Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 23 (7.6.1918)
- Date
- 1918-06-07
- Page
- Seite 269 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Das Jüdische Echo 269 Judenfeindliche Proklamationen in Warschau. In letzter Zeit werden ab und zu judenfeindliche Hetzblätter und Proklamationen in Warschau von anonymer Seite verbreitet: zum Teil fordern sie zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung auf. Der jüdisch-nationale Ratsmann Noa Prilutzki brachte nun im Zusammenhang mit diesen Proklamationen im Stadtrat folgenden dringenden Antrag ein: „Am 30. April wurden in der Stadt an die Passanten Proklamationen verteilt, welche in durchsichtiger Form zu Gewalttaten gegen die Juden auffordern. Wir schlagen daher dem Stadtrat vor, folgenden Beschluß anzunehmen: Der Stadtrat bestätigt, daß die polnische Gesellschaft keine Verbindung mit den Aufrufen hat, die am 30. April in der Stadt verbreitet wurden und zu Gewalttaten gegen die Juden auffordern. Er betrachtet sie als die Handlung von Provokateurs, die außerhalb der polnischen Gesellschaft stehen. Der Stadtrat fordert alle Bürger auf, diese provokatorischen Handlungen zu bekämpfen, und die Schuldigen den Händen der Justiz zu überliefern.“ Der Antrag war von 21 Ratsmännern, darunter auch polnischen, unterschrieben. Nachdem die Dringlichkeit des Antrages einstimmig angenommen wurde, fand eine kurze Debatte statt. Schließlich wurde auf Vorschlag des polnischen Ratsmannes Libitzki der Antrag in folgender Form angenomen: „Der Stadtrat drückt seine Empörung aus über die Aufrufe, die in der Stadt verbreitet wurden und zu Gewalttaten gegen die Juden auf fordern. Er betrachtet sie als Handlung von Provokateurs, die außerhalb der polnischen Gesellschaft stehen.“ Der Antrag wurde in dieser Formulierung einstimmig angenommen. Noch einmal die Lazienki-Frage. Bekanntlich ist die berüchtigte Lazienki-Frage noch immer nicht in zufriedenstellender Weise geregelt. Die Aufschrift, die am Eingang des großen Lazienki-Parkes hängt, und die neben Zigeunern und Betrunkenen auch Juden in langen Kaftanen den Eintritt in den Park verbietet, ist noch nicht beseitigt. Von jüdischer Seite sind schon sehr häufig energische Versuche unternommen worden, um diese empörende Aufschrift zu beseitigen. Vor einem Jahre ungefähr hat sogar der Warschauer Stadtrat einen solchen Beschluß akzeptiert, doch hat der Magistrat ihm keine Folge geleistet, indem er wohl eine neue Aufschrift befestigte, worin nur Betrunkenen und Zigeunern der Eintritt verboten wurde, aber die alte Aufschrift gleichfalls hängen ließ. Die „Vereinigung zur Verbreitung der gesellschaftlichen Arbeit unter den Juden“ hat sich nun vor kurzem an den polnischen Ministerrat mit der Bitte gewandt, die alte Aufschrift zu beseitigen. Das Ministerium hat die Angelegenheit an den Regentschaftsrat weitergeleitet, weil der Lazienki- Park der polnischen Krone gehört, die der Regentschaftsrat gegenwärtig vertritt. Dieser Tage hat nun das Ministerium vom Zivilkabinet des Regentschaftsrates den Bescheid erhalten, daß Leute in nichteuropäischer Kleidung den Park nicht betreten dürften. Diese Antwort hat das Ministerium der „Vereinigung zur Verbreitung der gesellschaftlichen Arbeit unter den Juden“ übersandt. Damit hat die höchste polnische Behörde, der Regentschaftsrat selbst, diese unerhörte Aufschrift