Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 26 (28.6.1918)
- Date
- 1918-06-28
- Page
- Seite 298 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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298 Das Jüdische Echo Nr. 26 bungen, jüdische und allgemeine, mit Rat und Tat unterstützte. Auch hier tat er mehr als geboten war, aber das Außerordentliche leistete er — in Gemeinschaft mit seiner im Wohltun mit ihm wetteifernden Gattin — wo es galt, .selbst Opfer zu bringen und die eigene Persönlichkeit einzusetzen. Die Dankbarkeit seiner zahlreichen Schützlinge, der Bedürftigen, denen er spendete, die Gebeugten, die er aufrichtete, sind das schönste Denkmal dieses hilfreichen Menschen. Lauterkeit und Vornehmheit waren die Vorzüge seines jüdisch-politischen Wirkens. Die Aufgabe eines Rabbiners einer heutigen deutschen Gemeinde, besonders einer Großgemeinde, ist nicht leicht. Das deutsche Judentum ist heute so zerklüftet, daß gemeinsame geistige Inhalte kaum mehr zu finden sind. Diese Zerklüftung artet leider vielfach in unerquickliche und allen Teilen schädliche äußere Kämpfe aus. Daß die Großgemeinde München, nicht wie manche deutsche Gemeinden z. B. Berlin, Hamburg, Frankfurt, ein Bild der Zerrissenheit darstellt, sondern daß über all dem Trennenden doch das Gemeinsame und Verbindende durchdringt, ist in der Hauptsache der vornehmen und versöhnlichen Art Dr. Werners zu danken. So wenig er seine persönliche Überzeugung verbarg, und so sehr er sie, wenn es not tat, mit Entschiedenheit verfocht, so hat er sich doch nie einer einzigen Partei ganz und gar verschrieben und sich immer Achtung bewahrt vor der Meinung anderer, auch wenn sie unbequem war. Versöhnlichkeit und Milde waren bei ihm nicht der Ausfluß unklarer Meinungen oder eines schwächlichen Charakters, sondern positive Bestandteile seiner jüdischen Weltanschauung. Er war zunächst und vor allem Jude, mit Leib und Seele; er hatte ein warmes Herz für alle jüdischen Bestrebungen und jedes echte jüdische Gefühl, er sah über allem Trennenden, das die Zufälle der historischen Schicksale in die Judenheit hineingetragen haben, das Ewige und Gemeinsame, das Orthodoxe, Zionisten, Liberale, Ost- und Westjuden eint: ihre Zugehörigkeit zu dem uralten und unsterblichen jüdischen Volk, das der Menschheit so viel gegeben hat und das noch, wovon er tief überzeugt war, zu großen Aufgaben berufen sein wird. Darum suchte er innere Zerwürfnisse zu mildern, die Einheitlichkeit der Front nach außen zu wahren, die verschiedenen Richtungen zu gemeinsamen Werken zu vereinen, den berechtigten Forderungen jeder Richtung nach Möglichkeit Geltung zu verschaffen. Auch die politischen Gegner anerkannten dies gerne und dankbar. Dr. Werner war stets ein vornehmer und edler Gegner, der unnötige Schärfen und kleinliche Mittel im Kampfe vermied und die Person von der Sache zu trennen wußte — Tugenden, die, so hoffen wir, nicht mit ihm aus der Leitung der Münchner Gemeinde verschwinden werden. Besondere Hervorhebung verdient in diestem Zusammenhang sein Wirken für die vor einigen Monaten hier gegründete „Arbeitsgemeinschaft“ der jüdischen Organisationen Münchens (die Münchner „VIOD“). Dr. Werner gehörte zu ihren Gründern und eifrigsten Förderern, weil er erkannte, welch großer Wert der persönlichen gegenseitigen Aussprache und Zusammenarbeit der Angehörigen verschiedener jüdischer Richtungen innewohnt und daß es gemeinsame Aufgaben für alle Richtungen gibt. Als: solche lagen ihm besonders am Herzen die Gründung einer jüdischen Bibliothek und einer jüdischen Lesehalle in München. Daß eine derartige Persönlichkeit sich der allgemeinen Sympathie und Wertschätzung erfreute, versteht sich von selbst. Der ihm von höchster Stelle verliehenen und wohlverdienten Auszeichnungen freute sich der schlichte bescheidene Mann hauptsächlich darum, weil er darin Ehrungen sah, die seinem Amt und damit dem Judentum zuteil wurden. Die zahlreichen Organisationen, denen er als Vorstand oder Vorstandsmitglied angehörte, können wir nicht einzeln aufzählen. Wir nennen als die wichtigsten: Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Hilfsverein der deutschen Juden, Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, Verband der deutschen Juden, Deutscher Rabbinerverband, Bayerischer Rabbinerverband usw. Damit sind aber nicht nur Titel und Würden aufgezählt, sondern jede dieser Vorstandsstel'len bedeutete ein gehäuftes Maß ernster Pflichterfüllung, erfolgreichen Wirkens. Ein hervorragender Rabbiner, ein guter Jude, ein edler Mensch ist mit Dr. Werner gestorben. Sein Andenken wird fortleben in der Geschichte der jüdischen Gemeinde Münchens. S. F. Eine Ehrenschuld. Seit dem 17. Juni ist die Sammlung für das Palästina-Hilfswerk in München in vollem Gange. Schon liegen recht günstige Zeichungsergebnisse vor, wie der Bericht in dieser Nummer unseres Blattes beweist. Hoffentlich wird die Endsumme nicht hinter den gehegten Erwartungen Zurückbleiben. Mit den Spenden für den Palästinafonds entledigt sich das gesamte Judentum einer Dankes¬ und Ehrenschuld gegen eine Schar von Volksgenossen, die in dieser Zeit der Krisen und Umwälzungen auf einem besonders weit vorgeschobenen Posten stehen. Auch in andren Teilen der Welt, vor allem in Osteuropa, ist die jüdische Bevölkerung durch den Krieg in schwere Bedrängnis versetzt worden, und ihre Notlage stellt hohe Anforderungen an alle, die fühlen, daß sie das tiefe Leiden ihrer Volksgenossen nicht tatenlos mitansehen dürfen, wenngleich sie wissen, daß alle für die Millionen osteuropäischer Juden gespendete Hilfe nur ein Tropfen auf einen heißen Stein ist und daß nur eine allmähliche wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung die Wurzel des Übels ausrotten kann.