Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 25 (21.6.1918)
- Date
- 1918-06-21
- Page
- Seite 291 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 Das Jüdische Echo 291 stärkt. Eine große, jüdisch-nationale Bibliothek enthaltend Tausende von Büchern aller Sprachen sorgt für das geistige Wohl der Juden von Focsani. Noch so schwerwiegende Ereignisse im politischen Leben Rumäniens vermochten eine solche Basis nicht zu erschüttern. So wenig wie in Friedenszeiten grausamste persönliche und geistige Unterdrückung der rumänischen Juden die zionistische Bewegung beeinträchtigen konnte, ebensowenig vermochte der Krieg die segensreiche Arbeit unserer Gesinnungsgenossen lahmzulegen. Um Dr. Nacht, den Führer der zionistischen Bewegung Rumäniens, sah ich bei meinem ersten Besuche Juden deutscher, österreichischer, russischer, bulgarischer, türkischer und rumänischer Staatsangehörigkeit versammelt: Freunde und Feinde, im Kriege beseelt von ein- und demselben Ideal, träumend ein- und denselben Traum. Unter großen Opfern und dank der vortrefflichen Führung des Dr. Nacht war es möglich, die Schulen aufs neue in Betrieb zu setzen und damit in erster Linie der jüdischen Jugend die hebräische Sprache zu erschließen. Pesach 1917 — kurze Zeit nach der Besetzung Focsanis — hat ferner eine zionistische Kommission, bestehend aus den Herren Dr. Nacht, Aron A. Grünberg, David Rintzler, Jos. Frisch, Leser Chaimovici, Abraham Chais, Jakob Stockler, nach Überwindung großer Schwierigkeiten und unterstützt vom damaligen Ortskommandanten die Erlaubnis erhalten, die jüdische Bevölkerung mit Mazzos zu versorgen. In Verbindung damit war es möglich, den jüdischen Soldaten an der Sedertafel — wenn auch nur auf wenige Stunden — für die an Jomtowim doppelt fühlbare Trennung von der fernen Heimat zu entschädigen. Russische Kriegsgefangene wurden in dortigen Lagern reichlich mit geistiger Nahrung versorgt und die langentbehrte nötigste Wäschekleidung von Zionisten zur Verfügung gestellt. Gekrönt wurden diese Werke, die im Zeichen einer „Okkupation“ doppelt hoch zu veranschlagen sind, durch eine Sammlung, deren überraschendes Ergebnis obengenannte Kommission in dasi „Goldene Buch“ einzutragen gestattete. Und noch viele andere nachahmenswerte Taten fallen unter das Kapitel „Gefangenen-Fiirsorge“, u. a. die während der blutigen August-Offensive am Sereth von den Gefangenen so warm empfundenen Brotverteilung, die dank der Sammelfreudigkeit junger Zionisten, u. a. der Herren Josef W. Segall und Ilie Iliovici aufgebrachten und anläßlich Purim an jüdische Gefangene (rumänische und russische Juden) zur Verteilung gelangten Lei 1000.—, die Errichtung eines Betsaales im Gefangenen-Lager, die in erster Linie der Toleranz des Lagerkommandanten Herrn Leutnant Müller zu danken ist. Von jener Zeit datieren die regelmäßigen Gottesdienste im Lager, zu denen die Zionisten Focsanis den Vorbeter stellten. Für die Notsitandsaktion machten sich in erster Linie die Herren Moritz L. Klein und Leon Kahnanowitsch durch eine Sammlung von mehreren hundert Lei verdient. Durch Vermittlung deutschiiidischer Soldaten war es möglich, zur Frage des Friedensschecks Stellung zu nehmen. _ Eine internationale und trotzdem nationale Kommission hat sich in der Gestalt des Fräulein Lore Chaise, Fräulein Jetti Chaimovici, des österreichischen Kanoniers Leon Weber, Rawaruska; des russischen Kriegsgefangenen Benjamin Hailpern, Bialystock; des rumänischen Zivilgefangenen Moritz L. Klein, Focsani und des deutschen Unteroffiziers Jakob Enstein, Leutershausen (Bayern) zusammengefunden, um den Purimtag dem Nationalfondssammeln zu widmen. Die Tatsache, daß 75 Prozent der Juden Focsanis im Felde sind, konnte das Ergebnis dieser Sammlung nicht im mindesten beeinträchtigen; die Summe von rund Lei 750.—. repräsentiert das Sechsfache von Nationalfondssammlungen bei den größten Agitationsreden in Focsani zu Friedenszeiten. Nebenbei möchte ich bemerken, daß diese Sammlung durchaus kein politisches Agitationsmittel sein sollte. Sie ist mit diesem alles bisher übersteigenden Resultat das Echo auf die begeistert aufgenommenen Erklärungen der Außenministerien der Zentralmächte in den zionistis/chen Kreisen Focsanis. Das ist das ungefähre Bild der zionistischen Bewegung in Focsani, eines Ortes, dessen jüdische Bewohner durch die Okkupation einerseits und bis vor kurzem noch durch das Donnern der Kanonen andererseits sich stündlich berechtigter als ihre Mitmenschen die Frage auferlegen mußten „wofür?“, dessen Juden tagtäglich das alte, ewig jung bleibende Lied von Amalek vernahmen, aber dadurch erst zu „Juden“ wurden, die alles hinzugeben wissen für ihr Ideal Mit herzlichen Zionsgrüßen bin ich Ihr Jakob Enstein. Welt-Echo Die russischen Juden in England. Das „Jüdische Korrespondenzbureau“ im Haag berichtet: Auf eine Interpellation des Abgeordneten King gab Macpherson, Staatssekretär im Kriegsministerium, folgende .Erklärung ab: Die Regierung hat beschlossen, alle russischen Untertanen, die jetzt rekrutiert werden, nicht an der Front zu verwenden, sondern nur zu Hilfsdiensten heranzuziehen. King interpellierte dann den Minister für innere Angelegenheiten, ob ihm bekannt sei, daß die russische Regierung die militärische Konvention gekündigt habe und die russischen Untertanen nicht mehr verpflichtet wären, in England zu dienen. Der Minister für innere Angelegenheiten, George Cave, antwortete, daß die englische Regierung vom russischen Botschafter Litwinow befragt wurde, welche Maßnahmen sie im Hinblick auf die Konvention zu ergreifen gedenke. Weder die Telegramme der russischen Regierung noch die Anfrage Litwinows enthielten eine Ungültigkeitserklärung der Konvention. Die jüdische Armee für Palästina. Das „Jüdische Korrespondenzbureau“ im Haag berichtet: Eine jüdische Delegation unter Führung des jüdischen Abgeordneten Jacobs richtete an die kanadische Regierung das Ersuchen, den jüdischen Dienstpflichtigen freizustellen, sich dem jüdischen Regiment anzuschließen. Die Regierung gab ihre Einwilligung. Die Nachricht rief großen Enthusiasmus in der jüdischen Bevölkerung hervor. Etwa 3000 jüdische Soldaten werden sich nunmehr der jüdischen Legion anschließen. Das zweite Kontingent der jüdischen Legion ist von England nach Palästina abgegangen. Aus Amerika treffen immer wieder neue Kontingente ein. Der „Jewish Chronicle“ gibt seinem Bedauern Ausdruck, daß die neuausgehobenen russischen Juden nur im Hilfsdienst verwendet werden und nicht die Möglichkeit erhalten, sich dem jüdischen Regiment anzuschließen.