bestätigt und sanktioniert. Es ist dies für die gegenwärtige Haltung der Polen zu den Juden außerordentlich bezeichnend. Während bisher die polnische Intelligenz selbst sich den Anschein gab, als ob sie die beleidigende und antisemitische Stimmung nicht gutheiße, diese vielmehr ein Produkt des russischen Zarismus sei, hat nunmehr die höchste polnische Instanz ihr die Sanktion erteilt. Man wird in Zukunft, wenn von polnischer Seite wieder jeglicher Antisemitismus in ihrer Politik den Juden gegenüber bestritten werden wird, auf den Bescheid' des Regentschaftsrates verweisen dürfen als auf ein unzweideutiges Bekenntnis der wirklichen Gesinnung der polnischen Machthaber. Die Wahlen zur jüdischen Gemeinde in Czenstochau. Die Wahlen, die Ende April stattgefunden haben, ergaben laut dem „Czenstochauer Tageblatt“ einen Sieg der Liste des Vereinigten Wählkomitees (Zionisten, Nationalisten, Orthodoxe) und eine vollkommene Niederlage der Assimilanten. Der Rabbiner von Brest-Litowsk in Warschau. Seitdem Brest-Litowsk von den Deutschen besetzt und die gesamte jüdische Bevölkerung auf russischen Befehl die Stadt verlassen mußte, war man in weiten jüdischen Kreisen über das Schicksal des Rabbiners von Brest-Litowsk. des berühmten Gaon Rabbi Chaim Soloweitschik, beunruhigt. Als Minsk von den Deutschen besetzt wurde, wurde bekannt, daß er sich dort aufhielt. Dieser Tage nun ist er mit seiner Familie nach Warschau übergesiedelt, wo ihm ein ehrenvoller Empfang seitens der weitesten Kreise der jüdischen Bevölkerung zuteil wurde. Bekanntlich zählt Rabbi Soloweitschik zu den bedeutendsten jüdischen Talmudisten und religiösen Autoritäten der Gegenwart. Besuch des Mitgliedes des Zionistischen Aktions* komitees Dr. Alfred Klee. In der vergangenen Woche weilte Herr Dr. Alfred Klee mehrere Tage in München und stellte sich in dankenswerter Weise in den Dienst der zionistischen Propaganda in unserer Stadt. Nach einem Vortrag in kleinerem Kreise sprach er in einer öffentlichen Versammlung am 28. Mai über das Thema „Der Zionismus und die Großmächte“. Zunächst auf die Vorgeschichte dieser aktuellen Frage eingehend, hob der Redner hervor, daß das Deutsche Reich die erste Großmacht gewesen sei. die s. Z. durch den Mund des deutschen Kaisers dem Führer Theodor H e r z 1 ihre Sympathie ausgedrückt habe. Dem Deutschen Reich folgte England (El Arisch, Uganda). Der Weltkrieg hat das ostjüdische Problem und zugleich das Palästinaproblem den Großmächten zur Lösung gestellt, und so kam es, daß der Zionismus, der in großzügiger Weise beide Probleme verquickt und zusammen zu lösen versucht, zum weltpolitischen Faktor wurde. Nach der Reihe haben dies die Großmächte während des Krieges anerkannt. Einleuchtend legte der Redner dar, wir aus der Gruppierung der Mächte sich auch deren verschiedene Stellung zum Zionismus ergab. Die Mittelmächte haben begreiflicher Weise vermöge ihres Bündnisses mit der Türkei größere Schwierigkeit, sich in Erklärungen und Taten für die Verwirklichung der jüdischen Besiedlung Palästinas einzusetzen als die Mächte der Entente. Unter Berücksichtigung dieser Schwierigkeiten muß doppelt anerkannt werden, was bisher dasi Deutsche Reich, besonders durch Vermittlung seiner Konstantinopler Botschafter für die bestehende Kolonisation in Palästina geleistet hat — eine Unsumme von wertvollster Kleinarbeit, der wir unendlich