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Das jüdische Echo · 1918-06-14 · 24 (14.6.1918) · p. Seite 277

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
24 (14.6.1918)
Date
1918-06-14
Page
Seite 277 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 24 Das Jüdisch« Echo 277 dem wir die schützenden idealen Kräfte den gefahrdrohenden Neigungen gegenüber stärken und der Jugend die Ethik des Judentums so ins Bewußtsein pflanzen, daß sie im Leben stets wirksam bleibe. Die Fortbildungsschule findet da ein reiches Feld ihrer Betätigung. An den Sabbatnachmittagen möge der Erzieher die schulentlassene Jugend um sich sammeln, um mit ihr im freien Gedankenaustausch die wichtigsten Fragen der Weltanschauung zu erörtern und im gemeinsamen Erleben die Bilder unserer geschichtlichen Vergangenheit aufzurollen, wodurch das jüdische Selbstbewußtsein bei der Jugend gekräftigt werde. Unter dem Einfluß des heiligen Gotteswortes kann der Erzieher mit dem nötigen Takte auch auf das Sexualproblem eingehen. Aus dem Einfluß der Lektüre auf die geistige und sittliche Bildung resultiert von selbst die Aufgabe des Lehrers, der Jugend Führer zu sein auf diesem Gebiete und sie namentlich mit guter jüdischer Literatur bekannt zu machen. Bei allen pädagogischen Maßnahmen hat der Erzieher die Individualität der Schüler zu berücksichtigen und die Achtung vor ihnen zu bewahren. Nur so, betonte der Redner, könne die Fortbildungsschule, deren Besuchszwang auf die sog. Einjährigen ausgedehnt werden müßte, die Grundforderung für jüdische Erziehung erfüllen. Mit der Fortbildungsschule sollten die jüdischen Jugendvereine in engste Fühlung treten. Diese bis zum Ende des Jünglingsalters reichende Erziehungseinrichtung muß jedoch auf einer weitgehenden Selbstregierung beruhen und darf dabei der Mitarbeit Erwachsener nicht entbehren. Die Jugendvereine sollen edle Geselligkeit pflegen, sie sollen turnen, spielen und wandern und damit zur körperlichen und geistigen Ertüchtigung der Jugend, zur Stärkung des jüdischen Gemeinschaftsgefühles beitragen. Der Ausbau der Jugendvereine zu Jugend- und Lehrlingsheimen, wo die schulentlassene Jugend sich wohl und heimisch fühlen und gerne ihre freie Zeit verbringen könnte, ist besonders erstrebenswert. Parallel mit der Tätigkeit der sittlich-religiösen Erziehung läuft die Frage der Berufswahl und -bildung. Für die Berufswahl kommt bei allen Eltern vorwiegend in Betracht, ob der Junge als Jude in dem Berufe vorwärtskommen kann, bei einem beschränkteren Kreis, ob der Jude in dem Beruf bleiben kann. Neben diesen allgemeinen jüdischen Prinzipien müssen bei der Berufswahl die individuelle geistige Veranlagung, die „psychologischen Faktoren der geistigen Eignung“, die körperliche Tauglichkeit, Vorbildung, Neigung und Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht in Erwägung gezogen werden. Einen energischen Kampf aber müssen wir führen gegen die bei uns Juden vorherrschende extreme Geistigkeit und den daraus resultierenden unvernünftigen Zudrang zu den geistigen Berufen. Um so eifriger sollen wir die Jugend für das Handwerk zu gewinnen suchen, denn es wird jenen Prinzipien am besten gerecht, die bei uns Juden für die Berufswahl maßgebend sind. Landwirtschaft und Gartenbau seien erst in zweiter Linie zu empfehlen im Hinblick auf die verschiedenen Hemmungen und die gesamte Konstruktur der jüdischen Bevölkerungssiedlung. Ein dringendes Bedürfnis sei endlich die Errichtung von jüdischen Berufsberatungsstellen mit Stellenvermittlung in jedem