eisenstadt auch eine fruchtbare wissenschaftliche Tätigkeit aus und hat er zahlreiche Arbeiten veröffentlicht, die in Fachkreisen Beachtung und Anerkennung gefunden und seinen Namen bekannt gemacht haben. Und zwar war es das Gebiet der Sozial-Hygiene, das er zu seinem Spezialstudium gemacht und durch zahlreiche hervorragende Arbeiten bereichert hat. An dieser Stelle sollen seine Arbeiten jüdischen Inhalts besonders hervorgehoben werden. Tief wurzelnd im Judentum, in einem patriarchalisch frommen Hause aufgewachsen, in dem er die Ritualgesetze in ihrer täglichen praktischen Ausübung kennen gelernt hat. ist es kein Wunder, daß der junge Arzt später sein Augenmerk aut dieses Gebiet gerichtet hat, um die biologische Bedeutung dieser Gesetze wissenschaftlich zu erforschen. Eine seiner ersten Arbeiten war: die Sexualgesetze in dem hebräischen Gesetzbuche Eben- Eser. Eine der letzten: Methoden und Ergebnisse der jüdischen Krankheitsstatistik. In seinen letzten Tagen in Homburg schrieb er eine Abhandlung über die rituelle Beschneidung und suchte dieselbe mit der verminderten Kriminalität der Juden in Verbindung zu bringen. Auf Grund seiner Untersuchungen zieht Eisenstadt den Schluß, daß die Erfüllung der rituellen Speise-, sozialen und Sexualgesetze der jüdischen Rasse eine erhöhte Lebensfähigkeit und Immunität gegen verschiedene Krankheiten verliehen hat. Die Nichtbefolgung dieser Gesetze in der neuen Zeit muß auch zu einer körperlichen Schwächung der Juden führen. Er war deshalb einer der ersten Verfechter der Bestrebungen zur möglichen Wiedereinführung der alten jüdischen Friihehe, und das in vielen Kreisen jetzt erwachte Interesse für dieses Problem ist hauptsächlich auf seine Arbeiten zurückzufiihren. Daß der Biologe Eisenstadt im Zionismus mit seiner Tendenz der Rückkehr der Juden zur Landwirtschaft und zum Naturleben das bedeutendste Mittel! zur Gesundung der jüdischen Rasse gesehen hat, ist selbstverständlich. Für ihn war die wirtschaftliche Umgruppierung der Juden im