Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 25 (21.6.1918)
- Date
- 1918-06-21
- Page
- Seite 287 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 Das Jfldtsche Echo 287 Mit einer Spannung die sich allmählich zu einer tiefen inneren Bewegung steigerte, folgten die Hörer der fast zweistündigen Rede. Als Buber endete, hatte sich zwischen ihm und vielen von denen, die gekommen waren, um seine Gedanken und die vollendete Form, in die er sie kleidet, zu genießen, eine viel tiefere Beziehung angesponnen: die Beziehung zwischen dem Führer und der Gemeinde, die gewillt ist, dem erwählten Leiter unbedingte Gefolgschaft zu leisten. In manchen der Älteren wird der starke Eindruck noch eine Weile nachklingen und dann vielleicht verblassen; aber von den Jüngeren ist mancher bereit, Martin Buber seinen Dank für das was er ihm gegeben hat, dadurch auszudrücken, daß er von diesem Augenblick ab mit dem Gebot der Verwirklichung in seinem eigenen Leben ernst macht, daß er sich bereitet die Wahrheit dieser Forderungen für heute und morgen unter dem Einsatz seines ganzen Seins zu verwirklichen. Martin Bubers Persönlichkeit ein paar flüchtige Stunden lang genießend zu erleben, hieße ein Unrecht an ihm begehen. Martin Bubers Lehre gilt es aufzunehmen — und die will nicht nur verstanden, sondern ein ganzes Leben lang in jedem Augenblick gelebt werden. H. H. C. Zur Begründung einer Äkademie für die Wissenschaft des Judentums.1) Von Hermann Cohen. Unter allen Wandlungen, welche die religiös-kulturelle Verfassung des Judentums seit etwa hundert Jahren erfahren hat, ist keine so frappant wie die Verminderung oder gar das Verschwinden der jüdischen Gelehrsamkeit unter den modernen Juden. Es war ja ein soziologisch sehr interessanter Ausnahmezustand, der das ganze Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit herrschend war, daß fast in jeder kleinsten Gemeinde sich Männer fanden, die als Handelsleute doch zugleich die volle Befähigung zur Verwaltung des Rabbineramtes besaßen. Dieser so überaus charakteristische Zustand mußte aufhören, als den Juden die vielseitigen Aufgaben der modernen Kultur sich erschlossen und sie, sei es in den gelehrten Berufen, sei es den eine erhöhte allgemeine Bildung erfordernden Industrie- und Handelszweigen sich hingaben. Zunächst freilich trat für diesen Notstand dadurch eine Aushilfe ein, daß der moderne Rabbiner ganz unwillkürlich zum Vertreter der modernen Wissenschaft an seiner Religion, ihrer Literatur und Geschichte heranwuchs. So entstand die bedeutsame Tatsache, daß vom deutschen Rabbiner die Wissenschaft des Judentums geschaffen wurde: die Wissenschaft auf Grund der methodischen Philologie und Geschichtsforschung, während die Talmudstudien, wie sie bis dahin betrieben wurden, dieser modernen methodischen Hilfsmittel entbehrten. *) Dieser in den „Neuen Jüdischen Monatsheften 1918, Nr. 11 erschienene Aufsatz des verstorbenen Gelehrten, eine seiner letzten Arbeiten, soll nach seinem eigenen, gegenüber der Redaktion der „N. J. M.“ geäußerten Wunsch möglichst weite Verbreitung finden. Wir bringen, diesem Wunsch gerne nachkommend, den Aufsatz unseren Lesern hiermit zur Kenntnis, als einen interessanten Beitrag zum jüdischen Bildungsproblem der Gegenwart. Durch diese Schöpfung der jüdischen Wissenschaft erhob sich der deutsche Rabbinerstand zu einer geistigen Höhe, welche einen gewissen Ersatz darbot für die Lücken, die in der jüdischen Laienwelt durch die Verminderung des Thorastudiums in ihren Reihen entstanden waren. Die Gelehrsamkeit war in den jüdischen Massen verringert, aber in den Rabbinern mit der modernen Wissenschaft verschmolzen worden. So wichtig nun aber diese Wandlung für den Rabbinerstand und demzufolge auch für die kulturelle Physiognomie der Gemeinde wurde, so mußte allmählich doch der Mißstand fühlbar werden, daß der Gelehrtenstand schlechterdings zusammenfiel mit dem Rabbinerstand. Dies war nicht nur eine Anomalie in der jüdischen Geschichte, sondern es bedeutete auch ein Mißverhältnis zu den Anforderungen einer jeden Pflege der Wissenschaft und insbesondere zu den Aufgaben der Wissenschaft für die Erhaltung des geistigen Lebens innerhalb einer lebendigen Religion, die als» Kulturreligion sich behaupten will. Die Anzahl der freien Gelehrten darf in einer religiösen Gemeinschaft nicht beschränkt sein auf die Anzahl der amtierenden Geistlichen. Die Wissenschaft des Judentums war daher kaum entstanden, da regten sich schon die Forderungen nach einer jüdisch-theologischen Fakultät. Diese Stimmen sind bis zum heutigen Tage nicht verstummt, ebensowenig aber befriedigt. Auch hier trat zwar die entsprechendeAushilfe ein. Die Fakultät konnte freilich nicht geschaffen werden: dafür aber wurden Rabbinerseminare ins Leben gerufen. Immer jedoch blieb der Gedanke vorherrschend, daß die Rabbiner allein die Träger der jüdischen Wissenschaft seien und den Umständen nach sein müssen. Eine Ausnahme wagte sich in Berlin hervor: die alsi Hochschule gedacht war, als solche aber nicht genehmigt wurde, immerhin doch wenigstens als Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums sich auftat, nicht somit als jüdisch-theologisches Seminar, noch als jüdisch-theologische Lehranstalt sich ankündigte. Und in der Tat haben an dieser Lehranstalt Juden und auch Christen studiert, und die Prüfungen werden dort noch heute abgesondert von den Rabbinatspriifungen vorgenommen. Indessen bilden diese Hörer doch nur verschwindende Ausnahmen gegenüber der Mehrzahl derjenigen, welche an dieser Lehranstalt ihre Studien machen, um für ein Rabbineramt befähigt zu werden. Also auch diese dem reinen wissenschaftlichen Zwecke errichtete Lehrstätte konnte vornehmlich nur Rabbiner hervorbringen, nicht aber den Mangel an freien jüdischen Gelehrten ersetzen. Es machte sich daher in der Produktion der jüdischen Forschung eine Stockung fühlbar, obgleich den Rabbinern ein erstaunlicher Fleiß und eine bewundernswerte Schaffenskraft nachzurühmen ist. Sie konnten dennoch allein den Bedürfnissen nicht Genüge leisten, welche die moderne Zeit an neuen Problemen und durch neue Stoffzufuhr hervorrief. Und wenn es selbst einem isolierten Gelehrten gelungen war, eine literarische Arbeit zu vollbringen, so war es schwer, einen Verleger für die Arbeit zu finden. Es fehlten die Betriebsmittel, ohne welche ein wissenschaftliches Leben sich nicht fruchtbar und wirksam erhalten kann. Um diesen Mängeln abzuhelfen, entstand vor einem Jahrzehnt etwa die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums“. Schon der Titel läßt den Zweck erkennen, auf dem diese