Ort und in jeder Stadt. . Zuletzt mahnte der Redner noch eindringlich, daß wir mit offenen Augen dem sich jetzt vollziehenden Umbildungsprozeß und seinen Auswirkungen für die Berufswahl unsere volle Aufmerksamkeit schenken mögen, damit die hereinbrechende neue Zeit ein tüchtiges jüdisches Geschlecht finde. — Die Zuhörerschaft gab ihrer Anerkennung für die praktischen Darlegungen lebhaften Ausdruck. „Über Nerven und Kindererziehung“ sprach am letzten Abend der Erziehungswoche Herr Dr. Grünebaum in sehr anregender Weise. Das Eingehen auf das erste wichtige Erziehungsproblem, die Säuglingsfürsorge, so führte der Vortragende aus, sei vor einer jüdischen Zuhörerschaft nicht vordringlich, umso angebrachter halte er ärztliche Aufklärung über die Beziehung der nervösen Störungen zur Kindererziehung. Die Fehler der letzteren seien eine der tiefsten Ursache der ersteren. Das Ein- bis Zweikindersystem, das leider in jüdischen Familien fast zur Regel geworden sei, führe zu einer Art Überfürsorge, deren Frucht sich in verminderter Widerstandskraft des Geistes und Körpers zeige. Für eine erfolgreiche Entwicklung des Körpers genüge die Beobachtung der primitivsten Forderung der Hygiene und als bestes. Erziehungsmittel der geistigen Seite müsse beim Kleinkinde das Beispiel der Eltern und der älteren Geschwister angesehen werden. Die einseitige Ausbildung des Verstandes im vorschulpflichtigen Alter bilde eine große Gefahr für das Nervensystem. In dieser Beziehung sind besonders die „Einzigen“ gefährdet durch den fast ausschließlichen Umgang mit Erwachsenen. Der Besuch der Schule kann einerseits: als Heilfaktor gegen Erziehungsfehler der Eltern angesprochen werden; anderseits ist nicht zu leugnen, daß die Schule als solche eine Nervosität erzeugen und steigern kann durch seelische Insulte, die die Schulkinder treffen. Hierher gehören insbesondere die Verhöhnungen unserer Kinder wegen ihrer Glaubenszugehörigkeit. Den schädlichen Wirkungen solcher Angriffe ist am sichersten dadurch zu begegnen, daß unsere Kinder zu selbstbewußten Juden herangezogen werden, die stolz auf ihr Judentum sind. — Der Redner geht dann des Näheren auf die geistige Überbürdung ein, die nur durch gemessenen Wechsel zwischen Arbeit und Ruhe paralysiert werden könne. Insbesondere sei jedem Kinde die nötige Erholung nach Beendigung des Schuljahres durch einen Ferienaufenthalt auf dem Lande zu gewähren. Darum gehöre es zu den heiligsten Aufgaben der jüdischen Großgemeinden und ihrer Wohlfahrtseinrichtungen, auch den sozial schlechtgestellten Kindern solchen innigen Verkehr mit der freien Natur zu ermöglichen. Einen schlimmen Mißgriff bedeute es hinwiederum, wenn die bessergestellten Eltern ihren Kindern in den Ferien große Reisen, Aufenthalt in bekannten Weltbadeorten usw. gewähren. Dadurch werde nicht Erholung, sondern Blasiertheit und Gleichgültigkeit gegen die wirklichen Naturgenüsse bei der Jugend gefördert. ln Kurorte und Sanatorien gehören nur wirklich kranke Kinder. Als gewisses Gegengewicht gegen die einseitige Inanspruchnahme des Geistes müssen auch die körperlichen Übungen angesehen werden, deren intensive Pflege unsern Kindern wärmstens zu empfehlen sei. Aus der Fülle der Erziehungsprobleme für die reifere Jugend griff der Vortragende, einem Wunsche der Leitung der Erziehungswoche folgend, die Frage der sexuellen Aufklärung heraus. Nicht Aufklärung um jeden Preis, sondern Erklärung auf sexuellem Gebiete in stufengemäßer Weise auch bei

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