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Das jüdische Echo · 1918-06-21 · 25 (21.6.1918) · p. Seite 292

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
25 (21.6.1918)
Date
1918-06-21
Page
Seite 292 (sequence 8)
Language
German
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292 Das Jüdische Echo Nr. 25 Das jüdische Palästina. Der Londoner Korrespondent des „Jüdischen Korrespondenzbureaus“ im Haag berichtet: Der bekannte Zionistenführer Major Norman Dentwich wurde zum Generalstaatsanwalt und Appellrichter für den von den Engländern besetzten Teil Palästinas ernannt. Feuilleton El mole rachmim. Von Victor Gomulicki. Victor Gomulicki, geb. 1850, führte sich zuerst durch „Poesien“ von seltener Kraft und Tiefe vorteilhaft ein und versuchte sich dann auch mit Glück im Lustspiel und in der erzählenden Prosa. In seinen „Wahrhaftigen Bildern“, 1886, kleinen Skizzen und Novellen aus dem Leben ist zwar das Studium veritatis oft weit getrieben, aber mit leichter weicher Hand in eleganter Form ein reiches psychologisches Material aufgehäuft. Gestalten wie die der Tante in „Aus fremdem Bienenstock“, der armen Magd in „Marianne“, des zwischen Elend, betrogener Liebe, Ruhm und Enttäuschung hin und hergeworfenen jungen Poeten „Coelio“ sind frisch aus der Wirklichkeit herausgegriffen. Gomulickis glücklich erfundener Einakter „Das geheime Fach“ zeigt uns ein junges Ehepaar, dessen Wohlergehen den Neid einer einst Verschmähten erregt, die schließlich als Intrigantin entlarvt wird. Die neueste Ausgabe seiner „Poesien“ erschienen 1887, eines der bedeutenderen Gedichte der Sammlung, „El mole rachmim“, in welchem sich Phantasie und Realismus zu einem schönen Ganzen vereinigen, lautet in Übersetzung: Ein Sommerabend war’s. das Dunkel nahte, Ich stand im Hofe einer Judenkathe, In welchen ich gewußt mich einzustehlen; Der Glaube eint ja nicht — er trennt die Seelen! Dort regte sich der schwarzen Häupter Zahl: Hausierer Itzig sollte sich vermählen. Auf eines Trödlers Tochter fiel die Wahl. Der Ort war häßlich wie die Gäste alle; Erwachte Gänse schnatterten im Stalle, Zum Lüften hing ein Bett auf dem Gelände, Und Bratfischdunst verhieß der Küche Spende, Zwei Bäumen drohte Schwindsucht mit dem Ende. Die Sterne glänzten durch die hehre Nacht, Wie Sabbatkerzen in des Goldes Pracht. Im Festkleid unter rotem Baldachin Stand Itzig, Kerzenqualm umwallte ihn, Ein Bürschchen, halb ein Knabe, halb ein Mann: Den Juden fällt die Liebe meuchlings an. Er läßt geschlossnen Aug’s das Schicksal walten. Um unverhofft ein Weib im Arm zu halten. Da drängten sich gewöhnliche Gestalten. Wie sie alltäglich feilschen um die Ware, Da sah man Trödler, Mäkler, Antiquare, Man sah die von der Sonne braunen Wangen Im goldnen Licht der Wachs-Hawdolen prangen, In denen Flamme sich an Flamme nährt Wie in Erzengels blitgzeflochtnem Schwert. Die Häupter beugten nickend sich wie Ähren. Ein unverständlich Plappern war zu hören. Doch schien die Andacht keinem der Genossen Wie Beaumarchais nur „feierliche Possen“. Der Bräutigam verhüllte sein Gesicht, Und einer aus dem Volk — ein Priester nicht — Ein schlichter Mensch, noch bleicher als die andern Und trauriger, ließ rings die Blicke wandern Und sang — ein Hochzeitlied, doch keins der Lust; Zwei Buben kreischten mit aus voller Brust, Der Haufe brummte, halb gerührt, halb wild. Ich sah mit Neugier aber kalt dies Bild, Und Itzig, ernst bei Schacher wie Altar, War mir nur Itzig — arm und ein Hausierer, Auch in den übrigen, wie viel auch ihrer. Ward ich nur Menschen niedern Schlags gewahr, Für die Prozent und Bart und Glauben eins. Denn trotz des Mondlichts und des Kerzenscheins, Die sie umflossen in der Weihestunde. Gab kein Gesicht von edlem Aufschwung Kunde. Da plötzlich schwieg der Sang — in stiller Pause Tat sich ein Fenster auf im Hochzeithause, Daran die Braut gemäß der alten Sitte Mit Tränen saß in vieler Frauen Mitte. Der Kantor hob die Arme hoch empor (Ein Mann mit langem Bart, dem Blick voll Feuer) Er sprach vom Vater ihr, der ihr so teuer. Und den sie schon in früher Zeit verlor. Der heute fehle bei dem Fest der Seinen! Da klagten alle laut, und bei dem Weinen, Dem Weiberschluchzen und dem Händeringen Begann er das Begräbnislied zu singen: „El mole rachmim“ ... Anfangs unter Tränen, Stieg der Gesang nur leise himmelwärts, Noch hemmte seine Kraft der tiefe Schmerz. Es war ein zitternd Jammern nur, ein Sehnen, Doch dann, von heißem Fühlen angefacht. Erwuchs zur Leidenschaft des Sanges Macht, Denn nicht um eine — um Millionen Grüfte Erhob der Klageruf sich in die Lüfte, Er schwebte zu den Gräbern aller Lande, Wo Israels Gebein gesät umher. Verstreuet liegt gleich unfruchtbarem Sande. Die Saat — so klang es — keime nimmermehr, Nur taubes Unkraut wuchre auf den Stätten. Zu Zwergen ward das Volk in Ungemach, Wie schwer, wie lange drückten es die Ketten! Der Sang entströmte mächtiger — ein Bach, Der von dem Sturm geschwellt zur Ferne strebte, Des Sängers Augen funkelten, es bebte Die Brust ihm. und der Stirn, der unbedeckten, Entperlte Schweiß. Ich sah ein Mütterlein Gelähmt und regungslos wie Felsgestein, Wie sie die Töne neu zum Leben weckten. Im Zimmer flössen Tränen, ach, so heiß, — Und als das Lied Jerusalems gedachte. Der heil’gen Mutter fern im lichten Weiß. Die ihren Söhnen sich zum Opfer brachte, — Als es erinnerte an alle Not, Verfolgung, Schmach und Bann und Martertod, Und daß das Glück auf ewig hingeschwunden. Da bluteten die aufgerissnen Wunden, Der hoffnungslose Seelenkummer schwoll Zum Aufschrei an. wild und verzweiflungsvoll. Das rang sich aus des Busens tiefsten Falten, — Ich hörte Menschen, klagend vor dem Herrn Im Stolz auf jene Größe, die nun fern. Und kühn gemacht durch bittern Leids Gewalten. Und wunderbar, jetzt wuchsen die Gestalten. Sie standen groß, geadelt vor mir da. Und edler schien mir alles, was ich sah: Nicht stieß mich Itzigs Kleidung ab und Stand, Der bärt’gen Männer Alltagsmiene schwand. — Mir war zu Sinn, als ob ich wachend träume.

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